"Under (De) Construction" auf dem Gelände Dachauer Straße 114

Respekt vor so viel "Eksotik"

von Michael Wüst

Boris Maximowitz, Mut. Foto: Jens Schnabel

Am 13. September 2014 eröffnete im neuen „Import Export“ auf dem Dachauer Gelände, vormals Luitpoldkaserne, hinfort Kreativquartier in Progress, „UNDER (DE) CONSTRUCTION“, eine Veranstaltungsreihe mit Ausstellung. Mit Begriffen wie Event oder Show wird man angesichts des vorgestellten Konzepts, das dem Prozesshaften, der Wandlung Rechnung trägt, nicht glücklich werden. Denn über allem thront die Dekonstruktion, die wohl, um sich selbst gerecht zu werden, alsbald wieder verschwinden wird.

Seitdem 2008 mit der Ablehnung des Sakamoto-Modells das Aus für die geplante Werkbundsiedlung gekommen war, befand sich das Gelände im Schwebezustand kreativen Zwischennutz-Nirwanas, bis nach einer weiteren städtischen Auslobung das Berliner Architektenbüro Teleinternetcafe 2012 den Zuschlag für seinen Entwurf eines Kreativ –Quartiers, -Felds, -Labors bekam, um der –Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen. Immerhin trägt der Entwurf insofern aktuellen Entwicklungen Rechnung, als auf der Basis des Bestands aufgebaut werden wird, was sich ja auch Bottom-Up-Strategie bezeichnen lässt.

Mit UNDER (DE) CONSTRUCTION ist auf Einladung der Kooperationsgesellschaft Labor München zu diesem Ansatz eine wohl kongeniale Intervention geglückt, um wiederum auf ein neueres Art-Hype auszuweichen. Bis zum 18. Oktober 2014 finden eine Reihe von Veranstaltungen statt, die sich mit den Transformationsprozessen des fünf Hektar großen Areals auseinandersetzen und dies semantisch vor- besetzen mit etwa „Discossion, Club-Lecture“, „Talk-Shows in Fortbewegung“, „Gastrosophie“ oder „Partitur des Bauens“. Tatsächlich überwiegen allerdings Anachronismen wie „Klangperformance“, "Kuratorenführung“, und „Podiumsdiskussion“. Daneben bietet „Import Export“ reichhaltige „eksotische“ Live-Music, fungiert auch als Jazzkantine. Im semantischen Wildwuchs findet sich zusätzlich der „Aufstand der Zeichen“ zum Thema Graffiti.

Florian Lechner, Raumskizze. Foto: Michael Wüst

Im Zentrum der zahllosen Veranstaltungen steht jedoch die von der Kuratorin Laura Sánchez Serrano mit acht Künstlern entwickelte Ausstellung. Vier auswärtige, The Chapuisat Brothers, Hisae Ikenaga, und Nicolas Combarro und Florian Etter standen vier hiesige, Michael Schrattenthaler, Florian Lechner, Boris Maximowitz und Folke Köbberling gegenüber. Insgesamt ein Mammutprojekt, das München größtenteils Karsten Schmitz und seinem Team von der Stiftung Federkiel zu verdanken hat. Hier ging es beileibe nicht nur darum, ein fertiges Konzept in einen Ausstellungraum einzubuchen, sondern nahezu alle Räume mussten ja behördlich urbar gemacht werden, vom Brandschutz bis zu den Fluchtwegen. Das verdient wirklich den größten Respekt.

Am besten, man geht erst einmal mittags hin. Mittwochs bis samstags stärkt man sich am Mittagstisch von „Import Export“. In der Straße dahinter finden sich dann die „Interventionen“. Alle Künstler arbeiteten mit den vorgefundenen Räumen. Induktives Vorgehen, heute etwas schicker: Bottom-Up.

Nicolás Combarro aus Madrid sucht sich normalerweise Bauruinen aus, in denen er Baumaterialien neu arrangiert, und derart gestaltetes „Schöner Wohnen“ dann fotografiert. In der Dachauer Straße gefiel ihm der Raum einer alten Lackiererei. Zwischen blauen Lackresten und unter Lüftungsschächte und vergitterte Neonröhren montierte er Styroporplatten, rote Plastikdeckel von Farbeimern und hängte ein gelbes Schuttfallrohr hinein. Spezieller Effekt: Bei behördlicher Begehung wurde festgesetzt, dass dieser Raum einer seit Jahren aufgegebenen Lackiererei von den Besuchern wegen Vergiftungsgefahr nicht betreten werden kann. Also kam noch ein metallenes Sperrgitter davor. Fertig war in einer städtischen Kurzgeschichte der Dekonstruktion ein echtes Exponat! Bitte nicht einatmen. (untitled).

