"Gankino Circus" im Fraunhofer bei den Volksmusiktagen

Beseelt ungerade mit den vier heiligen drei Vögeln

von Michael Wüst

Die Polka ist ihr tonangebender Teufelsbraten: Ralf Wieland, Maximilian Eder, Simon Schorndanner, Johannes Sens. Foto: Michael Wüst

Die grauen Tage, bevor es zu Lichtmeß wieder freundlicher wird, verbringen wir gerne im Fraunhofer Theater bei den Volksmusiktagen und lassen uns dort ordentlich einheizen. Ein paar ganz dicke Scheite legten gleich zum Auftakt der diesjährigen Volksmusiktage vier Burschen aus Franken auf, die sich seit Kindertagen kennen. Und ihrer Band „Gankino Circus“ ist es auch übrigens zu verdanken, dass Dietenhofen, ihr Heimatort, im berüchtigten mittleren Westen Frankens gelegen, das Zentrum des nicht weniger berüchtigten „Franconian Boogaloo“ geworden ist. Aber das ist ja bekannt, epochale Musikstile haben ihre eigenen Städte, das weiß man. Memphis, London, Seattle…

Radio Dietenhofen kann dementsprechend natürlich auch im Fraunhofer Theater empfangen werden. Und weil der mittelfränkische Sender wie immer gegen 20.30 Uhr ins Bett geht, wünscht uns der Sprecher eine gute Nacht im Fraunhofer. Das Licht geht aus und vier Burschen mit Stalllaternen nähern sich der dunklen Bühne. Im Licht der Laternen besingen die verschrobenen vier heiligen drei Vögel aus Dietenhofen „Unsre alte Kath“, die aa no, aa no möcht. Der berühmte Mühlviertler Zwiefache wird eingebettet in ziehende Gitarrenklänge à la Pedal Steel Guitar, als Konterfigur nörgelt die Baßklarinette und im Hintergrund perlt Klingglöckchen-Sound vom Xylophon.

Ein heiteres und stimmungsvolles Opening von einer liebenswürdigen Ironie. Aber nicht weit her sei es mit der Stadl-Innigkeit! Schon beim Eintreffen des ersten „Franconian Boogaloo“ geht die Post fürchterlich ab. Django-Reinhardt-Läufe tauchen mit der Klarinette durch phönizische Moll-Hügel, Polka reißt Lady Swing grob an sich, das Pariser Jazz-Café trudelt in balkanischen Rauschzuständen. Ungerade Takte brechen herein. Zwei Schnäpse zu drei Seidla Bier, bei Gankino Circus galoppiert der Groove im Kreis! Das geht nie auf und am Ende ist man bei elf Achtel und hat einen seligen Drehwurm. Aber auf dieses Karussell springt man immer gerne wieder auf, auch wenn es einen gerade vom Pferdchen gerissen hat.

Uff, Hosen abklopfen, durchatmen. Ralf Wieland (Gitarren) ist bei seiner ersten Conférence so verdrückt ist wie sein Hut: Man kann es ja verstehen, über 300 Mal waren sie letztes Jahr auf der Bühne und überhaupt, von der Kinderkrippe weg kennen sie sich. Da können Bandvorstellungen schon mal zäh rüberkommen. Ralf Wieland tut dies allerdings so schräg, verträumt und verschroben, dass das Kichern im Saal kein Ende nehmen will. Dann folgt Schlag auf Schlag. Auch wenn die Polka mit ihren aufmüpfig treibenden Off-Beats immer der tonangebende Teufelsbraten dieser Musik ist, gelingt es den Vieren alle möglichen Stile in den dampfenden Kessel hinzurühren. Daraus kommt dann, sagen wir, es sei ein Geschenk an die Fanatiker der Schubladisierung, so etwas wie – Polkabilly?

Dass die Vier einst als Straßenmusiker anfingen, haben sie nie vergessen, und Straycats gibt es ja auch in Bulgarien. Johannes Sems an einer Snare-Drum, einem Winzbecken und einer Kiste als Basstrommel möchte man an einer Trommel-Batterie zu sitzen vermuten, wenn man nicht gebannt hinschauen müsste. Wie der an einem Fell mit zwei Besen die Beats umdreht und die Bude rockt: ist unfassbar. Simon Schorndammer sticht wie tänzerisches Florett und am Tenorsaxophan kann er verführerisch italienisch, wie aus einer Bertolucci-Bar 1900 klingen. Maximilian Eder treibt, dass dem schnaufenden Akkordeon die Zähne rausfliegen.

Was für ein Fest! Bitte ein Bier und zwei Schnaps! Beseelt ungerade verlässt man das Fraunhofer.

Die weiteren Termine der Volksmusiktage 2015 im Fraunhofer sind auf dieser Seite.

Veröffentlicht am: 16.01.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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