Karl Stankiewitz erinnert sich an die ersten Nachkriegs-Tage im Mai 1945 in München

Schatzsuche im Schutthaufen - die Woche zwischen Krieg und Frieden

von Karl Stankiewitz

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird das Erinnern immer schwieriger - aber nicht weniger notwendig. KV-Autor Karl Stankiewitz, Jahrgang 1928, hat viele Bücher über Kriegs- und Nachkriegszeiten in München geschrieben. Hier erinnert er sich noch einmal an die Tage Anfang Mai 1945 - die zeitllose Zeit zwischen Ungewissheit und Erleichterung, zwischen Krieg und Frieden.

1. Mai 1945. Für München der erste Tag ohne Krieg. Genau fünfeinhalb Jahre zuvor hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Er verwandelte den Geburtsort des Nationalsozialismus, die Wahlheimat- und Lieblingsstadt des Österreichers Adolf Hitler in einen „lebendigen Schutthaufen“. So drückte es der spätere Oberbürgermeister Thomas Wimmer aus, der später seine Mitbürger, in erster Linie aber gewesene NS-Parteigenossen, selbst mit der Schaufel in der Hand, zum „Rama dama“ nötigen wird. Fünf Millionen Kubikmeter Schutt von 12.500 total zerstörten Gebäuden sollen weggeräumt werden, damit neues Leben aus den Ruinen wachse.

Lebendig war die Trümmerwüste durchaus, denn in ihr wohnten oder vegetierten noch rund 460.000 Menschen. Im Mai 1939 waren 815.212 Einwohner gezählt worden. Wo sind sie geblieben? Zwangsevakuiert oder freiwillig aufs Land geflüchtet, als Soldaten gefallen oder irgendwo gefangen, vertrieben, ermordet. Und 6632 Münchner verloren ihr Leben durch 3,5 Millionen Brandbomben, Sprengbomben und Luftminen. Noch am 25. Februar waren 559 Frauen, Kinder und Männer bei einem Angriff von 1550 amerikanischen Flugzeugen ums Leben gekommen. „Bombenterror“ nannten es jene, die mit dieser Art Kriegführung begonnen hatten, indem sie schon 1940 die holländische Hafenstadt Rotterdam und die englische Kulturstadt Coventry aus der Luft zermalmen ließen.

Doch der 1. Mai 1945, der erste Tag einer befreiten, besetzten Stadt, ist noch kein Tag des traurigen Erinnerns und nüchternen Bilanzierens. Natürlich auch kein „Tag der Arbeit“. Noch ist ja der Krieg nicht beendet; weiter südlich schleppt er sich noch hin. An diesem Montag kriechen wir Münchner, ungestört durch Alarme, aus unseren mehr oder weniger beschädigten Häusern. Wir Halbwüchsigen jedenfalls voller Neugier auf die neue Zeit, die eigentlich nur besser werden kann, mit dem guten Gefühl, überlebt zu haben und mit dem Bedürfnis, das weitere Überleben zu sichern.

Schon am frühen Morgen sehe sich viele Menschen, die sich in Richtung Maximiliansbrücke  bewegen. Genau dorthin, wo am Tag zuvor der erste amerikanische Jeep mit drei Soldaten mutig vorgeprescht war, gefolgt von einer Kolonne schwerer Sherman-Panzer in der durch Tramwagen blockierten Maximilianstraße. Die Kisten mit dem Sprengstoff, der die Brücke zerstören sollte, und den Stacheldraht hatten wir kurz zuvor in die Isar geworfen. Die SS-Leute, die daraufhin die Menge mit der Waffe bedrohten, waren abgezogen aus dem Maximilianeum, wo sie sich hinter einer Rotkreuz-Fahne verschanzt hatten. Der „Volkssturm“, alte Männer und Schulkinder, hat im Rondell schnell noch seine Panzerabwehrkanone in die Luft gesprengt.

Plündern auf der Praterinsel

Kein amerikanischer Soldat heute in Sicht, deutsche Polizei existiert nicht mehr. Gefahrlos also und auch hemmungslos kann die Plünderung beginnen. Sie wird drei Tage dauern. Drei Chaostage. Befreite „Ostarbeiter“, die mit ganzen Karren angerückt sind, machen mich lachend auf ihre „Lieferfirmen“ aufmerksam. Auch andere Leute aus unserem ehrenwerten Haus in der Widenmayerstraße, sogar Frau Oberstleutnant von nebenan mit ihren Kindern, machen sich auf den verheißungsvollen Weg, den nun viele Mitbürger in anderen Stadtteilen gehen. Unser erstes Ziel ist die Spirituosenfabrik Riemerschmid auf der Praterinsel.

Im ersten Raum rieseln mir  Berge von Zucker entgegen, ich fülle einen Eimer. Kalorien für die nächsten Monate einer zu erwartenden Ernährungs-Katastrophe sind gesichert. Dann entdecke ich ein Lager voller Liköre mit exotischem Namen. Ich packe ungefähr zehn Flaschen Arrak ein, die werden mir und meinem Opa über den nächsten Winter ohne Kohle helfen. Später werde ich meine Tat bei Riemerschmid beichten und bedauern, jetzt sehe ich sie eher als Mundraub oder Vorsorge.

Nachdem die Beute zuhause eingelagert ist, eile ich mit anderen hinauf zum Bürgerbräukeller. Hier hatte Hitler 1923 den Marsch zur Feldherrnhalle befohlen, hier war er 1939 nur knapp dem Sprengstoffanschlag des schwäbischen Schreiners Georg Elser entgangen. Gestern um 15.30 Uhr, als uns die Amis befreiten, hat er sich in seinem Berliner Bunker mit der Pistole angesichts des selbst verursachten Untergangs selbst gerichtet, während Ehefrau Eva und Schäferhündin Blondi an Blausäure starben - was wir aber erst später aus Bekanntmachungen der Militärregierung erfahren.

