Zur Halbzeit der Berlinale - "Forbidden Room" von Guy Maddin

Der Hexenmeister wird bleiben

von kulturvollzug

Szene aus "The Forbidden Room". Foto: Mongrel International, Phi Films

Draußen versinkt die Stadt in grauem Dunst, drinnen stehen sich Tausende die Füße platt vor den Festivalkassen: Vertraute Bilder wie jedes Jahr im Februar in Berlin. Schon längst bekommen Presse-Akkreditierte wie Fachbesucher nicht mehr jedes Ticket für eine spezielle Vorstellung. Das Festival wabert jetzt vollends. Zu Beginn der zweiten Woche ist es an der Zeit, ein Zwischenfazit zu ziehen. Welche Filme werden bleiben? Voilà – hier in einem Berlinale-Splitter 2015 : „The Forbidden Room“ von Guy Maddin im Forum.

Nachts im Hotelzimmer träume ich weiter. Träume von viragierten Bilder-Fetzen aus dieser Wundertüte namens „The Forbidden Room“ des Kanadiers Guy Maddin, der 2011 selbst noch in der Wettbewerbs-Jury saß. Er gehört einer ganz besonderen Spezies von Filmemachern an, die mit jedem neuen Projekt versuchen, verkrustete Sehgewohnheiten des Kinos wieder aufzubrechen, und sie permanent neu zu vermessen - was ihm in seinem diesjährigen Beitrag (zu sehen im Forum) imposant gelungen ist.

Ob er in seinem Leben vor dem Film Barmann war, ist offiziell nicht bekannt, aber die Ingredienzien für seinen irrsinnigen Neo-Stummfilm-Cocktail sind famos: Monochrome Farbtitel treffen auf disparate Filmgenres, übertrieben pathetische Illustrationsmusik kreuzt sich 130 Minuten lang mit postmodernen Versatzstücken aus Schund- und Schauerromanen. Guy Maddin zelebriert die andauernde Reizüberflutung von der ersten Einstellung an. Zusammen mit seinem Kompagnon Evan Johnson geht es ihm aber hier nicht mehr darum, Geschichten zu erzählen, sondern den Zuschauer mitzureißen, ihn staunen und lachen zu lassen, wie das einst zu Beginn des Mediums Film gewesen ist, der bekanntermaßen zuerst auf ranzigen Jahrmärkten bestaunt wurde und nicht in den noblen Salons des Bürgertums. Pures Überwältigungskino statt psychologisierender Plots!

Maddin hat sich dafür dutzende, lose verbundene und sehr grelle Episoden ausgedacht. Der Coup besteht darin, dass jede Szene so aussieht, als wenn sie einem vergessenen Film aus der Geburtszeit des Kinos entnommen wäre: Alberne U-Boot-Modellbauten hier, Low-Key-Beleuchtung da. Pseudo-handkolorierte Bilder neben Gadgets aus B-Movies der frühen 1950er Jahre: Retro-Overkill im Sekundentakt. Zusammengehalten durch ein stargespicktes Ensemble um Geraldine Chaplin, Mathieu Amalric und Charlotte Rampling. Der König des Underground-Wahnsinns, Udo Kier, ist natürlich auch mit dabei. Ihm wird beispielsweise genüsslich seine Obsession für Hinterteile aus dem Hirn operiert: Dass dabei die Weichteile nur so in die OP-Schale purzeln, während im Gegenschnitt eine fesche Motorrad-Lady ihre zu Bruch gegangenen Knochen von einem Wunderarzt gesund streicheln lässt, überrascht dann auch nicht mehr.

Vulkane verkünden Urteile, sexuell ausgemergelte Frauenskelette überfallen Südseeabenteurer. Dazwischen saugt die U-Boot-Crew den letzten Sauerstoff aus ihrem Kombüsen-Fraß, ehe plötzlich ein abgehalfterter Holzfäller an Bord geht, der gerade seine Liebste aus den Händen der „Roten Wölfe“ befreien will... Amnesie! Horror! Wahnsinn! Exotik! Die verrauschten Zwischentitel bieten den einzigen Halt in diesem wahrlich bizarren Zaubergarten des kanadischen Hexenmeisters. Guy Maddin hat mit „The Forbidden Room“ die Tür zu einem anderen Kino weit aufgestoßen. Phänomenal.

Simon Hauck

Veröffentlicht am: 12.02.2015

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