Das Bayerische Staatsballett mit "Paquita"

Federleichte Story, gefährlich schwieriger Tanz

von Isabel Winklbauer

Man sieht's sofort an ihrer Eleganz - Paquita (Daria Sukhorukova) muss adlig sein. Foto: Wilfried Hösl

Französischer Besatzer verliebt sich in spanische  Zigeunerin, die sich letztlich als seine adlige Cousine erweist. Zwischendrin wollen die Spanier ihn ermorden. Voilà, die Handlung von "Paquita", der neuesten Klassiker-Rekonstruktion des Staatsballetts,  ist leicht wie Soufflé - doch bei näherem Hinsehen ist es dann doch ein gut durchtränkter Christmas-Pudding. Choreograf Alexei Ratmansky und Choreologe Doug Fullington haben Marius Petipas Original von 1881 rekonstruiert - und dieses steckt voller technischer Unverfrorenheiten und komplizierter Pantomimen. Eine harte Nuss für das Ensemble wie für die Zuschauer.

Rot-bunte Travestie im "Pas des Manteaux". Foto: Wilfried Hösl

Zuletzt wurde "Paquita" vor mehr als 100 Jahren in vollständiger Länge aufgeführt. Was Ratmansky, und mit ihm, außer Fullington, auch der musikalische Leiter Myron Romanul, Pianistin Maria Babanina und Kostümbildner Jerôme Kaplan geleistet haben, ist ein Riesenverdienst für die Klassik. Alles wurde, sofern möglich, exakt wie im Original wieder hergestellt: die Schritte, die Musikarrangements, die Szenerien und Kostüme. Wo das bei den Kostümen manchmal fragwürdig war - manch zarte Ballerina versank in ihrer imperialistisch-üppigen Corsage, die heutigen Tänzerinnen sind nun mal weniger füllig als die Stars der Zarenzeit -, brachte es, was die Tänze betrifft, echte Kostbarkeiten zum Vorschein.

Zum Beispiel gab es den vergessenen "Pas de Carlotta" zu sehen, den Carlotta Grisi 1846 in der französischen Urfassung (Petipas Vorlage, aus der er viel übernahm) mit sechs Zigeunerinnen tanzte, oder den  "Pas des Mantaux" für zwölf Paare, wobei die Herren von verkleideten Damen mit leuchtend roten Mänteln getanzt werden. Die Wirkung, die der Rollentausch entfaltet, ist liebreizend und quicklebendig. Man fragt sich, warum die Idee der Travestie im klassischen Ballett im Laufe der Jahre völlig untergegangen ist. Mehr als die Männerrollen der Carabosse in "Dornröschen" oder Lises Mutter in "La fille mal gerdée" sind nicht übriggeblieben.

Inigo (Cyril Pierre) kommandiert die Zigeuner herum. Foto: Wilfried Hösl

Der Blick auf Petipas Original birgt aber auch Gefahren - technischer Natur. Battierte Sprünge und Sprünge en pointe sind schon Stoff, mit dem nicht jede Kompanie zurechtkommt, das Staatsballett natürlich sehr wohl. Doch hinzu kommen unglaublich schnelle Wendungen der Schultern, Beine und Hüften, oder des ganzen Torsos. Von einem Developpé nach vorne in 0,3 Sekunden in eine Arabesque tombé aufs andere Bein zu sinken ist beispielsweise nicht jedermanns Sache. Mehr als die Hälfte des Ensembles kämpfte mit dem Tempo, das Dirigent Myron Romanul sich auch nicht herab ließ zu drosseln. Das muss man für die Premiere, die ja meist nicht die beste Vorstellung ist, vorerst anmerken.

Lucien schwebt auf Wolke Sieben (Tigran Mikayelyan). Foto: Wilfried Hösl

Vielleicht wählte deshalb Ratmansky für die Hauptrollen die vier besten Tänzer, die zurzeit im Ensemble verfügbar sind. Daria Sukhorukova als Paquita erfasst die Rolle der jugendfrischen Zigeunerin, die sich kaum an ihre wahren Eltern erinnern kann, mit Herz und Seele. Sie weiß mit wohlplatzierten Gesten und Tempowechseln eine vollständige Lebens- und Charaktergeschichte zu erzählen. Im Divertissement im ersten Akt schlägt sie sich prächtig, sie spaziert durch Petipas Kreationen wie durch einen verschlungenen, nur für sie angelegten Garten. Auch im Grand Pas Classique des dritten Bilds brilliert sie, von ein paar unglaublich weit auszuführenden, seitlich wechselnden Sprüngen einmal abgesehen. Sie strahlt Poesie und Selbstsicherheit aus, bewegt sich mit fließender Eleganz durch den Abend. Es fehlt ein wenig der Übermut und Humor, den der Charakter einer jungen Spanierin - zumindest im augehenden 19. Jahrhundert - erwarten lässt. Andererseits, warum soll Paquita kein lyrischer Typ sein? Sie ist ja in Wahrheit französische Adlige.

Tänzerisch haben die Herren der Original-"Paquita" nicht allzu viel zu melden. Petipa hat für sie einfach nichts choreografiert. Nur Lucien darf seine Kunst zeigen: Tigran Mikayelyan ist einer der Wenigen, die es schaffen, die für das Publikum ungewohnten, nicht ganz einfach zu erfassenden Pantomimen mit technisch anspruchsvollen Tanzvariationen zu koordinieren. Er fällt nie weder aus Takt noch Rolle, bleibt stets ein leitendes Licht für die anderen. Als Bösewichte Inigo und Don Lopez sind Cyril Pierre und Norbert Graf zu sehen, zwei Künstler in Ausdruck und Präzision. Von ihnen hätte man ebenso gerne mehr Tanz gesehen wie von der wunderbaren Emma Barrowman. Die Ärmste hatte, in ein sperriges Empirekostüm gekleidet, die Stehrolle der verschmähten Braut Donna Serafina zu erfüllen.

Technik und Jugendfrische: Die Schüler der Ballettakademie haben Petipa intuitiv erfasst. Foto: Wilfried Hösl

Mehr Glück hatte da Katherina Markowskaia, die im Pas de Trois ihre ganze Virtuosität zeigen durfte - auch sie eine der Schnellsten. Und auch im Grand Pas fielen einige Corps-Damen durch Tempo, Exaktheit und Grazie auf, wie etwa Mia Rudic und Marta Navarrete Villalba. Peter Jolesch dagegen sah man im Offizierskostüm endlich wieder einmal an, was er können könnte, wenn er tanzen dürfte - sonst sieht man ihn ja nur in den Kleidern von Priester- und Weisenrollen. Und schließlich die Kinder-Mazurka: Nach harten Proben präsentieren die Schüler der Ballettakademie den Höhepunkt der Inszenierung. Nicht weil sie süß sind, sondern weil sie einen wendungsreichen, äußerst schwierigen und auch recht langen Tanz mit bemerkenswerter Frische und Munterkeit meistern. Das gelang, wie schon erwähnt, manch Großem weniger. Petipas und Ratmanskys "Paquita" trennt auf erstaunliche Art Spreu und Weizen.

Die Zuschauer zeigten sich etwas irritiert ob der Kürze des Stücks. 105 Minuten, mit nur einer Pause, sind ungewöhnlich für einen abendfüllenden Klassiker. Umso eher eignet er sich für den wiederholten Besuch. Denn es sind darin auch nach dem fünften Sehen gewiss noch pantomimische Details zu entdecken, die eine einfache, aber reich ausgestaltete Geschichte erzählen.

Veröffentlicht am: 15.12.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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