"Queen of the desert" - Simon Hauck auf der Berlinale 2015

Brav an der Leine beim Fensterln in der Wüste

von kulturvollzug

Blasse Kamele. Foto: QOTD Film Investment Ltd.

Am Donnerstagabend (5.2.2015) wurden die 65. Internationalen Filmfestspiele von Berlin mit Isabel Coixets „Nobody Wants The Night“ feierlich eröffnet, wenn auch mit einem müden ersten Beitrag, so der Tenor nach der Premiere. Am Freitag startete der Wettstreit um die Bären dafür umso munterer, gleich mit zwei Weltpremieren. Eine davon kam von einem Münchner Weltstar: Werner Herzog, der für sein Spielfilmprojekt „Queen Of The Desert“ sogar drei Hollywoodgrößen anheuern konnte.

Gestern Schneewüste („Nobody Wants The Night“), heute Sandwüste („Queen Of The Desert“). Zwei Forscherdramen, mit zwei weiblichen Superstars in den Hauptrollen: Juliette Binoche und Nicole Kidman. Sie verliehen dem Berliner Wettbewerb ersten Glanz, wenn auch nur matten. Denn nach dem müde beklatschten Eröffnungsfilm um eine Arktisforscherin in ewigen Eis, konnte auch der zweite Beitrag nicht wirklich überzeugen. Doch der Reihe nach.

In Werner Herzogs erstem Spielfilm seit 2009 („My Son, My Son, What Have Ye Done“) stimmt vieles, allerdings nur in der ersten Stunde: Eine tatkräftige Protagonistin (Nicole Kidman als Gertrude Bell), die sich von der Archäologin zur Wüstenforscherin wandelt, ehe sie als britische Spionin anheuert und am Ende sogar noch in die hohe Politik an die Seite von Winston Churchill wechselt. Dazu ein fantastischer Cast mit zwei smarten Herzensbrechern (James Franco und Robert Pattinson) und einem spitzfindigen Konsul („Homeland“-Star Damian Lewis), der ebenfalls ein Auge auf die berühmte „Königin der Wüste“ geworfen hat. Und ein historisch durchaus interessanter Stoff: Gertrude Bell gilt bis heute als das weibliche Pendant zum britischen Offizier Thomas Edward Lawrence, besser bekannt unter dem legendären Namen „Lawrence von Arabien“, dem Regisseur David Lean 1962 ein filmisches Denkmal setzte.

Gute Voraussetzungen also für einen packenden Historienschinken mit melodramatischer Prägung – wie einst bei Lean mit Peter O’Toole in der Hauptrolle. Unterstützt von Herzogs Stammteam um Peter Zeitlinger (Kamera) und Joe Bini (Schnitt) nimmt man der forsch agierenden Kidman anfangs sogar die edle Wüstenforscherin ab, die sich um die Jahrhundertwende bewusst lossagt von der englischen Upperclass – und ihrem überkommenen Frauenbild. Sie sucht die Ferne, reist nach Teheran, lernt arabisch und beginnt dort archäologische Pionierarbeit zu leisten. Genauso wie das historische Vorbild Getrude Bell, deren Lebensgeschichte der deutsche Regisseur für „Queen Of The Desert“ offen zum Vorbild nahm. Dafür heuerte Herzog, der mit „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1979) letztmals am Wettbewerb der Berlinale teilnahm, ein Darstellerteam an, das mit ihm auf eine anstrengende Drehreise ging: In die trockene Wüstenhitze Jordaniens, in fremde Sprachsysteme und unterschiedliche Kulturen innerhalb Marokkos. Eine herausfordernde Orient-Okzident-Reise für alle Beteiligten. Damals wie heute.

Nicole Kidman in Werner Herzogs "Queen of the Desert". Foto: QOTD Film Investment Ltd. / Berlinale 2015

„Ich habe Dinge gemacht, die ich so noch nie zuvor gemacht habe – und die ich wohl auch nie wieder machen werde“, erklärte Nicole Kidman dazu später in der Pressekonferenz zur ersten Zusammenarbeit mit dem als Regieberseker bekannten Bayern. Während der Dreharbeiten habe sie zum ersten Mal unter dem Sternenhimmel geschlafen: Eine einzigartige Erfahrung, so die 47-Jährige. Und auch die erotische Wannenszene mitten in der Wüste, sei ausdrücklich ihr Wunsch gewesen, betonte Kidman gegenüber den überraschten Journalisten. Und damit hat sie durchaus recht: Eine nackte Nicole Kidman? Erotisch und sinnlich? Das sah man zuletzt in Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ (1999). Das liegt vor allem an Peter Zeitlingers glänzender Kameraarbeit, die im ersten Teil dafür sorgt, dass die episodisch erzählte Geschichte um die bekannte Schriftstellerin und Ethnographin Gertrude Bell weitestgehend glaubhaft bleibt. Ohne zu viel Kitsch und mit wärmender Verve gelingt Herzog die erwartete große Wüstenodyssee so weit noch ganz ordentlich. Garniert mit flotten britischen Witzen und den gelungensten Liebesszenen (James Franco fensterlt für Nicole Kidman), die Herzog je gedreht hat.

Doch seinem neuen Werk fehlen die berühmten „Bilder ekstatischer Wahrheit“, für die der gebürtige Münchner in aller Welt gefeiert wird. Weißer Salzkrustenboden hier und ein paar massive Felswände da, mehr ist nicht zu entdecken. Selbst die wilden Tiere, ein anderes Thema der letzten Werkphase Herzogs, kommen wieder reichlich vor, bleiben aber genauso blass wie die Beduinen und Mitglieder der Harems im letzten Part des Film: Ohne Leben – und unglaubhaft eingesetzt. Übertriebenes Pathos, wie in Herzogs „Rescue Dawn“ (2006), evoziert die zweite Stunde, wodurch sich der Film minütlich mehr und mehr zur Orient-Schmonzette entwickelt. Auch in Klaus Badelts orchestralem Score wäre weniger deutlich mehr gewesen.

Zudem verheddert sich das groß angelegte Wüstenabenteuer am Ende dramaturgisch und wird der politischen Brisanz des Nahen Ostens, dessen Grenzen von Gertrude Bell während dem Ersten Weltkrieg entscheidend mitgeformt wurden, nie gerecht. Die Transformation der verwitweten Protagonistin zur politischen Strippenzieherin des Britischen Empires will in toto einfach nicht gelingen. „Ich fühle mich wie ein Tier, das man zähmt“, sagt Kidman einmal während des Films. Und alle wollten doch die Bestie via Herzog sehen. Doch die hing diesmal brav an der Leine – wie die Kamele im Wüstensand.

Simon Hauck

Veröffentlicht am: 07.02.2015

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