Herbert Mehler und Yoshiyuki Miura in der Jörg Heitsch Galerie

So wäre der öffentliche Raum zu retten

von Michael Wüst

Yukiyoshi Miura, Rote Pyramide, 2015. Foto: Michael Wüst

Zwei Bildhauer, beide wichtige Vertreter der skulpturalen Kunst im öffentlichen Raum, behaupten dicht gedrängt in der Jörg Heitsch Galerie ihren Ort und den Raum darum. Schwer- und Leichtgewichte. Haptisch Kraftvolles von Herbert Mehler steht neben orakelhaft Erscheinendem von Yoshiyuki Miura.

Eigentlich ein Unding, diese außerordentlich umfangreiche Präsentation selbstbewusster Volumina quasi katalogartig in Galerieenge zu zwingen, wäre da nicht die beredte Latenz der Arbeiten – hinauszuweisen aus der sozialen Enge der Glockenbach-Bürgerhäuser in jegliche Weite. Weite der Zivilisation, Weite der Landschaft.

Nicht umsonst entstand ja seit etwa der Jahrtausendwende der Begriff der skulpturalen Narration, der Skulptur grundsätzlich auch als etwas die Materie, den Stoff Verlassendes fassen wollte - sozusagen eine Plastizität des Intentionalen behauptete. Erzählung selbst hat vielleicht überhaupt die Tendenz in sich, zu verlassen, gleich wen und von wo. Erzählungen sind nicht dingfest.

Aber auch in der Enge der Präsentation tragen die Objekte ihre Option an sich, wie ein Erbmaterial für zukünftige Standorte. Skulpturen sind eben keine Denkmäler, die Zeitlosigkeit vorflunkern, sondern trotz aller Festigkeit momentane Erscheinungen. Schwere Metallarbeiten sollten vielleicht nicht auf Bodenplatten stehen, viel schöner wäre es, wenn sie langsam in der Landschaft versinken würden. Auch die Sonne geht wieder auf.

Herbert Mehler Appianamento 2013. Foto: Michael Wüst

Herbert Mehler und Yoshiyuki arbeiten so unterschiedlich, dass einem das alte Bild von der Einheit der Gegensätze haften bleibt, von Himmel und Erde, Yin und Yang.

Herbert Mehlers Skulpturen sind erdhafte Manifestationen des Ursprungs. Der wetterfeste Corten-Stahl, im Freien schnell überzogen mit einer an Holz erinnernden, korrosionsfesten Rostschicht wird gefalzt wie der Balg eines Akkordeons oder antiken Kamera. Symmetrisch exakt, wie gegossen, entstehen gedrehte, gespindelte, gekegelte Formen des Vegetabilen, Floralen. Samenkapseln, Blütenstempel, aufplatzendes Erbgut. Österliche Gefühle wie angesichts einer violetten Krokusserie auf einem urbanen Grünstreifen im Massenverkehr kommen jedoch nicht auf. Die Artefakte sind befreit von ihrer Naturinspiration, verströmen eher die seltsame Indifferenz von archaischen Heiligtümern. Eine urreligiöse Kraft wohnt inne, bar von Versöhnung oder Trost, aber stark in gleichwohl herkunftslosem Selbstbewusstsein.

Yoshyuki Miura schafft es dagegen mit asiatisch serieller Akribie, Illusionen, Fata Morganas in Spindel-, Pyramiden-, Kegel-, Zylinder- und Kubusform in die Luft zu hängen. Stereometrische Körper wie aus einer kosmischen Parkgestaltung. 4489 eingefärbte Stahldrähte bilden einen Kubus, in dessen Innerem, aufgrund der präzise gerechneten Farbabstufungen eine rote Pyramide erscheint, die sybillinisch zurückweicht, wenn man sich dem Objekt nähert (Rote Pyramide, 2013). Es sieht so aus, als könnte man der skulpturalen Sphinx nicht zweimal dieselbe Frage stellen.

Ein Faszinosum von der Ordnung der Körper und Symmetrien bestimmt die Arbeit beider. Harmonie und Dialektik, Bipolaritäten an der Schwelle ihrer Auflösung. Und totgesagt wurde ja der öffentliche Raum bereits mehrfach. Im zukünftigen Themenpark der Cloud-Gesellschaft mit ihren architektonischen, antivertikalen Schaum- und Blasenwelten sollten solche Arbeiten eine Wiedergeburt des offentlichen Raums ausmachen.

Jörg Heitsch Galerie, Reichenbachstraße 14, Telefon 089 26949110 bis 2. Mai 2015.

Veröffentlicht am: 21.03.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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