Karl Stankiewitz über den Kriegsausbruch vor 75 Jahren

Am Anfang war für uns alles Abenteuer

von Karl Stankiewitz

Karl Stankiewitz im Jahr 1940. Foto: privat

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Während Soldaten vom 1.9.1939 an nach Osten marschierten, war der Start in die Katastrophe für viele zuhause an der sogenannten Heimatfront erst nach und nach zu erkennen. Unser Autor Karl Stankiewitz, geboren 1928, erinnert sich an diese Zeit in München, das sich als NS-Machtzentrum damals "Hauptstadt der Bewegung" nannte. (gr.)

 

 

Wir jubelten, als der Krieg ausbrach. Wir waren dumme Kinder, ich stand kurz vor dem elften Geburtstag. Die feierliche Verkündung des Herrn Direktors, deutsche Soldaten seien seit dem Morgengrauen irgendwo im Osten über die Grenze marschiert, verbunden mit der Mitteilung, dass jeder von uns nun eine Gasmaske bekäme, hat uns alle irgendwie fasziniert. Unbekannte Abenteuer schienen bevorzustehen. Vielleicht von jener Wildwest-Art, wie ich sie aus den Tom-Mix-Hefterln kannte – oder von den dramatischen Weltkriegserzählungen meines Vaters. Jedenfalls stülpten wir uns die Gummimasken sofort übers Gesicht und beglotzten uns gegenseitig wie Mars-Männchen. Es war eine Mordsgaudi.

Das erste, was uns nach dem 1. September 1939 wirklich eine neue Zeit anzeigte, war das schier vormilitärische Reglement durch Fräulein Maria F. Sie hatte das Oberkommando in der Bubenabteilung des städtischen Kinderasyls. Noch strenger als bisher achtete sie fortan darauf, dass jeder Zögling immer mit stramm ausgestreckter Hand sein „Heil Hitler“ rief, bevor er von der Hochstraße über die Treppe des Gebsattelberges, vorbei am Steinbild des angeblich zuletzt in Bayern erlegten Bären, hinunter stieg zum Mariahilf-Platz, die ABC-Schützen von jungen Erzieherinnen im Gänsemarsch geführt. Dort, in der zentralen Volksschule der Au, herrschte ein etwas anderer Ton.

Wir saßen zusammen mit vielen Arbeiterkindern, denen der Krieg eher wurscht war als ihren kasernierten Mitschülern. Man tuschelte auch von einer Gruppe älterer Burschen, die sich unter dem Namen „Ankerblase“ in vergammelten Baracken am Auermühlbach versammelten. Wir versuchten, das Böse-Buben-Spiel ein bisschen nachzuahmen. Wir besorgten uns auch so einen kleinen, bunten Anker aus Bakelit und hefteten ihn versteckt an. Später erfuhren wir, dass die Polizei die Auer Strizzi weggebracht habe, niemand wusste wohin.

Auf der Schulbank neben mir saß ein magerer Junge. Er blieb mir seines versponnenen, immer etwas abwegigen Humors lange in Erinnerung. Sein Name fiel mir erst viel später ein, als er mich ansprach: im Theater am Sozialamt, das er in Schwabing gegründet hatte. Jahrelang spielte er da, zusammen mit seiner Partnerin, einen traurigen, aberwitzigen Clown. Er hieß Hermann Fischer. Später nannte er sich Philipp Arp – ein legitimer Nachfolger von Karl Valentin, der ja auch aus der Au stammte.

Während meine jüngeren Geschwister in die „KLV“ kamen, in die Kinderlandverschickung, mussten  wir „Pimpfe“ in der Gefahrenzone München bleiben – und bald auch schon Dienst an der „Heimatfront“ leisten, zum Beispiel beim Sammeln mit der Blechbüchse fürs WHW, Winterhilfswerk, oder beim Kartoffelklauben im städtischen Gut Petershof. Denn die Männer waren rar geworden und  die Mütter überbelastet.

Eine eher leichte Aufgabe war die Aushilfe in der Paketpostzentrale am Holzkirchner Bahnhof (heute Firstclass-Hotel). Meine Schulspezln und ich mussten Feldpostpäckchen, die auseinander geplatzt waren, wieder neu einpacken. Dabei kam es schon mal vor, ich muss es gestehen, dass der eine oder andere ein herausgefallenes Gebäck naschte. Bis der Kuchen in Russland ist, entschuldigte man sich, ist er eh hart geworden. Hätte man den Täter erwischt, wäre die Strafe gewiss nicht gering ausgefallen. Dergleichen galt als Plünderung, und auf Plündern stand schlimmstenfalls KZ, auch für Jugendliche.

