Vor 60 Jahren gründete Werner Kubsch in München die Studiosus-Reisen

Schönste Eindrücke und schlimmste Abenteuer

von Karl Stankiewitz

Werner Kubsch in Äthiopien, als die Welt noch Schwarz-Weiß war. Foto: Stankiewitz

Am morgigen Mittwoch (8. Oktober 2014) wird das Reiseunternehmen Studiosus 60 Jahre alt. Gefeiert wird, wohl wegen der politischen Relevanz, in Berlin, und nicht am Stammsitz München. Es geschah an der Ludwig-Maximilians-Universität, dass nach dem Krieg einige Studenten 1954 eine „Süddeutsche Studienferien-Gemeinschaft“ gründeten. Treibende Kraft war Werner Kubsch, der das Unternehmen schon zu Lebzeiten zur „größten unabhängigen Bildungs- und Kulturreiseorganisation“ entwickelte, wie es in der Würdigung eines internationalen Gremiums heißt. Eine legendäre Gestalt in der Geschichte des Tourismus.

Werner Kubsch, 1922 in Mathilda (Schlesien) geboren, im 3. Reich Panzerkommandeur in Italien, hatte nach 1945 in Rom und Padua studiert und wurde später sogar zum Cavaliere della Republica Italiana ernannt. Die erste Urlauberreise, die er - natürlich - selbst leitete, führte zu den klassischen Stätten Griechenlands. Unter Studenten und bildungsbegierigen Lehrern gewannen er und seine Freunde die ersten Stammkunden. Aber auch Journalisten lud Kubsch gern ein, wenn es darum ging, neue Zielgebiete zu testen oder gar erst zu erkunden.

Wer sich auf eine solche „Pilotreise“ einließ, konnte auf schönste Eindrücke und auf  schlimmste  Abenteuer gefasst sein. Mal mussten wir eine Pyramide in der Mittagsglut erklettern, mal ein eigentlich verbotenes Eiland entern. Mal verirrte sich der ehemalige Panzerfahrer in der Libyschen Wüste so hoffnungslos, dass selbst hartgesottene Reporter zu beten begannen. Mal hing der kugelige, mit Souvenirs behängte Reisehauptmann hilflos an einer Felswand, als er sich am Seil zu einem Mönchskloster hieven ließ, verlor seinen Ehering und musste gerettet werden.

Nicht einmal palästinensische Guerillalager waren vor seinem Besichtigungsdrang sicher. Wir tauften seine Firma in „Strapaziosus“ um. Er nahm es auch gar nicht krumm, dass ich ihm eher scherzhaft vorhielt, für ihn sei Tourismus wohl die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Am liebsten ließ er Länder im Zustand politischer Hochspannung bereisen, so im November 1975 das an allen Ecken und Enden brennende Äthiopien, das sich im Umbruch vom Kaiserreich zum Kommune-Staat befand. Denn Kubsch verfuhr, ungewöhnlich für die Branche, nach dem Grundsatz: „Auch die politische Information zählt zu den Selbstverständlichkeiten einer Studienreise.“

So wagte sich der Münchner Touristik-Spähtrupp beispielsweise im Reisejahr 1973 als einziger deutscher Veranstalter nach Syrien und Albanien. Im Juli jenes Jahres überraschte uns Kubsch nach einer abenteuerlichen Autofahrt über die Berge des Antilibanon bei der generalstabsmäßigen Morgenbesprechung in Damaskus mit dem Entschluss: „Wir fliegen nach Bagdad.“ An Widerspruch war kaum zu denken, wohl aber trugen wir dem Studiosus-Chef unsere Bedenken vor: Ohne Einladung, ohne Visa in ein Land einreisen, welches als einziges in der arabischen Welt keine diplomatischen Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland unterhielt, das Journalisten aus dem Westen grundsätzlich aussperrte – ob das gut geht?

Trotzdem flogen wir. Und wurden prompt auf dem Flughafen der heißen irakischen Millionenmetropole festgenommen und eingesperrt. Denn zufällig war gerade mal wieder Revolution. Der jüngste Offiziersputsch hatte einen gewissen Saddam Hussein an die Macht gebracht, der Terror tobte. Kubsch aber verlor die Ruhe nicht. Im Morgengrauen, als wir von schwarz verschleierten Frauen durch ein Fenster beäugt wurden, schlich er auf Strumpfsocken hinaus, telefonierte mit einem Reiseagenten und konnte uns aus der misslichen Lage einigermaßen befreien.