Hisea Ikenaga, Lo que ya no esta, lo que estaba y lo que nunca ha estado. Foto: Michael Wüst

Gegenüber auf der anderen Seite fällt uns anschließend gleich grüner Bauschaum, der die inneren Zwischenwände an der Fassade nachzeichnet, auf. Jonas Etter verwendet Polyurethan, das innen zur Wärmedämmung dient. Das lichtempfindliche Material, das strahlend grün zu Beginn der Ausstellung leuchtete, wird seinem Verfallsprozess ausgesetzt werden. Der sichtbar gemachte Versuch, die Außenwelt zu dämmen? Wärmedämmung der Welt? (Contrefort IV).

Jonas Etter, Contrefort IV. Foto Michael Wüst

Wir gehen hinein. In einem alten Büro der städtischen Straßenbeleuchtung hat Hisae Ikenaga Schreibtische, Stühle und Regale auseinandergebaut und wieder als Ablagen, auf denen nichts abliegt, zusammengebaut. Die Körper der Möbel sind entfernt, sie sind durch ein kleines quadratisches Fenster draußen, aufgetürmt, hingeworfen, zu sehen. Ein Büro, das sich bestenfalls mit Ungeschehen beschäftigen kann. Vorläufig ergeht die Lagerung von Zeit. (Lo que y no esta lo que esteba y lo qque nunca ha estado).

Von Folke Köbberling werden wir mit zugemauerten Türöffnungen daran gehindert, der Ausstellung weiter bequem durch einen großzügigen Raum, den man nur noch durch schmale Schlitze oberhalb der Mauer sehen kann, zu folgen. Vielleicht ist dieser ja Raum gefährdet, weil ihm der wärmedämmende Schaum fehlt? (blocked).

Notgedrungen und vorsichtig die Schritte setzend, durchqueren wir einen schmalen Gang von Florian Lechner, in dem quer eine fragile Styroporplatte liegt, in die wir keinesfalls treten möchten. Danach kommen wir in einen weiteren Raum, der scharfwinkelig mit demselben Material verstellt ist, als wäre eine ganze Platte wie ein Spiegel zerbrochen. Es ist ein weißer, nicht reflektierender, opaker Irrgarten. Die Besucher vor einem bewegen sich wie in Zeitlupe. (raumskizze).

Michael Schrattenthaler, Aller Anfang. Foto: Michael Wüst

Im nächsten Raum von Michael Schrattenthaler herrscht eine seltsame Ordnung des Stillstandes, obwohl aus dem nächst angrenzenden Raum Gehämmer dringt. Mit einer Trockeneispistole hat Schrattenthaler auf der rechten Seite des Raumes Schichten von Putz und Farbe abgetragen. Der Staub am Boden, Zeit enthaltend, liegt entlang der Mauern in ehrfürchtiger Friedhofs-Ordnung. Dagegen stehen die belassenen Mauern mit ihrer Farbe und ihren Lebensspuren – und wirken doch vergangener. (Aller Anfang).

Nun geht es in den Raum, wo der Lärm herkommt. The Chapuisat Brothers (Gregory und Cyril Chapuisat) machen den Versuch einer akustischen Dekonstruktion. Die Videoprojektion des Films „Le Trou“ zeigt zwei Männer am Boden, die mit primitivem Gerät ein Loch in das Mauerwerk schlagen, graben. Die große Frage „Wohin“ steht über allem. Was ist der Raum hinter dem Raum? In der falschen Richtung jedenfalls kämen sie in den Raum von Michel Schrattenthaler. Der Ausbruch wäre geglückt, aber man wäre im Stillstand angekommen. Das kann nicht die Freiheit sein. (Trou)

Für alle, die schon immer den Verdacht hatten, dass Dekonstruktion nichts mit Abriss zu tun hat, ist allein schon die Ausstellung eine Denkquelle. Sie ist besonders gelungen, weil sie die Möglichkeit gibt, einen Moment zu erleben, der sonst nicht wahrnehmbar ist. Nischen in der Architektur öffnen sich wie in einem Freeze. Nischen, die in der Geschwindigkeit des Wandels normalerweise unserer Wahrnehmungsauflösung nicht zugänglich sind. Die subliminal ablaufen. So wie der Propeller des Flugzeugs seine wahre Gestalt erst zu erkennen gibt, wenn er zum Stehen kommt.

Am Ende blicken wir auf der Dachauer Straße zurück. Es ist Abend geworden. Über der flachen Gebäudezeile prangt in roter Leuchtschrift das Wort „Mut“. (Boris Maximowitz).

Ist sichtbar geworden. Zum Abschied. Aber wir kommen sicher wieder!

Öffnungszeiten der Ausstellung: Mi-Sa, 15-22 Uhr, So, 15-19 Uhr. Selbstdarstellung via www.underdeconstruction.de

Veröffentlicht am: 28.09.2014

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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