Was ein Konzentrationslager war, konnten wir durchaus erahnen, wenn auch nicht in seiner ganzen Schrecklichkeit. Daran gemahnten uns spätestens die ausgemergelten Männer, die in den Bahnhofstrümmern nach Blindgängern stochern mussten. Von „Dachau“ raunte man im engsten Familienkreis. Vom Begriff KZ bekam ich außerdem eine Ahnung durch einen Vorfall im Schülerinternat Albertinum, wo ich inzwischen gelandet war. Eines Tages war mein russischer Freund Ilja verschwunden. Er hatte sich ein bisschen als Schwarzhändler betätigt. Eine Gute Woche später erschien er wieder. Kahlgeschoren. Schweigsam. Ich wusste, dass sein Vater ein hohes Tier bei der antisowjetischen Wlassow-Armee war, gewiss hatte er seine Vasallen-Beziehung spielen lassen.

Karl Stankiewitz heute. Foto: privat

Noch nahmen wir die Märsche mit Geländekunde, die Schulungsabende und Hochlandlager als mehr oder weniger abenteuerliche Abwechslung von Schule und Heim ganz gern hin. Solche Lehrstunden und Geländespiele galten der Reichsjugendführung zwar durchaus als vormilitärische Ausbildung, für uns aber unterschied es sich kaum vom gewohnten "Räuber-und-Schande-Spiel". Gern trieben wir viel Sport, um nicht so morsche Knochen zu kriegen, wie wir sie unseren Feinden in einem Lied nachsingen mussten: „Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg. Wir haben den Schrecken gebrochen, für uns war's ein großer Sieg.“

Aus den Volksempfängern im HJ-Heim wurden nun fast tagtäglich ein großer Sieg gemeldet, von allen Frontabschnitten, und bei besonders wichtigen Eroberungen mit einem schneidenden Fanfarenstoß angekündigt. Auch hinter der Front, in der sogenannten Etappe, schien es eher fröhlich zuzugehen. Das entnahmen wir jedenfalls den Briefen, die ein Mitschüler von seinem älteren Bruder aus Paris bekam. Sie handelten in der Hauptsache und in den intimsten Details von Abenteuern mit Mademoiselles. So ein Krieg konnte zunächst mal richtig Lust machen.

Aus der Scheinwelt solchen Jugendkults riss mich eines Tages mein Vater. Bei unserer letzten Begegnung in München erklärte er uns Geschwistern aus heiterem Himmel: „Den Krieg kann Deutschland nicht gewinnen. Die Anderen sind stärker. Außerdem....“ An den Rest der Begründung erinnere ich mich nicht mehr. Wir Kinder fielen aus allen Wolken. Hatten Großdeutschland und seine Verbündeten doch damals, 1941, schon halb Europa erobert. Die väterliche Lagebeurteilung, so meine Mutter später, war wohl eher einem Wunschdenken entsprungen. Vater hasste den Krieg – und die vaterländischen Kriegstreiber sowieso.

Die tollen Siege mussten natürlich auch in der Schule gehörig gefeiert werden. Manche Lehrer konnten gar nicht genug tun mit Verweisen auf historische Vorbilder bis zurück zu den todesmutigen Germanen und Nibelungen. Wie in der Märchenstunde erzählten sie uns Zwölfjährigen, nicht nur im Geschichtsunterricht, von Helden und Führern und Feldherren, die allzeit die bösen Feinde vernichtet hatten. Dass diese selbst dann, wenn sie Kriege verloren, gesiegt hatten. Ein beliebtes Lehrbeispiel war der Erste Weltkrieg samt seiner Folgen.

Und jetzt wieder: Die von deutschen Soldaten eingenommenen Städte, die wir manchmal auf der Landkarte suchten, die Vernichtung oder Gefangennahme feindlicher Menschenmassen, die versenkten Bruttoregistertonnen – jede mit Fanfaren angestimmte Sondermeldung des Oberkommandos der Wehrmacht war auch im Klassenzimmer, manchmal sogar in der Aula, einen Triumph wert. Und draußen auf der Straße, wenn wir marschierten, tönte es aus Kinderkehlen: „Vorwärts schmettern die hellen Fanfaren. Vorwärts, Jugend kennt keine Gefahren...“

Dieser Text ist großenteils einem Buch des Autors entnommen: „Eine Jugend in München. 1939 bis 1949“, Hess Verlag.

Veröffentlicht am: 04.09.2014

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