Die lichtlosen Kellergewölbe des Bürgerbräu sind voller Schätze. Wein – nicht etwa Bier, wie in einer Brauerei zu erwarten – fließt in Strömen aus riesigen Fässern und hat den Boden etwa einen halben Meter tief gefüllt. In der roten Flut schwimmen mehrere Leichen. Haben sich diese Männer tot gesoffen oder sind sie in der Panik des Plünderns ertrunken? Nur schnell raus aus dem Inferno. In einem Laden am Sendlingertorplatz ist gerade noch ein Schubladen voller Puddingpulver „zu haben“. Irgendwo greife ich mir einen großen Laib Käse und rolle ihn die Isar entlang - den großen Rest davon wird man mir im Sommer beim zwangsverpflichteten Ernteeinsatz auf einem Bauernhof in Moorenweis aus der Knechtskammer klauen.

Hauptangriffsziele der Münchner Plünderer sind das Reichsbahnausbesserungswerk und das Hauptzollamt, dessen Tore mit Brecheisen und Bolzenschneidern geöffnet werden. Beste, offenbar für die Bonzen bestimmte Konserven und Getränke wie Champagner und Cognac, aber auch Berge von feinen Stoffen und sogar Uniformen werden auf Pferdefuhrwerken weggeschafft. Das Erscheinen von amerikanischen Uniformen gegen 16 Uhr macht dem räuberischen Treiben keinesfalls ein Ende. Ausgeraubt werden auch die Kasernen auf dem Oberwiesenfeld, zahlreiche Kaufhäuser, Produktionsbetriebe und einige Privatvillen.

Aus dem „Führerbau“ beim Königlichen Platz (heute Königsplatz) verschwinden außer Möbeln, Zigaretten und anderen Nazi-Utensilien 650 wertvolle Gemälde, darunter Meisterwerke von Rembrandt, Baldung Grien, Canaletto, van Dyck und Ruysdael, die Hitler für sein in Linz geplantes Reichskunstmuseum deponiert hatte. Anscheinend wussten einige Ortskundige, darunter auch Ortsgruppenleiter und Blockwarte, von den Schätzen. Nur 130 dieser Bilder werden bei der Fahndung in den nächsten Monaten wiedergefunden und zunächst zurückgebracht in den Betonsilo, wo amerikanische und deutsche Kunstexperten bald einen Central Art Collecting Point einrichten (und heute das Zentralinstitut für Kunstgeschichte firmiert).

Die Woche Null

Tagelang geht es drunter und drüber. Die von den Amerikanern rekrutierte Hilfspolizei, allein an Armbinden erkenntlich, kann nur notdürftig die Sicherheit aufrecht erhalten. So werden im vornehmsten Vorort von München mehrere unheimliche Morde verübt, offensichtlich aus Rache; erst viel später kann der „Teufel von Grünwald“ ausfindig gemacht werden. Auch die Ordnungstruppe, die der Spruchkammer-Vorsitzende und spätere CSU-Stadtrat Karl Wieninger aus Männern der „Befreiungsaktion Bayern“ improvisiert hat, richtet im allgemeinen Chaos wenig aus. So meldet sie am 5. Mai die Übergabe von 20 Paar Filzstiefeln und anderen geplünderten Waren an das Pfarramt Sendling. Auch der frühere Würzburger Oberbürgermeister Franz Stadelmayer, den die US-Militärs zum kommissarischen OB berufen, kann nicht viel mehr tun als schnell eine neue Verwaltung aufzubauen für eine zerstörte Stadt.

München durchlebt die Woche Null. Noch sieben Tage bis zur Kapitulation, zum endgültigen Frieden im Land. Sieben Tage, in denen es fast nichts gibt in der Stadt und fast nichts funktioniert. Noch gibt es zum Beispiel keinen Rundfunk („Radio München“ startet am 12. Mai als erster Sender der US-Zone), keine Zeitung (die erste erscheint am 18. Mai als „Bayerische Landeszeitung“ mit dem Untertitel „Alliiertes Nachrichtenblatt für die deutsche Zivilbevölkerung“) und keinen öffentlichen Verkehr (die erste Straßenbahn fährt am 1. Juli vom Sendlingertorplatz nach Schwabing, wo eine „Bockerlbahn“ inzwischen Schutt befördert).

Es gibt auch noch keine Landesregierung (die wird erst am 25. Mai unter dem konservativen Altpolitiker Fritz Schäffer von der Besatzungsmacht eingesetzt), keine politischen Parteien (als erste wird die KPD am 2. November lizenziert), kein Konzept für den Wiederaufbau (den beschließt der Stadtrat am 9. August - „in alter Form"). Es gibt für unzählige Münchner keine Arbeit, für viele Familien keine Väter und für Jugendliche keine Schule (erst im Herbst können wir, in heil gebliebenen Häusern und teils mit den alten Lehrern, nach Zwangseinsätzen in Landwirtschaft und Industrie den seit Februar abgebrochenen Unterricht wieder aufnehmen).

Und es gibt in dieser ersten Woche des Wonnemonats Mai im Jahr 1945, jedenfalls für den Großraum München, weder Krieg noch Frieden (für den übrigens ein völkerrechtlicher Vertrag bis heute aussteht). Der Krieg, so werden die Münchner demnächst im Schauspielhaus in der von Bert Brecht selbst inszenierten „Mutter Courage“ hören, „der zieht sich etwas hin“.

Veröffentlicht am: 11.05.2015

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