Bibliothek und Weltchronik des Nürnberger Arztes Hartmann Schedel in der Staatsbibliothek

So lebte der erste bairische Bücherwurm

von Christa Sigg

Miniatur des Evangelisten Lukas mit den Ärzteheiligen Cosmas und Damien, Padua 1464-1466. Bayerische Staatsbibliothek

Bibliophil war er, aber das klingt noch zu harmlos. Immerhin 700 Bücher hat Hartmann Schedel (1440-1514) hinterlassen – fremde wie selbst verfasste -, und beim Blick auf die Zeit sollte man dann doch eher von einem "Büchernarrischen" sprechen. Im späten Mittelalter war eine so umfangreiche private Sammlung jedenfalls nichts weniger als sensationell. Damit konnte der am 28. November vor 500 Jahren verstorbene Nürnberger locker mit den gut ausgestatteten Klosterbibliotheken Europas mithalten, sie oft sogar übertreffen.

Die Bayerische Staatsbibliothek besitzt einen Großteil der außergewöhnlichen Sammlung, aus der nun ein vielsagender Querschnitt in einer kompakten Studioschau präsentiert wird – selbstredend mit Schedels Opus magnum, der Weltchronik, in allen fünf Ausgaben.

Man mag heute lächeln über das geradezu irrwitzige Ansinnen, eine Geschichte des Daseins zu schreiben: von der Schöpfung bis hin zum jüngsten Gericht, das bildmächtig in Aussicht gestellt wird, dazwischen ein kurioser Kosmos des Wissens aus historischen Personen und Ereignissen, (Fantasie-)Landkarten und den herrlichen Stadtansichten der Werkstatt von Wilhelm Pleydenwurff und dessen Schüler Michael Wolgemut. Die beiden Maler haben dieses Prachtlexikon berühmt gemacht, die oft genug beleuchteten Illustrationen stehen diesmal allerdings nicht im Zentrum. Vielmehr lernt man in der Ausstellung einen hochgebildeten Mann und Multiplikator kennen, der in einer Tour gelesen haben muss.

Anders hätte es der Vater von zwölf Kindern aus zwei Ehen kaum geschafft, besagte Weltchronik in nur anderthalb Jahren zu schreiben. Übrigens im Nebenjob. Schedel war Arzt und hatte gut zu tun. Nach kargen Stationen in Nördlingen und Amberg kurierte er in seiner Heimatstadt Nürnberg bald nur mehr die Betuchten und Mächtigen. Und fand doch immer noch Zeit für seine große Passion: 460 Drucke trug er zusammen und 370 Handschriften, von denen er einen großen Teil selbst angefertigt hat, vor allem während seiner Studienjahre in Leipzig und Padua. Aber sogar im Beruf setzte sich Schedel in Bibliotheken oder lieh aus, schrieb ab - und kaufte in ganz Europa ein. Von medizinischen Handbüchern über Dantes „Göttliche Komödie“ bis hin zum Sprachführer für Kaufleute in Italien. Oder ganz exklusiv: ein Elementarbuch des Griechischen und sogar eine karolingische Handschrift aus einem Regensburger Kloster.

Der Herr Doktor interessierte sich einfach für alles, Astronomie, Philosophie, Literatur, Geografie, Jura, Theologie - man könnte die Reihe problemlos fortführen. Und damit war er ein geschätzter Gesprächspartner und Netzwerker. Sowieso wohnte Schedel an der Burgstraße, also dort, wo sich die wichtigsten Köpfe Nürnbergs niedergelassen hatten oder zumindest verkehrten: Weltchronik-Verleger Anton Koberger, die Pirckheimers, zeitweise der Humanist Conrad Celtis, Sebald Schreyer – er finanzierte den immens teuren Druck der Weltchronik - und Albrecht Dürer.

Das ist mehr als beträchtlich für einen, der aus einer Aufsteigerfamilie kam und mit zwölf Jahren schon beide Eltern verloren hatte. Wobei ein deutlich älterer Vetter doch zum Glücksfall für den jungen Hartmann wurde. Hartmann Schedel war genauso Arzt und vor allem ein Bücherwurm. Wenn der 20-Jährige wieder einmal viel zu viele Gulden für Lesestoff ausgegeben hatte, gab’s keine Rügen, sondern vielmehr den Zuspruch, dass das Geld gut angelegt sei. „Bücher sind treue Freunde“, schrieb ihm der wohlwollende Cousin 1461.

Die Nachkommen waren dann allerdings ganz anders gestrickt. Hartmann Schedel hinterließ ein sagenhaftes Vermögen von 15.000 Gulden. Das hielt seinen Enkel Melchior, einen schillernden Söldner, aber nicht davon ab, 1522 die genannten Handschriften und Drucke an den Augsburger Kaufmann und Bankier Jakob Fugger zu verkaufen. Der wiederum trat diesen Hort der Bildung nur 20 Jahre später an den kunstsinnigen wie sammelwütigen Bayernherzog Albrecht V. für dessen Hofbibliothek ab – die Vorgängerinstitution der heutigen Stabi.

Damit hat man hier in München eine Sammlung, die kurz nach der Erfindung des Buchdrucks in einer spannenden Phase des Umbruchs entstanden ist und viel über das Leben, die Wissenschaft, den Bildungsanspruch um 1500 erzählt. Dass das Projekt Weltchronik ein finanzieller Reinfall war, wird in diesem Zusammenhang zur Randnotiz.

Bayerische Staatsbibliothek. „Welt des Wissens. Die Bibliothek und die Weltchronik des Nürnberger Arztes Hartmann Schedel“, bis 1. März 2015, Mo bis Fr 10 bis 18 Uhr, Sa und So 13 bis 17 Uhr, Eintritt frei, Katalog (Allitera Verlag) 19.90 Euro

Veröffentlicht am: 18.12.2014

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