Zur Geschichte des vor 40 Jahren eröffneten Klinikums Großhadern

Eine Stadt der Medizinkultur

von Karl Stankiewitz

Monströs oder einfach nur riesig? - Das 60 Meter hohe Hauptgebäude. Foto: Klinikum der Universität München

Am selben Tag des Jahres 2009, als sein Zwillingsbruder Michael im Klinikum Großhadern operiert wurde, erfuhr Uli Roth, dass auch er Prostatakrebs hat. Beide waren 47 Jahre alt und sehr erfolgreiche Handballer. Beide gelten heute – fünf Jahre danach, wie es die Regel bestimmt - als geheilt. Sie haben ihre Krankengeschichte in einem Buch und im Fernsehen berichtet, um Männer zur Vorsorgeuntersuchung anzuregen. Sie fühlen sich heute so fit wie früher. Michael Roth ist Trainer der Handballmannschaft MT Melsungen, Toni Roth managt die Rockgruppe Pur, die ein SOS-Kinderdorf in Nigeria unterstützt. Am 20. September leitete eine Diskussion mit den Zwillingen einen ganztägige Krebs-Informationstag in Großhadern ein. Die große Klinik am Westrand von München feiert derzeit die „Teilinbetriebnahme“ durch Kultusminister Hans Maier vor 40 Jahren.

Am 16. September 1974 wurden in dem von Kritikern als monströse Gesundheitsfabrik empfundenen Neubau auf der grünen Wiese die ersten Betten „freigegeben“; sechzehn Patienten fanden Aufnahme. Inzwischen ist das Klinikum auf dem so genannten Campus Großhadern ein weltweit renommiertes Zentrum der Hochleistungsmedizin und eines der größten Krankenhäuser Europas geworden. Obwohl die Kapazität in den letzten Jahren mehrmals reduziert wurde, verfügt es heute über 1418 Betten in 19 Fachkliniken.

Angegliedert sind dem Bettenbau außerdem neun wissenschaftliche Institute, vier Beratungsdienste (von der Spezialabteilung für Tabakentwöhnung bis zum Deutschen Schwindelzentrum) und acht Hörsäle. Keine andere deutsche Hochschule ist in der Lage, so  viele Ärzte aus- und weiterzubilden wie der Klinikverbund der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität, dem der Komplex Großhadern seit 1999 angehört. Und keine weist so viele „Fallzahlen“ auf: 1800 Ärzte und 3400 Pfleger haben im vorigen Jahr 390.157 Patienten ambulant versorgt und 81.183 Patienten stationär. Das alles selbstverständlich nach dem aktuellsten und höchsten Standard.

Höchst anspruchsvoll war das Projekt von Anfang an – seine Verwirklichung war dementsprechend langwierig, teuer und umstritten. Ein „Bauprojekt von einmaliger Größenordnung“ hatte der bayerische Kultusminister Theodor Maunz 1958 verkündet. Auf einem von Wäldern umsäumten, 210.000 Quadratmeter großen Grasland nahe dem Vorort Großhadern erwarb der Freistaat von einem Großbauern ein Gelände, auf dem binnen zehn Jahren Neubauten für die Universitätskliniken entstehen sollten. Planer und Politiker schwärmten von einer „Stadt der Gesundheit“. Den Kapitalbedarf schätzten sie auf 200 Millionen Mark.

Das Preisgericht ging bei einem internationalen Wettbewerb von der grundsätzlichen Erkenntnis aus, dass eine zeitgemäße Konzeption im Klinikbau nicht weniger weitblickend und großzügig sein dürfe als im 19. Jahrhundert. Die Entwicklung der Heilkunde, der Technik und der Betriebskosten habe die Anlageform grundlegend verändert. Um den Nachteilen der fortschreitenden Spezialisierung in der Medizin zu begegnen, sei in der Gegenwart eine größtmögliche Nähe aller zusammenarbeitenden Abteilungen anzustreben. Dies erforderten obendrein der zunehmende Schwesternmangel und die hohen Betriebskosten.

