"Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern" im Stadtmuseum

Im Banne des Glücksritters

von Michael Wüst

Anton Schütz. Lichtdruck des Rumfordporträts von Thomas Gainsborough, 1935. Foto: Münchner Stadmuseum

2014 jährte sich zum 200. Mal der Todestag des Grafen Rumford. München, die Stadt seiner größten Erfolge und Leistungen, beging das Datum in mehrfacher Weise. Die großartige Ausstellung „Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern“ ist im Münchner Stadtmuseum noch bis zum 19. April 2015 zu sehen.

Bereits am 24. Mai letzten Jahres startete das Jahr zu Ehren des Benjamin Thompson, wie der spätere Graf von Kurfürst Karl Theodors Gnaden ursprünglich hieß, mit einer Kunstaktion der Künstlerinnen Yvonne Leinfelder und Alix Stadtbäumer. „Heat is a form of motion – Das Rumford-Labor“ würdigte in Aktionen und Installationen im öffentlichen Raum vor allem das naturwissenschaftliche, städteplanerische und soziale Werk dieses ausnehmend schillernden Vertreters des 18. Jahrhunderts.

Die Ausstellung im Stadtmuseum nimmt den Besucher im ersten Raum hinein in die Zeit spätbarocker Porträtkunst, repräsentiert durch das Bild „Sir Benjamin Thompson“ von Thomas Gainsborough aus dem Jahre 1783 (Lichtdruck in New Yorker Privatbesitz), einem der berühmtesten englischen Maler jener Epoche, die allerdings in der höheren Gesellschaft Englands durchaus nicht Rokoko genannt wurde. Das Wort schien einen Beigeschmack zu haben. Jedenfalls teilte man die kontinentale Verliebtheit ins ornamentale Dekor (Rocaille, frz. Muschelornament) offensichtlich nicht. Das Gainsborough-Bild stellt den von King George III. zum Ritter geschlagenen Rotrock und nachmaligen Grafen Rumford in luftig frischen, kräftigen, dennoch weich gezeichneten Farben dar. Ein überlegenes, leicht arrogantes Lächeln umspielt seine Lippen, den Mann der Aufklärung anzeigend. Dass der in Woburn bei Boston/Massachusetts Geborene, der 1776, zur Zeit der amerikanischen Unabhängigkeit als 23jähriger auf Seiten der englischen Krone bereits gegen die Rebellen gekämpft und spioniert hatte und nachdem er aufgeflogen war, ohne zu zögern seine Familie im Stich gelassen hatte, steht, möchte man sagen, auf einem anderen Blatt.

Es ist jedoch das Verdienst dieser historisch überaus präzisen Ausstellung und seiner überragenden gleichnamigen Publikation, diese Seite keineswegs auszusparen, ebenso wenig wie die Schattenseiten des Kurfürsten von Pfalzbayern, Karl Theodor, der sich wie sein Geförderter gerne mit aufklärerischen Flair umgab, jedoch die absolutistische Ständestruktur hochhielt und verteidigte. Der in Mannheim, seiner Stammresidenz, Voltaire empfing, drei Stücke von ihm finanzierte und zu dessen ständigen Gesprächspartnern Gotthold Ephraim Lessing gehörte, der ihn inspiriert haben mag eine türkische Moschee nachbauen zu lassen.

Gustav Kraus. Der Karlplatz in München, 1825. Kolorierte Lithografie. Foto: Münchner Stadmuseum

Eher widerwillig hatte Karl Theodor der Angliederung des rückständigen Bayern an seine Pfalz nach dem Aussterben der bayrischen Kurfürstenlinie nach Maximilian III. zugestimmt. Was in der Münchner Bürgerschaft nur hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wurde, die schlechte Beziehung zwischen Landesvater und seinem Volk, wurde laut und deutlich vernehmbar, als eine geplante Länderrochade mit den Habsburgern – Bayern im Tausch gegen Belgien – ruchbar wurde.

