Randy Hansen mit Hendrix' Woodstock-Show im Backstage-Club

Das sollte man tatsächlich irgendwann mal gesehen haben

von Michael Grill

Randy Hansen (Archivaufnahme). Foto: Cristina Arrigoni Photography

Wer so spielen kann auf der Gitarre wie Randy Hansen, ist ein Künstler. Ist es aber Kunst, wenn ein Künstler seine Fähigkeiten fast ausschließlich dazu verwendet, das Werk eines anderen zu imitieren? Was in der Klassik mit ihrem festen Werkbegriff keine so großen Fragen aufwerfen würde, ist in der Rockmusik anders: Bataillone von AC/DC-, Queen-, Pink-Floyd-Tributebands leben gut vom musikalischen Reenactment als Geschäftsmodell - gelten aber bestenfalls als Unterhaltung. Nun kommt Randy Hansen, der seit mehr als 30 Jahren der beeindruckendste Wiedergänger des 1970 gestorbenen Jimi Hendrix ist, auf die Idee, zum, nunja, "45. Jubiläum" des berühmten Hippie-Festivals in Woodstock, den noch berühmteren Auftritt des Gitarrengotts dort "originalgetreu aufleben zu lassen". Im Backstage-Club gab es dafür mächtig Beifall.

Die Rahmenbedingungen stimmten: Mit Manni von Bohr und Ufo Walter hat Hansen exzellente Begleitmusiker, in Lord Bishop Rocks eine kongeniale Vorband, die auf den Hendrix-Sound einstimmt, indem sie Verwandtschaften zu Funk und Metall fulminant herausarbeitet.

Nun zum Eigentlichen: Hendrix' Woodstock-Auftritt mit der in Rückkopplungen zerschmetterten US-Hymne als Höhepunkt ist ein zentrales Schöpfungsmoment der modernen Rockmusik. Sichtweise Nr. 1 auf Hansens Wiederholungsversuch: Wenn heute ein bildender Künstler Malewitschs "Schwarzes Quadrat" von 1915 kopiert, interessiert das auch keinen. Ein Musiker, der nicht interpretiert, sondern kopiert, sollte besser gleich eine CD vom Original auflegen. In dem Sinn war war an Hansens Show vieles definitiv nicht "original": Vom einem in "Spanish Castle Magic" eingeschobenen "Hush" von Deep Purple bis zum der "Foxy Lady" vorgelagerten "Papa Was A Rolling Stone" der Temptations wurde da ständig aufgemotzt, was nicht aufgemotzt werden muss (und was Hendrix in Woodstock nicht gespielt hat). Hendrix' Zugabe "Hey Joe" wurde durch "Like A Rolling Stone" ersetzt; Unbekannteres und Jam-Teile einfach weggelassen usw. Mätzchen wie permanentes Plektrumwerfen und Mit-den-Zähnen-Spielen waren stark übertrieben und nervig, überhaupt macht ein ständiges "Ich-bin-so-toll" eine Reminiszenz auch nicht besser.

Sichtweise Nr. 2: Hansen hat über Jahrzehnte eine Kunstfigur geschaffen, die Hendrix tatsächlich irgendwie weiterleben lässt. Die gewaltige Power insbesondere der Hendrix-Konzerteröffnung war absolut spürbar, Hansens Spieltechnik ist perfekt, der Vibratohebel-Einsatz beim US-Hymnen-Sound unglaublich gut (und aufschlussreich), die Stimme ist vom Original gar nicht mehr zu unterscheiden. Zwei Lehrstunden zur Gitarre, voller Freude, voller Staunen - was will man mehr? Besser kann man alte Musik in historischen Kostümen nicht aufführen.

Man kann das also so oder so sehen, trotzdem gilt: Wer sich für Rockmusik interessiert, sollte Hansen-Hendrix irgendwann mal erlebt haben. Und wenn der Wiedergänger bei seinem Workshop zum Rock-Urknall von 1969 ein bisschen weniger Kinderzirkus machen würde, wäre er mit dieser durchaus eindrucksvollen Nummer noch ein bisschen größer.

 

Anm. d. Red. (31.10.2014, 22.20 Uhr): Im Vorspann ist das Wort "Coverbands" durch Tributebands" ersetzt worden. Denn: Coverbands spielen Songs von vielen verschiedenen anderen nach. Tributebands aber widmen sich dem Werk eines einzigen anderen Künstlers - und die sind hier gemeint. Danke für den Hinweis an Thomas Hammerl.

Veröffentlicht am: 30.10.2014

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