Im Mittelpunkt der visionären Gesundheitsstadt entstand demnach ein 60 Meter hoher Zentralbau aus Stahlbeton mit 14 Geschossen und 205 Meter Länge, ausgestattet mit allen technischen Errungenschaften, etwa mit Rohrpost-, Ruf- und Suchanlagen. Hörsäle, Labors und ambulante Stationen waren als Pavillonbauten vorgesehen. Eingeplant waren außerdem eine Wohnsiedlung für Ärzte, Schwestern, Pfleger und Studenten, Kaufläden, Restaurants, Kirchen und Schulen. Neue Straßen und Bahnen sollten die Verbindung mit der eigentlichen Stadt herstellen.

Den Grundstein legte Kultusminister Maunz 1961 (drei Jahre später musste er wegen seiner NS-Vergangenheit zurücktreten). Als im Oktober 1972 endlich das Richtfest anstand, klagte die SPD: über den „langwierigsten Klinikbau der Welt“.  Der teuerste war es wohl auch. Die Kosten hatten bis dahin 700 Millionen Mark überschritten. Jedoch: auch die Leistungen erzielten einen Rekord nach dem anderen; der Ruf des medizinischen Fortschritts "made in Großhadern" drang weit über die wissenschaftliche Welt hinaus. Eine Ausstellung zum 40jährigen Jubiläum dokumentierte vor kurzem dort einige der Ereignisse, die Schlagzeilen machten.

So gelang der Durchbruch bei der Herzverpflanzung in Deutschland  im Februar 1969 in der Chirurgischen Universitätsklinik München (damals noch in der Nußbaumstraße) einem Team von 18 Ärzten und zwölf Schwestern unter Leitung von Professor Rudolph Zenker. Um diese Zeit entwickelte Professor Walter Brendel ein Serum zur Unterdrückung der postoperativen Abstoßreaktionen bei Organverpflanzungen. 1979 wagten Großhaderner Ärzte die erste Knochenmark-Transplantation bei Leukämien und Lymphonen, die durch Chemotherapie nicht heilbar waren. Im selben Jahr erstand auf dem Campus nach Brendels Vorstellung ein Institut für Experimentelle Medizin. Seither werden jedes Jahr allein in Großhadern etwa 40 Herztransplantationen vorgenommen. 85 bis 90 Prozent der Herzempfänger lebten noch nach einem Jahr, 75 Prozent erreichten sogar die maßgebende Fünf-Jahres-Grenze.

Im August 1981 gelang Professor Bruno Reichart (später Autor einer Kolumne in der Abendzeitung) seine erste Herzverpflanzung an einem Patienten mit mehreren Infarkten vor und initiierte bald darauf das erste Herztransplantationsprogramm Mitteleuropas. 1983 wurde aus Großhadern die erste Herz-Lungeverpflanzung in Deutschland gemeldet, 1990 die erste Leberverpflanzung. Im selben Jahr erfand eine Arbeitsgruppe eine neue Methode zur Schmerzstillung durch Aktivieren von Opioiden. Aufsehen erregten 1991 die gleichzeitige Verpflanzung von Herz, Lunge und Leber sowie 1992 die erste Vollimplantation eines Kunststoffherzteils. Insgesamt wurden in Großhadern bisher über 7300 Organe eingesetzt, allerdings fehlt es nach wie vor an Spendern. 1992 wurde eine Abteilung für Kinderkardiologie eröffnet.

