Martin Kusejs "Jagdszenen" an den Kammerspielen

Chronik eines vorweggenommenen Todes

von Michael Weiser

Wie eingefroren: "Jagdszenen aus Niederbayern" an den Kammerspielen. Foto: JU/Ostkreuz

Das "Nieder" ist auf dem Plakat durchgestrichen, und auch sonst hat sich einiges geändert bei Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern": An den Kammerspielen inszeniert Martin Kusej den Klassiker von Martin Sperr als Rückblick - mit Anklängen an Edward Hopper. Eine eigenartig spröde Visite des Resi-Intendanten beim Rivalen von gestern.

Schüsse hallen durch die Kammerspiele, auf der Hemdbrust  von Abram zerplatzen die Blutpolster. Mit dem Tod des schwulen Außenseiters ist gleich in der ersten Szene ein Ende vorweggenommen, das Martin Sperr in seinem Theatererstling noch offen gelassen hatte. Tatsächlich inszeniert Martin Kusej das Drama von hinten, was dem Zuschauer, der nicht mit dem Text vertraut ist, Probleme bereiten dürfte. In der einen Szene hat sich einer erhängt, in der nächsten stolpert derselbe wieder durch sein Leben. Figuren handeln in einer Situation, die in der nächsten Szene erst erklärt wird. Darin muss man sich erst einmal zurecht finden können. Wenn man das in den Griff bekommen hat, stellt sich ein Gefühl ein: Unausweichlichkeit. Es konnte ja von Anfang an nicht gut gehen.

Kusej erwidert mit den "Jagdszenen" den Besuch von Johan Simons. Der Kammerspielleiter hatte am Resi Jelineks „FaustIN and Out“ gespielt und damit vorgelegt, zum Zwecke, die "bescheuerte Feindschaft" zwischen den beiden Häusern beizulegen. Nämliches hatte Kusej ja auch schon bei Antritt seiner Intendanz angekündigt.

Tritt mir nicht zu nahe: Tonka (Anna Drexler) und Abram (Katja Bürkle). Foto: JU/Ostkreuz

An den Kammerspielen lässt Kusej die Akteure in einem Käfig auftreten, dessen Gitterstäbe Regeln sind, scheinbar dauerhafter als Erz. Wer sich wann auf diese Regeln geeinigt hat, wie sie Übereinkunft wurden, interessiert nicht, nicht im Stück, schon gar nicht mehr in dieser Inszenierung. Sicher ist, dass dieser Kodex nicht auf Solidarität fußt: Hier ist jeder eines jeden Wolf, und sei er auch noch so angeschlagen.

Kusej erzählt das Drama  in Tableaus, in Bildern, die wie eingefroren wirken. Was in seiner Zurückgenommenheit schon mehr an Kammerspiele als ans Resi erinnert. Ein jeder ist in sich gefangen, wie in einem der vielsagend stummen Gemälde von Edward Hopper. Dazu passen die beiden Monumentalwände, die auf der Drehbühne munter von Szene zu Szene kreiseln (Bühne: Annette Murschetz), kalte Nichtorte, die mal eine Scheunenwand, mal die Mauer eines kargen Zimmers vorstellen. Und Kusej, selber Kind einer Dorfgemeinschaft, wie er im Programmheft kundtut, blendet alles aus, was von seiner stringenten Erzählung wegführen könnte. Rowi, von Jeff Wilbusch als irgendwie sympatischer Dorftrottel gespielt, macht sich keine Gedanken mehr über das Dorf und seine Rolle darin.

Es geht ja Kusej auch gar nicht mehr um das Dorf an sich, das nunmehr in Bayern liegen könnte oder irgendwo anders in der Welt. Es geht ihm offensichtlich um Abram, den er am auffälligsten besetzt hat: mit der schmalen, sonst oft kantigen Katja Bürkle. Scheu ist dieser Abram, stets verletzlich, aber auch aggressiv. Als zwiespältigen Typen haben wir Bürkle ja auch schon in der Rolle des Ficsur gesehen, in Stefan Kimmigs hervorragender "Liliom"-Inszenierung. Insgesamt aber bleibt sie in dieser kunstvollen und doch einigermaßen spröden Moritat blass, ebenso wie die meisten Kollegen an diesem Abend. Mit Ausnahme von Anna Drexler vielleicht: Ihre Tonka ist naiv und doch schlafwandlerisch sicher, ein träger Trotzkopf.

Anna Maria Sturm, Gundi Ellert, Pauline Fusban, Christian Löber (v.l.n.r.). Foto: JU/Ostkreuz

Wie gesagt, wir wissen, auf welches Ende all die eingefrosteten Bilder zutreiben. Einen Ausbruch hätten wir uns gewünscht, etwas, das die Figuren zu Typen macht. Aber auch in der Schlachtszene schreiten die Akteure nur wie in einer Revue quer über die Bühne. Da hilft es auch nicht, wenn Michael Tregor als Knöcherl sein Messer in versteinerter schlechter Laune schwingt. Nur Gundi Ellert als gemobbte Mutter schafft es in dieser Szene, so auszusehen, als habe ihr der gesellschaftliche Druck den Schweiß auf die gefurchte Stirn getrieben.

Was geht uns das an? Schwulsein ist kein Problem mehr, zumindest kein existenzielles mehr, auch nicht in Niederbayern, wo es sogar schon einen schwulen Bürgermeister gab. Da mag das Publikum bei der Vorstellung des neuen Intendanten im Theater an der Rott in Eggenfelden kurz durchgeschnauft haben. Aber: Auch dort verliert niemand mehr ein Wort über die offensiv vertretene Homosexualität des Theatermannes. Die Regeln sind - eben nur scheinbar ehern.

Das Ende müsste denn auch nicht mehr unausweichlich sein, es sei denn, man will es so. Kann aber auch einfach sein, dass aus dem etwas angejahrten Klassiker einfach nicht mehr rauszuholen geht. Aber wenn's denn der Freundschaft an der Maximilianstraße dient...

Veröffentlicht am: 02.03.2015

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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