"Pension Schöller" in der Drehleier

Ein toller Spaß ist doch diese Verrücktheit!

von Michael Wüst

Peter Albers (Phillip Klapproth), Cornelia Bernoulli (Josephine Zillertal), Ida Klapproth (Petra Perle). Foto: Michael Wüst

Eine zeitreisende Pension mit ihren eigenwilligen Gästen macht in der Drehleier Halt: Die unsterbliche „Pension Schöller“. Theaterchef Werner Winkler inszeniert den Dauerbrenner des deutschsprachigen Boulevard-Theaters in seiner ursprünglichen Fassung aus dem Jahre 1890 mit Frische, Witz und Tempo. Verblüffend. Ohne Konstruktionen oder zeitliche Anpassungen eines Regietheaters gelingt mit Werktreue zum alten Stoff die Animation einer Posse über moderne Zeiten.

Das Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts fiebert. Elektrizität und neue Mobilität versetzen die Wilhelminische Zeit in das Stadium der Nervosität. Man entdeckt die Irren. Man hört von Großstadt-Neurosen, Neurasthenien. Erschöpfungszustände, dem Tempo geschuldet, erotische Zusammenbrüche. Die Irren der Großstadt, diese lasziven, kreativen Eintagsfliegen, will Provinzler Phillip Klapproth (Peter Albers) aus Kyritz an der Knatter kennenlernen. Der Kleinbürger mit großbürgerlicher Gutsvergangenheit möchte ein bisschen Voyeur sein.

Neffe und jazzambitionierter Jungspund ohne Geld, Alfred (David Tobias Schneider), weiß von Onkel Klapproths Gelüsten und, in Ermangelung einer realen Nervenheilanstalt, bietet er ihm eine „Soirée“ in der Pension Schöller, die einen Stock über seinem Stammcafé liegt, an. Es folgt eine rasante Vorstellung der liebenswerten Alltagsirren, die nichts von ihrem vermeintlichen Befund wissen. Ungetrübt selbstsicher und in herrlicher Demenz eröffnet Major von Mühlen (Martin Politowski) die Menagerie der Wunderlichen. In der größtmöglichen preußischen Präzision dessen, wozu das Baierische fähig sein kann – was einen ganz besonderen Reiz ausmacht - feuert er seine Kommandos in Richtung Kellner-Hosenrolle (Ina Meling). Schrippen zu alt, Tee wie Petroleum, stillgestanden!

Martin Politowski (li.), Peter Albers. Foto: Michael Wüst

Da war der Tee bei Königgrätz noch besser, bei der Schlacht von…? Abmarsch! (nämlich er selbst ins Off). Türen auf, Türen zu, es herrscht der wunderbare Boulevarddurchzug. Schon steht Professor Bernhardy (Christian Hoening) in der Tür, zurück aus Afrika. Der Mann, der sich noch nie verliebt hat, hat gerade den Mann einer Löwin erschossen, um seinen Bruder zu retten. Jetzt kommt der Löwe ausgestopft mit seinem Bruder nach Berlin. Was mit seinem Bruder? Ja, der kommt auch mit. Nach den männlichen Paradeexemlaren werden die zarten, künstlerischen Geister aus dem Hut gezaubert. Eugen (Sebastian Winkler), der eigentlich seine kaufmännische Lehre beenden solle, zieht es zu den Brettern, die die Welt bedeuten. Obwohl er einen „leichten“ Sprachfehler hat, er spricht das L als N, deklamiert er mit brachialer Verve. Zum Beispiel aus Romeo und Nulia. Es war die Nachtigann und nicht die Nerche! Ein Kracher!

Sebastian Winkler (li.), Peter Albers. Foto: Michael Wüst

Feiner wird es mit der Schriftstellerin Josephine Zillertal (Cornelia Bernouilli). Zartest besaitet, wesen- und fleischlos, ist sie unbändig dem Schicksalhaften aufgeschlossen. Arrondiert wird das Ganze von Pensionschef Schöller (Hermann van Ulzen), der in heiterer Senilität absolut alles verdattert und verdaddelt. Phillip Klapproth ist begeistert. Ein toller Spaß ist doch die Verrücktheit! Hin und hergerissen, in wilder Hast, mit rotem Kopf und feuchten Lippen verfolgt der Provinzler das Pointengewitter des Nonsense. Fast ein Hauch von Freiheit. Man tauscht sich aus und lädt sich ein, es macht ja nichts, nach dieser „Soirée“ werden ja alle wieder weggesperrt. Nur: im zweiten Teil sind sie dann alle da. Oh Gott! Zuhause bei Phillip Klapproth in Kyritz an der Knatter! Die Insassen der Pension haben nämlich die Einladung angenommen und firmieren jetzt als die Heimsuchung des Voyeurs. Da kann und will auch Ida Klapproth (Petra Perle), die Schwester, nichts mehr ändern. Nein, sie hat sich gar gleich in Großwildjäger verliebt. Und ihr gefällt ihre Schicksalsgeschichte, dass sie von Zigeunern in einen arabischen Harem entführt worden ist. Klapproth wird verrückt, kein Zweifel. Er rackert, verrammelt die Türen, schreibt Hilfetelegramme, es hilft nicht. Als er es sogar fast geschafft hat, alle wegzusperren, bricht der Schrank auf und Eugen wieder heraus auf die Bretter, die Welt bedeuten. Und zwar diesmal ohne Fehler!

Petra Perle (li.), Cornelia Bernoulli. Foto: Michael Wüst

Der Provinzler ist am Ende, bricht irre lächelnd zusammen. Im Blick leuchtet der Wahnsinn. Den Sprachfehler hat er jetzt selber! Ist schon klar. Mit der Geschichte kann er jedenfalls nicht mehr angeben. Wär er doch besser ins Bordell gegangen. Großartiger Boulevard!

Pension Schöller, Drehleier 20.30 Uhr, weitere Vorstellungen: 12./13. und 16.-20.12.2014, Reservierungen unter 089 / 482742

Veröffentlicht am: 12.12.2014

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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