"Monument der Verwesung" im i-camp

Grinsender Festgast auf totem Braun

von Michael Wüst

Gisa Flake, Matthias Renger, Philipp Lind. Foto: Michael Wüst

Die Theatergruppe „Fake to Pretend“ untersucht Formen von Radikalität unabhängig von Ort und Zeit. Radikalität soll sich vergegenwärtigen als Utopie, gleichzeitig unabhängig vom historischen Prozess. Das Theaterstück „Monument der Verwesung“ im i-camp spielte, ausgehend von der medialen Utopie einer Talkshow, mit irren Zeitschleifen. Eine Art Déja-Revue.

Paradox ist es ja zu sagen, es ginge uns, der Gesellschaft, der Menschheit, gerade heute, oder doch wahrscheinlich immer, darum, die Utopie wiederzufinden. Denn wer nur kurz nachschaut, findet: U-Topos heißt Nicht-Ort oder Un-Ort. Uchronisch, also in nicht historisch linearer Zeit aufzufassen, wäre Kafkas berühmtes Paradox über den Messias, der kommen wird, einen Tag nach seiner Ankunft.

Bei Beginn des Stückes von Tobias Ginsburg möchte man anlässlich des Settings allerdings so tief sicher nicht schürfen. Eine schön ekelhafte Talk-Sitz-Garnitur in totem Braun, unvermeidlich dahinter ein Screen und weißer Teppich. Auftritt Matthias Renger in einer an Fiktionalität natürlich kaum zu übertreffenden Rolle, nämlich der eines gewissen Markus Lanz. Bravo! Der Name bürgt für Virtualität. Wer so heißt, darf sich getrost Sorgen darüber machen, ob er existiert. So fühlt sich konsequenter Weise auch unser Markus Lanz auf der Bühne. Er ist in schönem Uptempo, die Notiztäfelchen mischend, auf schlankem Hals das alerte Köpfchen immer wieder affirmationsheischend nach vorne reckend - völlig desillusioniert.

Obwohl nur geprobt wird. Auf Fingerschnippen der Produktions-Domina (Gisa Flake) werden kleine Fehler in Zehntelsekunden korrigiert. Und ein Test-Gast ist auch bereits da. Matthias Schweighöfer (Philipp Lind) deliriert mit neo-alpinem Hinterseer-Dauergrinsen, wartet auf seinen Weißwein und möchte eigentlich sonst nur über seinen Film reden. Der Tisch der Talkrunde ist übrigens trapezförmig. Das erklärt sich aber bald aus dem eingespielten Talkskandal um den Manager der Gruppe „Ton Steine Scherben“ Pallat, der auf eben einen solchen 1971 mit einer Axt eingedroschen hatte. Dieser Talk-Ausraster ist bis dato fast eineinhalb Millionen Mal gesehen worden. Der Tisch auf der Bühne steht da wie das eigenartig stumme Artefakt von 11/2 Millionen Scheiß-Kapitalismus-Gespenstern. Wirklich eigenartig.

Irgendwann kommt von der Regie: `Die Gäste kommen nicht´. In der eskalierenden Produktionskrise bewirft man sich zunehmend „befreit“ mit Schnipseln dialektischer Aufklärung, irgendwelchen Frankfurter-Schule-artigen Theorieendungen, sozusagen Glossolalie des Revolutionären. Die Materialmassierung verstümmelten Denkens erfährt dann aber eine stupende Wendung: der Film des grinsenden Testgastes Schweighöfer geht nämlich über zu Symeon Stylites, Säulenheiligen aus Syrien, bei Aleppo, gestorben 459 nach Christus.

Stephen Hawkinsche Zeitwürmer wühlen jetzt im Bauch der Rezipienten. Das Spiel mit der dechronisierten Zeit wird aber bildgewaltiges Phantasma. Bildgewalt liquidiert Logik. Markus Lanz zerstört das Studio, Kirchväter tauchen auf. Origenes fantasiert über die Erlösungsfunktion der Selbstentmannung. Schweighöfer erstrahlt als Symeon vor Satans Grimasse im Konterfei der Produktions-Domina. Starke Bilder und viele gleichwohl kreative Fragezeichen. Wie bringt man Karl Marx zusammen mit einem abgedrehten gnostischen Asketen, der auf einer Säule sich vor einem „Millionenpublikum“ der Verwesung anheim gab? Naja, Radikalität ist eben auch etwas Bindungsloses!

Veröffentlicht am: 06.10.2014

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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