Der Gestank toter Träume

von kulturvollzug

Wer bin ich, und wenn ja, wo? Frank Campoi lässt in seinem Stück "Die letzte Runde" die Akteure zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Fremde und Heimat umherirren. Eine Uraufführung in der Halle 7 .

Familientreffen irgendwo in Ex-Jugoslawien. Jene, die ins Ausland zum Arbeiten gingen, sind gekommen, haben ihre deutschen Freunde mitgebracht und begegnen jenen, die zu Hause geblieben sind. Heimat trifft Fremde. In Alltagsgeschichten dokumentiert sich das Dilemma der Globalisierung.

Frank Campoi fragt in seinem Stück „Die letzte Runde“, ob Heimat und Integration noch Bedeutung haben, wenn Identität durch Migration verloren geht. Der Autor hat die Uraufführung des Stücks im Theater Halle 7 auf die Bühne gestellt und zeichnet auch für Regie und Bühne (mit Cäcilia Müller) verantwortlich. Vor allem die kleinen Szenen des aufreibenden Zusammenlebens beeindrucken, wenn die Akteure immer wieder versuchen, ihre Existenz gegenüber den anderen zu rechtfertigen. Schwächen hat indessen der Text, der mit packenden Dialogen aufwartet, die dann aber prompt wieder von bedeutungsschwangeren Sätzen entwertet werden. Es bleibt zu oft beim Ansatz. So reißt Campoi die Geschichte eines jugoslawischen Boxers an, der als Gastarbeiter in Deutschland arbeitet. Seine Frau, deren Familie im Zweiten Weltkrieg den Nazis zum Opfer fiel, verweigert ihm den Traum vom Wohlstand in der Fremde. Er bleibt aus Liebe in Jugoslawien, hört aber von diesem Moment an auf, zu arbeiten. Der Autor verwendet die Geschichte als Rahmen, aber er erzählt sie leider nicht. 

Die Teilnehmer des Familientreffens erzählen über sich - und ihre neue Heimat. Über Deutschland also, und über uns. Die eigene Gesellschaft in den Augen des Fremden zu spiegeln, ist keine neue, aber eine immer wieder spannende Idee. Hierin bestünde auch die Stärke dieses Stückes, würde es stringenter ausgerichtet sein. Weniger Metaphern, weniger Verästelungen - das wäre auch in diesem Falle mehr.

Die Umsetzung im Theater Halle 7 ist gekonnt angelegt und durchaus sehenswert. Ist sie doch wieder einmal der Beweis dafür, dass mit geringsten Mitteln Erstaunliches entstehen kann. Dominiert von einem käfigartigen Raum, bietet die Dark Box große Bewegungsfläche, die choreografisch geschickt genutzt wird. Das Wechselspiel zwischen Gefangenheit und Freiheit spiegelt Gefühlswelten wider, die für Menschen zwischen Fremde und Heimat typisch sein können. Und gerade diesen Spannungsbogen kann man in dieser Inszenierung gut nachvollziehen.

Der doch etwas zu heterogen wirkenden Truppe, die der Regisseur zusammengestellt hat, folgt man über weite Strecke dennoch gerne. So muss wohl eine zwischen den Kulturen hin und her gerissene Familie aussehen, die es nicht schafft, das „normale“ Leben gemeinsam zu organisieren. Jeder ist so mit sich beschäftigt, dass kein Raum mehr bleibt, wo man etwas wie ein Zuhause finden könnte. Man versucht den eigenen Wohlstand zu sichern, belauert die anderen. „Es stinkt nach toten Träumen“, heißt einer der Kernsätze, der die Aussichtslosigkeit beschreibt. Wer keine Chance hat, sich zu verwirklichen, hat auch keine Identität, die er integrieren kann.

So bleibt letztlich unklar, inwieweit Globalisierung und Heimat vereinbar sind. Die Frage geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Nachdenklichkeit aber muss auf dem Heimweg kein schlechter Begleiter sein.

Markus Weinkopf

„Die Letzte Runde“ von Frank Campoi, Dark Box Theater Halle 7, Grafinger Straße 6, Weitere Termine: 01., 02. 03. und 10. März um 20 Uhr und am 12. März .

Veröffentlicht am: 01.03.2011

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