"KünstlerBilder. Inszenierung und Tradition" in der Neuen Pinakothek

Unsere Lieblinge

von Christa Sigg

Franz Ludwig Catel (1778-1856), Kronprinz Ludwig in der Spanischen Weinschänke zu Rom. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek München

So ausgelassen wird in der Neuen Pinakothek selten gebechert. Der Wirt bringt schon die nächsten Flaschen, Weingläser werden gehoben, man gestikuliert, schwadroniert - und Generationen von Museumsbesuchern haben sich gefragt, wo hier eigentlich der im Bildtitel genannte Kronprinz sitzt. Wer die idealisierten, im Grunde aber doch nie besonders attraktiven Porträts Ludwigs I. im Kopf hat, findet Hoheit sogar im Zentrum der Komposition, vom Weingenuss erhitzt. In der „Spanischen Weinschänke zu Rom“ wird’s halt recht zugegangen sein – „es hob mich der Wein“, schrieb der Thronfolger damals in sein Tagebuch. Und schließlich saß er im Kreise derer, die ihm noch vor den betörenden Damen seiner späteren Schönheitengalerie am allerwichtigsten waren: den Künstlern.

Kaum ein Herrscher hat Maler, Bildhauer und Baumeister so sehr aufs Podest gehoben und damit zugleich sich selbst ein glanzvolles wie kultiviertes Image verpasst. Ludwig gab Porträts der großen Alten Meister von Dürer bis zum geradezu kultisch verehrten Raphael in Auftrag, vor allem aber von seinen Zeitgenossen. Und so treffen Starbildhauer Bertel Thorvaldsen, Architekt Leo Klenze, die Maler Philipp Veit und Julius Schnorr von Carolsfeld als Zech- und Gesinnungskumpane des Wittelsbachers in der eingangs erwähnten Schänke aufeinander, am rechten Bildrand hat sich sogar der Chronist selbst, Franz Ludwig Catel, verewigt. Insofern ist dieses 1824, also ein Jahr vor der Thronbesteigung entstandene Gemälde der ideale Auftakt für eine Ausstellung von „KünstlerBildern“.

Leihgaben braucht’s nicht, an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen darf man aus dem Vollen schöpfen – abgesehen von ein paar Abrundungen durch die Graphische Sammlung. Die Spielarten des Künstleregos und seiner Darstellungsformen kann man jedenfalls mit Hauseigenem umfassend erörtern und erhält durch Ludwig gleich einen imposanten Auftakt. Der König ließ die Alte und die Neue Pinakothek mit Fresken und Skulpturen ausstatten, die noch vor der eigentlichen Museumsschau wie ein Rundgang durch die Kunstgeschichte zu lesen waren – bis 1916 bei den Skulpturen, beziehungsweise bis zum Zweiten Weltkrieg.

Beispiele aus dem Büstensaal der zerstörten Neuen Pinakothek wie die Porträts von Cornelius und Dillis, Kobell oder Hess, alle im doppelten Sinne geadelt und in ehrfurchtgebietender Cäsarenmanier auf den Sockel gehoben, verdeutlichen den geradezu irrwitzigen Anspruch dieses kunstmanischen Regenten. Wobei die pathosdurchzogenen Historienschinken drumherum – Vorlagen für die Fassadenbemalung der Neuen Pinakothek - seine hehre Künstlerschaft endgültig in eine Art königlich-bayerischen Olymp katapultieren.

Marie-Gabrielle Capet, Atelierszene (1808). Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek München/Pinakotheks-Verein

An deren eigentliches Ich geht es dann in den Selbstbildnissen der folgenden Abschnitte, und spannend wird es, wenn sich zwischendurch ein Fragezeichen, vielleicht sogar Selbstzweifel einschleichen. Doch man verlässt sich gerne auf die Tradition, und manche greifen weit in die Kiste des Repertoires, eifern den großen Vorbildern nach und vergleichen sich kühn. An Rembrandts Dunkel-Mysterium mit wenigen gezielten Lichteinfällen kommt kaum einer vorbei, und taucht man sich nicht in geheimnisvoll verschattendes Braun (Leo Samberger und Wilhelm Trübner), so wird doch mindestens das Grübeln offenkundig, die Tiefe der Persönlichkeit. Anton Raphael Mengs (1773) blickt uns aus melancholischen Augen entgegen, ein Sensibler, ja ein Schmerzensmann, der so gar nichts mit einem kühlen Klassizisten gemein hat.

Anton Graff malt sich ein paar Jahre später (um 1784) als neugierig wachen, reflektierenden Beobachter, der jeden Moment bereit ist, das Erfasste auf die Leinwand zu bannen. Und die bereits zu Lebzeiten hoch geschätzte Angelika Kauffmann gibt in ihrem Selbstporträt die Rätselhafte und zugleich die atypische Frau, die nach Plan (Disegno) vorgeht (1784).

Eine Ausnahme, sicher. Genauso wie Marie-Gabrielle Capet, die sich 1808 in einer fiktiven Atelierszene vor das Rendezvous ihrer anerkannten, längst verstorbenen Vorgänger (sie hatte immerhin eine Lehrerin!) platziert und als einzige Blickkontakt mit dem Betrachter aufnimmt. Selbstbewusst, als wollte Sie sagen: Seht her, von diesen Koryphäen habe ich gelernt, und also kann ich’s!

Immer wieder geht es um solche Vergewisserung und Positionierung. Das ist nichts völlig Neues, die Selbstdarstellung und das Zelebrieren des Künstleregos nehmen nach dem Ende des Absolutismus' jedoch mehr und mehr Raum ein im Schaffen bis hin zum Großauftritt bourgeoiser Kunstunternehmer und Künstlerfürsten in ihren hochherrschaftlichen Villen, die hier nicht Thema sein können.

Man hätte diesen ambitionierten, aber immer ein wenig in sich selbst kreiselnden Egotrip dennoch gerne weiter verfolgt an Beispielen aus der Alten und vor allem der Pinakothek der Moderne. Stattdessen endet das Ganze mit kalorienreichen Appetithappen: Édouard Manets locker hingeworfene Barkenszene mit dem malenden Monet (1874) bricht noch in ihrer Ruhe alte Klischees auf. Und James Ensors absurd-skurriler Mummenschanz im Atelier (1889) weist mit farbig expressiver Kraft weit ins 20. Jahrhundert. Bei den Beckmanns und Noldes und Kirchners oder den Neusachlichen würde man wunderbar fündig. Vielleicht ist das ja eine Option für später.

„KünstlerBilder. Inszenierung und Tradition“, bis 8. Juni 2015, Mi bis Mo 10 bis 18, Mi bis 20 Uhr; Katalog (Prestel) 24,80 Euro

Veröffentlicht am: 18.03.2015

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