Sigi Zimmerschied mit „Multiple Lois“ im Theater Fraunhofer

Poesie vor die Säue

von Michael Wüst

Die kabarettistische Antithese des Beamten. Foto: Sigi Zimmerschied

Erst schaut nur der Kopf herein, von rechts auf die Bühne. Dann folgt leicht skeptisch der Körper und dreht dem Publikum erst einmal den Rücken zu. Inspektion! Besonders in den Ecken, wo sich der Dreck versteckt, die toten Fliegen. Der Tuberkel. Zimmerschied ist Lois, der Multiple, der Vervielfältigte, der diesen Raum, die Bühne im Fraunhofer, vermietet. Er, der sich und seine Figuren seit 40 Jahren erfindet, kennt diesen Raum und den Dreck in unseren Köpfen. Die Bühne ist das Bewusstsein des Publikums.

Den habe er hier schon einmal gesehen, diesen Kabarettisten, sagt Lois. Ja, dort unten habe er gesessen und seine Weisheiten über sich ergehen lassen. Eine schöne Volte, gleich zu Beginn. Bizarr.

Das also ist Lois, der Multiple, Hauseigentümer in der dritten Generation. Dass manche meinen, die Schenkung des Hauses von Herrn Zacharias in diesen schwierigen Zeiten der Juden, hätte etwas mit Arisierung zu tun, versteht Lois nicht und zwar mit dem Aplomb tiefen, selbstverständlichen Unverständnisses. Sein Großvater habe dem Juden eben nur helfen wollen, wie sollte der denn das Haus zurückgeben, wenn er es eben nicht überlebt hat. Wie denn bitte? Nichts ist klarer.

Und nichts ist schneller als das Umschaltspiel des inneren Monologs, der nächste Pass geht nämlich zu Ribery. Das weggekickte zerknüllte Papier landet im Wernher-von-Braun-Stadion auf dem Mars. Astronomisch, was dieser Kerl verdient! Das kann der in einem Leben gar nicht wegficken. Kein Neid, das ist anerkennend gemeint! A propos Behinderungen, sein Großvater, der mit dem Juden Zacharias, der hatte ja einen schweren Sprachfehler. Ein seitlicher Durchschuss durch die untere Kauleiste pflegt seitdem bei den Anfangsbuchstaben CH, wie bei China, Chemie und Chianti, ein Geräusch auszulösen, das sich von fern anzuhören scheint wie der aufschlagende Flügel eines notlandenden Flugzeugs. „Invalidität ist die Fortsetzung des Kriegsrechts im häuslichen Bereich.“

Es folgen Geschichten von Kindergeburtstagen deutscher Sanguiniker, Darmverschluss, Hochwasserabsaugpumpen, einem toten Papst, der Ora et Angora betet und Onkel Norbert, dem Steuerfahnder. Der hatte einen Sohn, der auch Norbert hieß und den seine Spezl Duplo nannten. Zimmerschied inspiziert seinen Kosmos. Erste Diagnose: Komisch und kosmisch ist nicht weit auseinander.

Mittlerweile hat er sich gesetzt in unserem Kopf, rückt näher. Mit einem feinen, sadistischen Lächeln, selbst dialektische Antithese des Beamten, beugt er sich über das Objekt einer Vivisektion Multiple Unser. Und alles ist in der Tat so unglaublich komisch und armselig, dass wir uns gar nicht lachen trauen. Denn er soll bitte weitermachen und nicht vom Stuhl fallen in unserem Kopf. Der Druck wächst stetig bis zur Pause, der Schlagfluss droht. Zwischendrin fallen uns auch Sätze wie Perlen vor die Füße, wenn von Beamten die Rede ist, die Spuren hinterlassen, ohne selber gehen zu müssen. Wunderbar, Poesie vor die Säue.

Nach der sorgfältigen Bizarrerie der Ersthälften-Exposition, dann das Finale Grandioso am Stück: Wer geglaubt hatte, die wundersame Welt des Komik-Hauptmeisters aus Passau würde nun in sich zusammenfallen und man könnte seinen Kopf mit feiner, weltweiser Distanz wieder klar schütteln, sieht sich getäuscht. Nun, er hatte gewarnt. Er, Lois, der Multiple, bleibe immer gerne par terre. Das sei immer noch die sicherste Position, die Abstürze anderer zu beobachten. Wäre da nicht Ribery und der Sex mit dem verdammten Geldprotheserl! 50 Prozent Spitzensteuersatz, 75, 85, 99! Wahrscheinlich, so müssen wir vermuten, könnte Ribery bei 100 Prozent Spitzensteuersatz noch in Saus und Braus leben und zuschauen wie rechts und links von ihm die Hartz-4-Duplos abstürzen, vom Platz des Lebens gestellt werden. Irrsinn um Irrsinn zündet nun Stufe um Stufe einer Rakete, die am Ende unseren Kopf durchschlagen wird. Aber da ist er schon wieder draußen und verbeugt sich. Auf einer Bühne, auf der er schon einmal war? Vivisektion oder Obduktion, wer weiß es genau?

Theater Fraunhofer, Fraunhoferstraße 9: 28. August-30.August. 4.September-6.September. 11.September.-13.September. Reservierungen: 089 / 267850 (AB)

Veröffentlicht am: 25.08.2014

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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