Nachruf auf Piano Possibile

Das Nashorn schreitet in den Sonnenuntergang

von Michael Weiser

Uns steht das Wasser gleich bis übern Hals: Mit "Freiheitsentzug" machte PP 2010 auf sich aufmerksam. Foto: Regine Heiland

Ein Konzert von Piano Possibile war meist mehr als ein Konzert - es war fast immer ein Erlebnis. Mit zwei ausverkauften Auftritten im i Camp-Theater hat sich das Ensemble mit dem Nashorn im Logo nun von seinen Fans verabschiedet - nach einunzwanzig ereignisreichen Jahren. Der Hauptgrund: Zu einer verlässlichen Förderung sah sich München nicht in der Lage. Ein Nachruf auf eines der witzigsten und überhaupt herausragenden Ensembles Neuer Musik.

 

Ein Konzert von Piano Possibile konnte eine intensive körperliche Erfahrung bieten. Man denke an den "Freiheitsentzug", jenes Konzert unter Wasser. Man saß im Neoprenanzug knapp unter der Wasseroberfläche, hörte wie aus weiter Ferne sphärische Musik, sah Menschen, die in der blauen Tiefe des Beckens mit Wischern hantierten, und immer, wenn man - pressluftversorgt - atmete, stieg eine Wolke von Luftblasen nach oben: chrrrrr, blubb, blubb. Und nach einiger Zeit fast bewegungslosen Sitzens begann das Frösteln im kühlen Wasser des Dantebades. Die Rezension dieses Abends, im Sommer 2010, war übrigens einer der ersten Texte im Kulturvollzug.

Ja, ab und zu war bei Piano Possibile Härte verlangt. Etwa bei "Regen aus der Erde", der Elektro-Oper im Wald am Isar-Hochufer. Es nieselte damals, Anfang Oktober, es war kühl, und mit einer leisen Regung des Mitleids dachte man an die Musiker und die Sängerin Mafalda de Lemos, die ja ohne den Schutz einer Plastikplane dem Regen aus der Luft trotzen mussten.

Im Regen standen die Musiker von Piano Possibile überhaupt über weite Strecken. Weil sie die Anerkennung weniger von Seiten der Stadt als vielmehr über die Zuneigung ihrer Fans erhielten, und, ja, auch über die Kritik, die nur selten ein böses Wort verlor. Ganz sicher deswegen, weil bei allem Spaß, bei aller Lust am Experimentieren, da ganz hervorragende, ganz ernsthafte Musiker zu erleben waren. Aber wohl auch, weil bei den Kritikern Sympathie mitschwang: Man war eben gespannt, wie es mit dieser Rasselbande weitergehen würde. Und welche Spielfelder sie noch neu abstecken würden. Piano Possibile - das war vor allem das gebändigte Spiel der freien Kräfte.

Regen aus der Erde: Oper am Isarhochufer. Foto: Regine Heiland

Warum hat es nicht so weitergehen können? Mit "Visuals" Teil eins und zwei verabschiedete sich Piano Possibile im i Camp, und es war noch mal so, wie es zu den besten Zeiten des Ensembles gewesen war. Mit Michael Bells "Enter to Exit" etwa, einer kunstvollen, trickreichen Video-, Performance- und Klangfuge, einem aberwitzigen Puzzle. Vorne, auf zwei Hockern, abwechselnd die Musiker, das Spielen eines Instruments imitierend. Oben Videobilder, hinter der Leinwand nochmals Musiker, die live dazu spielen. Der Klang, die Musiker selbst entkoppelt von den Videobildern - eine ganze Menge Ebenen konnte man da beschreiten.

Kurzweilig war das, intim auch, weil man eben so nah dransaß, eine Konzertgemeinschaft im gedämpften Licht. Danach standen dann schon die Bierkästen auf der Bühne, zur Selbstbedienung für die Zuhörer, die zu Dieter Dolezels "de.conducted" im Bühnenraum hin- und herwandern durften. Zwischen vier Musikern, die ein Klanggeflecht aufzogen, an Cello, Gitarre, Bass und Violine, begleitet von komplizierten Videomustern auf zwei Leinwänden.

Anspruchsvoll unterhaltsam: Piano Possibile führt Romitellis Videooper "An Index of Metals" auf. Foto: Antonia Kolb

Das war nochmals, ein letztes Mal, Piano Possibile, wie man es kennen- und liebengelernt hatte. Konzentriert, verspielt, überhaupt nicht spröde. Eine Rockband irgendwie, jedenfalls nicht akademisch, schon gar nicht so trocken, wie sich so mancher ein Ensemble für Neue Musik vorstellt. Überhaupt waren sie wahrscheinlich die selbstverständlichsten Grenzgänger. Musik, Theater, Performance, Video - dass alles ineinander übergehen kann, ist man gewohnt. So mühelos wie bei Piano Possibile ist's dann aber eben doch nicht immer.

Ich erinnere mich nochmals an die grandiosen Geschichten von Piano Possibile, die Pater-Noster-Konzerte, die improvisierten Begleitungen diverser Fußball-Endspiele durch kurzbehoste Musiker mit dürren Wadeln, die Video-Oper "An Index of Metals" von Fausto Romitelli, die Amazonas-Oper "Tilt", Klaus Schedls Vertonung von Baudelaires "Blumen des Bösen". Viele Größen der Neuen Musik brachte Piano Possibile in ihren Werken nach München. Ich erinnere mich damit an eine gute, lange Zeit.

Vor zwei Jahren hatte das Ensemble mit dem Nashorn im Logo erstmals aufgestampft, es stellte sich immer drängender die Frage, wie lange man so noch weitermachen könnte und wollte. Eine grundsätzliche Förderung: Die wäre es gewesen, irgendwas zwischen fünfzig- und hunderttausend Euro im Jahr. "Wir haben keine sinnvollen Förderungen bekommen", sagt Mitbegründer und PP-Sprecher Philipp Kolb. "Wir bekamen nur Projektförderungen und hatten somit keine Gelder frei, um in die Infrastruktur zu investieren. Sicherheit hatten wir auch nicht." Von Zeit zu Zeit ein bisschen Geld, das aber ohne Garantie: Damit kann man eine Garagenfirma päppeln. Kein etabliertes Großprojekt wie Piano Possibile.

Wurden sie mit diesem Foto erpresst und mussten deshalb aufhören? Eine Aufnahme der kurzbehosten Musiker nach dem WM-Finale 1998. Foto: Antonia Kolb

Nun ist Schluss. Nach etwas über zwanzig Jahren und 230 Konzerten. Vielleicht, weil eine Rockband enden muss, bevor die Mitglieder zu alt werden. Vielleicht, weil jedes Spiel einmal endet, spätestens nach Verlängerung und Elfmeterschießen. Ganz sicher aber auch, weil die Musikstadt München sich viele Ensembles und Großorchester für Klassische Musik leistet, aber eben keins für Neue Musik. "Der Abschied von einem Lebenswerk" ist es für Trompeter Philipp Kolb. Der Abschied von einem Institut lustvoller Verunsicherung ist es für Freunde der Neuen Musik und des gepflegten theatralen Auftritts.

Schade drum, da geht wieder ein Stück mehr vom interessanten München verloren, ein Anlass heilsamer Aufregung. Aber wenn man derlei an den entscheidenden Stellen merkt, ist es eben zu spät. Das ist - jetzt.

 

 

Anm.d.Red. (12.2.15, 16.30 Uhr): Im zweiten Absatz wurde ein Schreibfehler in Mafalda de Lemos korrigiert.

 

Veröffentlicht am: 12.02.2015

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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