Von vornherein wollte der Münchner Anbieter mehr und andere Erlebnisse vermitteln als die allmählich erwachende Konkurrenz (1986 gab es schon 20 Spezialanbieter). Das zeigte sich auch bei der Auswahl und der intensiven Schulung seiner Reiseleiter. Es waren Theologen, Archäologen, Mediziner und Juristen, die bildungsbeflissene oder auch abenteuerlustige Kunden durch antike Stätten, ferne Wüsten, Gettos und Slums führten – genauso professionell wie etwa durch bayerische Dorfkirchen. „Nirgendwo gibt es eine so harte Schule wie bei uns“, sagte Kubsch, der 1976 nebenher das Internationale Jugendferienwerk München und eine Studiengesellschaft zur Förderung europäischer Sprachen gründete sowie einen internationalen Jugendreisepass propagierte. „Wir wollen die Leute bewusst werden lassen, wo sie sind.“

Im selben Jahr 1976 lotste er die erste Urlaubergruppe in die DDR.  Warschau, Moskau und Leningrad standen schon zehn Jahre vorher im Programm. 1989 durften die ersten deutschen Touristen, die Damen natürlich verschleiert, die Islamische Republik Iran bereisen; den von Studiosus eingeladenen Journalisten verhieß man in Teheran, bald auch Badestrände am Kaspischen Meer (natürlich nach Geschlechtern getrennt) bereitzustellen. Anfang der 80er Jahre entwickelte Studiosus einen neuen Typus, der eigentlich zu den Anfängen der Bildungsreise zurückführte, zu  Goethe, Humboldt und Tieck: die Wanderstudienreise. Die Reiseleiter, zugleich Wanderführer, brachten die Teilnehmer zu Klöstern, Museen und Naturwundern in fünf Kontinenten. Weder nationale noch ideologische Grenzen konnten sie hindern – die Welt von heute allerdings erfordert andere Gebote und viel mehr Verbote.

Nicht alle seine Träume waren in Erfüllung gegangen, als Dr. h.c. Werner Kubsch am 17. April 1992 starb und sein ökologisch orientierter Sohn Peter Mario das Unternehmen übernahm, das inzwischen auch durch Zukäufe immens gewachsen und mit vielen Auszeichnungen (von der „Grünen Palme“ bis zum „Bayerischen Umweltpreis“) bedacht worden war.  Doch wie keinem anderen ist es dem Newcomer aus München gelungen, die 1841 von dem Baptistenprediger Thomas Cook und 1928 in Deutschland von Dr. Hubert Tigges begründeten „Bildungsreisen“ mit messbarem Erfolg und nachhaltig in die Marke „Studienreisen“ umzumünzen. Darüber hinaus konnten die Programme erstmals auch Mengen von Menschen anlocken, „die das Abenteuer, die ein gewisses Risiko suchen“, wie es der Gründer von vornherein wollte.

So ist denn die Zahl der Teilnehmer, in der Branche lieblos „Paxe“ genannt, von knapp 500 im ersten Geschäftsjahr in manchem der folgenden Jahre auf über 100.000 geklettert. Die Kunden des größten europäischen Studienreiseanbieters, der allein über 60 Prozent des deutschen Marktes abdeckt, werden heute von 310 stationären Mitarbeitern und 570 mobilen Reiseleitern betreut. Über hundert Länder stehen aktuell im Reiseprogramm.

Über Begegnungen und Reisen mit Werner Kubsch berichtet Karl Stankiewitz in seinem Buch „Rebellen, Reformer, Regenten“, 2013 Gerhard Hess Verlag.

Veröffentlicht am: 07.10.2014

Über den Autor
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dieter@schnoepf.eu
07.10.2014 20:11 Uhr

Danke, Karl Stankiewitz, für diesen Beitrag. Werner Kubsch, seine Frau Lilo und seine damaligen Mitarbeiter waren großartige Kollegen, an die ich mich (ehemaliger Reiseleiter) immer wieder gerne erinnere. Er konnte uns mitreißend motivieren und war mir immer ein Vorbild.Auch seine Faschingsbälle waren legendär.

Vielen Dank

Dieter Schnöpf

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