„Haftanlage 4614“ - Simon Hauck auf der Berlinale 2015

Die Welt als lüsternes Irrenhaus

von kulturvollzug

Szene aus „Haftanlage 4614“. Foto: Jan Soldat / Berlinale 2015

Die Berlinale nimmt langsam Fahrt auf. Mittlerweile sind wirklich alle Journalisten da, was man auch an den stetig länger werdenden Schlangen im Pressebereich des Hyatt Hotels merkt. Jeden Morgen dasselbe Ritual: Karten abholen, ein Kollegen-Schwätzchen hier, ein neugierig Blick da. Zwischendurch saust ein sichtlich gut gelaunter Udo Kier im Karojacket vorbei... Film-Geschäft wie ein bizarrer Tagtraum. Ob davon auch etwas im Programm zu sehen ist?

Durchaus, da waren die Programmmacher der Nebenreihen schon häufig recht konsequent in ihrer Filmauswahl. Eine gehörige Portion Subkultur abseits des Star-Glamours hat schließlich noch keinem Festival geschadet, das bekanntlich in der gegenwärtigen „everything’s possible“-Hauptstadt der Welt stattfindet. Während viele internationale Gäste auf die Verfilmung des SM-Bestsellers „Fifty Shades of Grey“ warten, der am Montagabend (9.2.15) seine Weltpremiere feiern wird, sind abseits vom Wettbewerbstrubel immer wieder „andere Filme“ zu entdecken. Seit Jahr und Tag ist dafür die Reihe „Panorama“ prädestiniert, so auch in diesem Jahr – zum Beispiel mit Jan Soldats knüppelharter Dokumentarstudie „Haftanlage 4614“.

„Zitrone oder Waschlappen“? – „Ich wünsche euch jetzt eine schlechte Nacht!“ – „Bist du kitzlig?“ Was wie der Geheimcode einer verschworenen Gemeinde klingt, ist es auch in Wirklichkeit. Aber von welcher Wirklichkeit kann man hier berichten? Jan Soldat, Jahrgang 1984 aus Karl-Marx-Stadt, wie er heute noch betont, ist Absolvent der HFF Potsdam-Babelsberg (2013). Wer einen langatmigen „Berliner-Schule-Film“ erwartet, wird schon in der ersten Einstellung vom Gegenteil überzeugt: Ein am Boden liegender Sklave im orangefarbenen Häftlingsdress – erleidet die Prozedur des „Waterboarding“!

Über ihm steht ein Mann mit Glatze im Military-Look, der dem Gefängnisinsassen eine graue Plastiktüte über den Kopf gezogen hat. Und dann läuft das Wasser... Minutenlang.

Kein Wunder also, dass schon in den ersten 15 Minuten einige Besucher den Kinosaal verlassen. Ob sie nun von der Foltermethodik der Wärtergestalten oder vom zelebrierten SM-Wahnsinn der Akteure mehr angewidert sind, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall schockt dieser erste lange Dokumentarfilm von Jan Soldat von Beginn an, fasziniert aber genauso durch tatsächlich noch nie gesehene Bilder. Hier wird der raue Ton gepflegt, genussvoll sogar, denn wir befinden uns als Zuschauer in einem sehr speziellen Paralleluniversum: Der des freiwillig Einsitzens, im künstlichen Kittchen. Die Welt als lüsternes Irrenhaus der Körper-Passionen. Mittendrin: Drei Mittvierziger, die sich freiwillig knechten lassen, oft mehrere Tage am Stück. Die sich in ebenso winzigen wie kargen Zellen anketten und einsperren lassen – ohne die gleichzeitig einsetzende Geilheit bis zum Ende auszuleben. „Wer abspritzt, verschwindet dann meist auch sofort“, meint zwischendurch einer der „Zellenbetreiber“.

„Das ist Folter – pur“, erklärt einer der „Insassen“ ein anderes Mal gegenüber der starren Kamera. Fast ohne Kommentar, in 4:3-Bildformat und mit dumpfer Mono-Tonspur verfolgt die Kamera von Jan Soldat, der filmisch häufig als „Ein-Mann-Betrieb“ unterwegs ist, das Geschehen. Ritualisierte Folterszenen sind zu sehen, stets beobachtend eingefangen. „Warum sind Sie hier?“ will der Autorenfilmer schließlich von einem der freiwillig Gequälten wissen. „Mal den Alltag hinter sich lassen“, hallt es da nur schwer verständlich zurück. Im wirklichen Leben ist der maskierte Mann eigentlich Assistent in einem Chemie-Labor.

„Ich will den Körpern einen Raum lassen“, erklärt der junge Filmemacher anschließend im Publikumsgespräch, denn Gewalt am Körper sei für ihn nicht per se negativ besetzt. Er wollte „diese andere, sehr intensive Energie“ in seinem knochenharten Film zeigen, was ihm eindrucksvoll gelungen ist. Denn bei aller Härte kommt staubtrockener Humor nicht zu kurz. Herrlich grotesk in einer Szene, in der die beiden „Haftanstaltleiter“ von ihrem durchinszenierten Knastalltag berichten, beinahe wie aus einem Ulrich-Seidl-Film. Nur noch authentischer: Einer der beiden, der sich von den einsitzenden Fetischbrüdern nur mit „Knasty“ ansprechen lässt, will nach der tagelangen Tortur schließlich wissen, ob einer der Gepeinigten „vielleicht auch noch zum Grillen am letzten Tag“ dableiben möchte. Ein braver Zuchtmeister also, der plötzlich zurück ist in der wirklichen Wirklichkeit. Fast schon ein Gutmensch.

Simon Hauck

Veröffentlicht am: 09.02.2015

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