Betrachten wir vor diesem Hintergrund ein Porträt Karl Theodors in Zusammenhang mit dem berühmten Kniefall des Münchner Magistrats aus dem Jahre 1790, ein Jahr nach dem Sturm auf die Bastille. Der „Kurfürst Karl Theodor von Pfalzbayern“ eines Anonymus nach Pompeo Batoni um 1780 ist in kommunalem Besitz, nämlich des Stadtmuseums selbst. Der 36köpfige Magistrat der Stadt München hatte kurz nach der folgenschwersten Revolution Europas den Ungehorsam begangen, eine wohl von Rumford im Namen der Bürgerschaft verfasste Dankadresse an den Fürsten, die den Inhalt hatte, die neu gegründete Militärakademie und das Armeninstitut zu huldigen, nicht zu unterzeichnen. Ja, man zog sogar die Verfassungsmäßigkeit in Zweifel! Als am 22. Dezember 1790 dann die Wiederwahl der Bürgervertretung anstand, machte der Landesfürst ungewöhnlicher Weise von seinem Konfirmationsrecht Gebrauch. Mit anderen Worten, er machte die Bestätigung eines neu gewählten Magistrats davon abhängig, dass der Magistrat abschwöre. Und zwar "in effigie", vor einem leeren Thron, auf dem neben den kurfürstlichen Insignien sogar die Reichskrone zu liegen kam, vor einem Porträt Karl Theodors. Der Herrscher ist "in effigie" anwesend. 33 tapfere Münchner (drei hatten sich krank gemeldet) mussten auf den Knien eine nahezu zehn Minuten dauernde Formel nachsprechen. Eine politisch instinktlose, ungeheure Demütigung. Karl Theodor benimmt sich ganz seinem großen Vorbild, Ludwig des XIV entsprechend.

Anonym nach Pompeo Batoni. Kurfürst Karl Theodor von Pfalzbayern, um 1780. Foto: Münchner Stadtmuseum

In jedem einzelnen Exponat eröffnet die Ausstellung einen faszinierenden Blick auf die Stadtgeschichte. Wirft einen Blick auf ein besonderes Paar. Yankee-Konterrevolutionär und Reichgraf. Rumford, gänzlich ideologiefreier Glücksritter oder, moderner gesagt, „soldier of fortune“ in Diensten eines überkommenen Absolutisten. Und doch entstand in dieser Liaison die für München bis heute bestehende "Glückseligkeit", was ein Lieblingsbegriff des Grafen war: Der Englische Garten. Eine neue Kategorie des öffentlichen Raums, der Volksgarten. Nach ihm ist der Central Park in New York City gebildet.

Die Militärreformen, die Militärakademie, der Englische Garten, der Chinesische Turm, der moderne häusliche Herd, der Karlsplatz, die Rumfordsuppe, die Kultivierung der Kartoffel, die bahnbrechenden thermodynamischen Erkenntnisse des Benjamin Thompson, all dies ist des Weiteren in der zweiten Abteilung der Ausstellung bestens dokumentiert. Hier begeistert, auch aus kunstgeschichtlicher Sicht die vergleichende Auswahl aller möglichen grafischen Bildtechniken, von der aquarellierten Federzeichnung (Franz Thurn „Der Karlsplatz in München“, 1791-99) über kolorierte Lithographien (Gustav Kraus, ebenfalls Karlplatz, 1825), Kupferstiche („Der Einzug Napoleons in München, 24.10.1805“), lavierte Federzeichnungen (Jakob Schwanthaler, „Entwurf des Rumforddenkmals im Englischen Garten“, 1795/96), Radierungen (Simon Warnberger, ebenfalls Rumforddenkmal 1796/97) bis zur Kreidezeichnung (Augustin Palme „Kurfürst Karl Theodor von Pfalzbayern und Rumford gründen den englischen Garten bei München“, 1867) und zur Fotografie (Johann B. Obernetter, „Der Sitzungssaal im Neuen Rathaus von München mit dem Gemälde der Monachia“, 1883.) Ein wichtiges Stück Münchner Stadtgeschichte, hervorragend erzählt.

Die Publikation "Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern" ist im Hirmer Verlag, München, erschienen. Autor und Konzept der Ausstellung: Thomas Weidner.

 

Veröffentlicht am: 13.01.2015

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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