"Und jetzt: Die Welt" von Sibylle Berg im Volkstheater

Was Sie schon immer über Vagina-Begradigung wissen wollten

von Michael Wüst

Lorna Ishema, Karolina Horster, Lenja Schultze. Foto: Gabriele Neeb

Der von „Theater heute“ zum Stück des Jahres 2014 ernannte Text „von Frau Berg für eine Person und mehrere Stimmen. Oder anders“ mit dem vollständigen Titel „UND JETZT: DIE WELT! Oder Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ ist eine ballernde Textfläche, deren Buchstaben ADHS haben und die nur in hyperkinetischer Aktion in Verlautbarung überführbar sind. Ein Zappeltext. Eine synthetische Suada, die in der Lage ist, selbständig im Sicherheits-Loop mittels Viren-Scanner heteronormative Malware auszuscheiden. Wozu auch männliche Orthografie zu gehören scheint. (Oder anders?)

Polemik, die auf der richtigen Seite steht, verbietet es sich salbungsvoll, mit Polemik angegriffen zu werden. Frau Berg ist beider Techniken Botschafter. Wer kritisierte im Medienlande nicht politische Correctness korrekter, als sie? Nur das kann den höchsten Grad von Subjektivität dieses Textes für Stimmen, Speaker oder lebende Lautsprecher rechtfertigen. Eine Aura der Unfehlbarkeit umgibt das notorische weibliche Elend. Unberührbar, jüngferlich ist die Klage. Verletzlich, die Aggression.

In der „Kleinen Bühne“, formely known as „Nachtkastl“ wird das konsequent und schlüssig umgesetzt. Man betritt den Raum durch eine Art Desinfektionsschleuse aus abspritzbar transparentem Material, ein Wäschetrockner-Torso wird für Requisitenüberraschungen wie Spitzhütchen sorgen können und von der Decke hängt eine Edelstahl-Anrichte für Food- and Drug-Proceeding.

In auftragendem Jogging-Outfit mit peinlichen Turnschuhen wollen drei weibliche Text-Sniper süße Cuties werden. (Virtuos und präzise: Karolina Horster, Lorna Ishema, Lenja Schutze.) Wie soll man abnehmen? Mit Kotzen oder mit Hormonpillen? Was macht deine Vagina-Begradigung? Alles so´n heteronormativer Missbrauch! Das macht sie richtig wütend. Sie verprügeln kleine Jungs oder solche, die es gewagt hatten in der Disco, mit rotem Akne-Gesicht, die Frage zu stellen: Bist du öfters hier? Sie brauen Viagra aus Rattengift und verkaufen das alten Männern, die Chucks tragen, um von ihren Gesichtern abzulenken. Sie haben´s einfach nicht leicht. Seit Jahren stecken sie in irgendwelchen Ausbeuter-Praktika fest. Nimmt es da noch Wunder, dass sie sich insgeheim eigentlich darauf freuen, älter zu werden? „Ich wünschte, ich könnte für etwas brennen und in Talk-Shows später davon berichten.“

Kurze Momente der Nachdenklichkeit in der textlichen Fast Food-Convenience: „Wenn keiner intuitiv redet, wird mein Dasein unscharf.“ Klingeltöne dudeln aus der Welt herein. Skype, SMS und Festnetz (oh Gott, Mutter) überlagern sich, verkleben zu Rap-Surrogaten. Zu „Its Yo Birthday“ wird eine Kerze angezündet. Was ist mit diesem einen Jahr? Ach so, Paul ist weg, der Mann oder Freund von Mutter. Oder so etwas Ähnliches, Gepatchtes. „Paul ist verschwunden, Mutter wartet seitdem, dass etwas aus der Wand wächst.“

Nach einem Tag hyperaktiv nicht gelebten Lebens legen sich die drei Mädchenentwürfe dann irgendwann müde in nächtlichen Stand-By-Modus unter ihre Viagra-Fast-Food-Anrichte. Nacht, wer weiß? Draußen singt ein Amsel-Avatar. Oder doch die Lerche? Eine Szene voll synthetischen, resignativen Zorns. Unechtheit, die sich beweinen möchte.

Regie: Jessica Glause

Volkstheater, Kleine Bühne: 25., 29., 30. Januar, 17., 22. Februar, 7., 8. März 2015

Veröffentlicht am: 14.01.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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