Von Anfangserfolgen durch Bestrahlen von vergrößerter Prostata durch Laser berichtete 1993 der Chefarzt der Urologie (doch offenbar war diese Methode noch nicht ganz ausgereift, wie der Autor dieses Berichts am eigenen Leib erfahren hat). 1994 entwickelten die Urologen der LMU ein Verfahren zur Früherkennung von Harnblasentumoren. Ab 1999 bekam die Palliativmedizin in Großhadern wichtige Einrichtungen. 2005 gelang es Physikern im Haus, Krebszellen durch Fluoreszenz sichtbar zu machen, so dass vor allem Hirntumore besser entdeckt werden konnten. Drei bahnbrechende Entdeckungen brachte das Jahr 2011: ein Verfahren zur Begutachtung von Kinderherzen live und in allen Dimensionen, eine mobile Herz-Lungen-Maschine im Miniformat sowie die Aufklärung eines überraschenden Zusammenhangs zwischen Darmflora und Multipler Sklerose.

Im Jahr des 40jährigen Bestehens werden  weitere medizinische Meilensteine in Großhadern gesetzt. Im März 2014 wurden einer Studentin, die in im U-Bahnhof des Klinikums vor einen Zug gestürzt war, beide amputierten  Unterschenkel in einer 17 Stunden dauernden Operation replantiert. „Der Schlüssel zum Erfolg, war mit Sicherheit eine fundierte Konzeption des technischen Vorgehens und die gute Kooperation von Plastischer Chirurgie mit Unfallchirurgie, Neurochirurgie und Anästhesie“, berichtet der Teamchef Professor Timm Oliver Engelhardt. Im Juli folgte der erste Spatenstich für ein Kinderpalliativzentrum. Im Aufbau befindet sich ein Zentrum für Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin.

Dieser Tage werden die ersten Patienten im interdisziplinären Operationszentrum aufgenommen. Es ist eines der größten und modernsten Europas. Aus 32 stationären und vier ambulanten OP-Sälen können dreidimensionale Bilder per Video und Touchscreen an Spezialisten und an Studierende vermittelt werden. Fünf Intensivstationen mit 70 Betten stehen für Schwerkranke bereit. Schwerpunkt der Forschung unter Leitung von Professor Karl-Walter Rauch ist die „Verschmelzung“ konservativer und minimal-invasiver Operationsverfahren. Ungewöhnlich ist auch die Fassade dieses Neubaus: Sie ist mit einem Textilgewebe bespannt, das für Sonnen- und Sichtschutz sorgt.

Am 1. Oktober eröffnet ein Sonderforschungsbereich Atherosklerose (Arterienverkalkung). Nach jahrelanger Vorarbeit will Professor Christian Weber mit seinem Team dem molekularen Mechanismus, der die lebensgefährliche Entzündung in den Gefäßwänden verursacht, im Detail nachspüren. Die Umsetzung der Grundlagenarbeit in ein Medikament ist eines der zentralen Projekte zur Vorbeugung und Therapie von Herz-Kreislauferkrankungen - der immer noch häufigsten Todesursache in den westlichen Ländern. Das interdisziplinäre Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.

Weil mindestens das Zentralgebäude seit langem saniert werden müsste, wurde ein Stuttgarter Architekturbüro mit entsprechenden Untersuchungen beauftragt. Zum Ergebnis äußerte sich kürzlich der Ärztliche Direktor Karl-Walter Jauch: „Bei einer Totalsanierung hätten wir zwanzig Jahre lang Baustellen im Haus.“ Für eher zumutbar und diskutabel hält man daher einen anderen Vorschlag der Gutachter: Innerhalb von zehn Jahren könnten nordöstlich vom jetzigen Campus eine Reihe von Modulen erstehen, so dass am Ende dieser Bauzeit das dann über 50 Jahre alte Hauptgebäude komplett abgerissen werden könnte. Die Neubauten müssten natürlich den medizinischen und technischen Anforderungen der nächsten 25 bis 30 Jahre entsprechen. Als Kosten, so schätzte Jauch, wären 500 Millionen Euro „sicherlich nicht zu hoch gegriffen“.

Veröffentlicht am: 27.09.2014

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