"Venedig sehen…“ mit Bildern aus der Sammlung Siegert in der Neuen Pinakothek

Nur ein paar Beispiele - aber was für Schätze!

von Christa Sigg

Carlo Ponti (1860), Wasserträgerin, Chioggia. Bay. Staatsgemälde-sammlungen, Sammlung Dietmar Siegert

Stillhalten musste man schon können. Die frühen Fotografen waren da unerbittlich - keine Freude für Modelle wie die junge Wasserträgerin mit Hut, die Carlo Ponti um 1860 aufgenommen hat. Das verrät ihr abwesender, leicht genervter Blick. Diese Mühen waren allerdings nichts gegen die des Muschelfischers, der für Carlo Naya (1816-1882), vornüber gebeugt in der Lagune verharren musste (1870) und dabei womöglich das Atmen vergessen hat.

Man spürt die Konzentration, die hinter und in der Folge natürlich auch in den Aufnahmen steckt, doch genauso, wenn Paläste, Kirchen oder Brücken im Visier waren. Und man kann die Anziehung, den Reiz gut nachvollziehen, dem Dietmar Siegert bald erlag, als er in den 1970ern anfing, Fotografien aus der Zeit der Pioniere zusammenzutragen. Lange schon ist der Dokumentarfilmproduzent bekannt für seine potente Sammlung, entsprechend wird er umworben. Und nach dem Münchner Stadtmuseum hat nun auch die Neue Pinakothek - dank Pinakotheks-Verein und anderen Mäzenen - einen fabelhaften Teil erhalten.

Siegerts etwa 9700 Fotografien umfassende Italienkollektion gehört sicher zu den bedeutendsten auf diesem Gebiet, mit Konvoluten von Giacomo Caneva, der vor allem in Rom aktiv war, dem gelernten Maler James Anderson, Domenico Bresolin oder Stefano Lecchi, einem der ersten Reportagefotografen. All das fügt sich bestens ins Programm des Museums, das haben Ausstellungen mit Siegerts Schätzen (Toskana, Rom, Neapel) mehrmals bewiesen.

Doch bevor es zum Dialog mit den italophilen Helden des Hauses – von den Romantikern bis zu den Deutsch-Römern - kommt, kann man Ausgesuchtes aus der Venedig-Sammlung pur genießen. Eine überschaubare Auswahl von zwei Dutzend Beispielen - aber was für Aufnahmen! Neben den eingangs erwähnten Porträts breitet sich die alte Serenissima mit ihren Palästen und Kirchen, Türmen und Brücken aus. Bilder vom leisen Verfall eines kostbaren Traums. Darunter ein Blick auf San Giorgio aus der Galerie des Dogenpalastes heraus (Carlo Naya), man möchte meinen, Gustav Aschenbach lehnt an der Balustrade. Die Seufzerbrücke, die Giuseppe Cimetta um 1850 mit sagenhafter Präzision aufgenommen hat, dann Palastdetails, die Pferde von San Marco in Untersicht, eine Gondel, die sich im Wasser spiegelt (Domenico Bresolin) und die damals wie heute unvermeidliche Rialtobrücke (um 1858) von Antonio Perini (1830-1879). Von Letzterem stammt auch ein Dogenpalast samt Campanile, gleichwohl mit abgeschnittener Turmspitze – es gab halt noch kein Weitwinkelobjektiv.

Ganz ohne Pendants sollte die Ausstellung „Venedig sehen…“ aber dann doch nicht auskommen. Im Raum gegenüber hängen rund hundert Jahre ältere Veduten aus der Alten Pinakothek. Amüsanterweise scheut das Öl nicht vor Bewegung zurück. Francesco Guardi (1712-1793) fasst in seiner Malerei die letzte rokokohaft elegante Blüte der Lagunenstadt und experimentiert zugleich mit der Farbe. Großes Theater ist das, brillant konzipierte „Realität“, von der Regatta auf dem Canale della Giudecca (1784/89) über ein rauschendes Festkonzert zu Ehren russischer Gäste bis hin zum dramatischen Brand von San Marcuola, ein Werk, das weit über die Entstehungszeit um 1790 hinausweist.

Neue Pinakothek bis 2. Februar 2015, Mi bis Mo von 10 bis 18 Uhr, Mi bis 20 Uhr

Veröffentlicht am: 09.12.2014

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