Yvonne Pougets "La Cattedrale nel Vento"

In der liebevollen Umarmung Ganeshas

von Isabel Winklbauer

Yvonne Pouget und Gianni Lamagna. Foto: Anja Wechsler

Es bleibt dabei, Yvonne Pougets Gesicht ist ein Schauspiel für sich. In ihrem neuen Stück "La Cattedrale nel Vento" spielt sie damit Scham und Verzweiflung, aber auch Hoffnung und Lebensdurst. Ihre vom japanischen Butoh inspirierten Pantomimen verknüpft sie obendrein mit den Darbietungen von Tänzern, Sängern und Musikern, so dass sich das Ganze zum bunten Trattoria-Abend auswächst. Das ist skurril, witzig, aber auch ein bisschen beliebig.

Gianni Lamagna singt mit Herz und Seele. Foto: Sergio Sano

Den Weg von tiefster Scham zu neuem Lebensmut beschreitet zu großen Teilen Sänger und Schauspieler Gianni Lamagna. Die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten des reifen Künstlers sind reduzierter als die von Pouget oder ihren Mittänzern Annett Göhre und Elien Rodarel. Dafür dringt Lamagna mit seinen italienischen Balladen voller Leidenschaft weit in die Herzen der Zuschauer vor. Für Pouget ist Italienisch ja schon lange die Sprache des Herzens. Wer es nicht versteht, kann die Texte auf einem Blatt mit Übersetzungen mitlesen, das am Eingang ausgeteilt wird.

Lamagnas Stimme wirkt gegen Ende des 80-minütigen Stücks erschöpft, was der Wirkung seines Duetts mit Anna-Maria Hefele - "Canzone dei Carrettieri", das Lied der Kutschenfahrer - jedoch keinen Abbruch tut. Zu zweit verkörpern die Sänger das Happy End, die wiedergefundene Intimität der Seelen, auf angenehmste Art.

Annett Göhre und Elien Rodarel kämpfen um Nähe. Foto: Anja Wechsler

Annett Göhre und Elien Rodarel suchen zuvor schon zum Klang der "Tarantella di Sannicandro" zu einander. Pouget wählt hier keine elegante, klassische Aufnahme, sondern eine rohe, teils ungemütlich zu hörende Version mit Straßencharme. Göhre und Rodarel tanzen anfangs weit auseinander, kämpfen mit lang ausgestreckten Armen und Beinen einsam vor sich hin. Zwei Rundrücken, versetzt nebeneinander, sind Sinnbild ihres schmerzerfüllten Innsichgekehrtseins. Erst spät in ihrer Szene werden sie enger und versuchen letztendlich schöne Hebungen, mit lachenden Gesichtern. Ihr Tanz bleibt weitgehend isoliert, ohne große Verbindung zu den anderen Darbietungen.

Pouget und Benedetto in vielfacher Umarmung. Foto: Anja Wechsler

Ob Gesang, Mandoline, Pantomime oder Tanz, der Abend ist immer dann am stärksten, wenn Yvonne Pouget sich auf der Bühne bewegt. Zusammen mit Giacomo di Benedetto führt sie gegen Ende eine Ganesha-Formation an, mit den wogenden, erhobenen Armen der anderen Darsteller im Rücken. Ein Paar an der Front dieser indischen Pose ist neu und eine glänzende Idee. Sonst eher bedrohlich, wirkt die Figur hier freundlich und zärtlich. Die Arme greifen nicht an, sie streicheln den Wind oder umarmen den Partner. Und Yvonne Pougets Gesicht übersetzt dazu den Begriff "Glück" in die Weltsprache der Mimik.

Mehr Konzentration auf das Wesentliche, also das Körperliche und den Tanz, täte dem Werk gut. Denn Yvonne Pougets Ausdruckskraft wird, scheint's, immer stärker, je mehr Jahre verstreichen.

Veröffentlicht am: 01.12.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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