Mit Jamaram im Studio

Afrikatage im Groovegarten Eden

von Isabel Winklbauer

Ihre größten Erfolge feierte die Band Jamaram mit einem Mix aus Reggae, Rock und Latin-Rhythmen - seit zwei Jahren erkundet die Band allerdings Afrika. Jetzt schließen die Musiker ihre Kooperation mit zimbabwischen Künstlern mit der Produktion einer CD ab. Ein Besuch in einem ganz besonderen Zoo, sozusagen.

Murxen Alberti, Phil Vetter und Sam "Danger" Hopf sprechen übers neue Album. Foto: I. Winklbauer

Das Haus, das sich Murxen Alberti, Sam "Danger" Hopf und Lionel Wharton von Jamaram teilen, ist ein kleines Paradies. Im  Garten und im Outdoor-Wohnzimmer tummeln sich täglich Gäste, in der Küche kochen die Frauen, im Wohnzimmer ist genug Platz für Musikinstrumente und Laptops. Im Flur verweist ein Plan aus Din-A-3-Blättern auf die Songs und Spuren, die noch der Aufnahme harren – im Tonstudio im Keller, das per Funk mit der Mischbrücke ins Schlafzimmer von Songwriter und Mitbewohner Phil Vetter verbunden ist. Sind noch sechs Künstler aus Afrika zu Gast, wie jetzt gerade, vibriert die Musik-Kommune über ganz Weßling - ein Groovegarten Eden.

Jamaram arbeiten an einem neuen Album. „Zoo“ soll es heißen und im Frühjahr 2015 veröffentlicht werden. Die Hälfte der Stücke steuern Musiker aus Zimbabwe bei: Nach einer gemeinsamen Deutschlandtour 2013 haben die Bayern heuer zum zweiten Mal Gäste der Acoustic Night Allstars aus Harare eingeladen. Die fünf Besucher sind alle Stipendiaten der Villa Waldberta, in der sie drei Monate lang noch bis Ende September wohnen. Die Aufnahmen zum neuen Album sehen aus, als wäre die jährliche Jamaram-Gartenparty immer noch im Gange: Am Esstisch singt und spielt der 30-jährige Fungai Nengare auf der Gitarre seinen Song „Celebrate Life“, daneben wippt Prayer Mtamangira (31) unter Kopfhörern. Etwas weiter auf der Couch probt Tendex Madzviti (27) auf einer Mbira, einem Instrument, das den auf dem Tollwood-Festival erhältlichen Daumenklavieren ähnelt. Nur ist Tendex‘ Version größer, hat zwei in den Klangkörper integrierte Klaviaturen und einen E-Abnehmer. Sänger Munya Nyamarebvu (23) hat es sich mit seiner futuristischen Gitarre auf der Terrasse bequem gemacht, während die Filmerin Violet Senderayi die besten Szenen mit der Kamera einfängt...

Munya Nyamarebvu und Tariro Negitare auf der Couchterrasse. Foto: I. Winklbauer

„Wir wollten uns diesmal auf etwas ganz Neues einlassen“, sagt Jamaram-Schlagzeuger Murxen Alberti. „Der Rhythmus, in dem die Zimbabwer auf ihre Sprache Shona singen, ist ziemlich verschachtelt. Wir haben ganz viel Sechs-Achtel-Zeug auf dem Album, mit viel Drumherum. Es groovt wie Hölle! Aber reinen Reggae haben wir ja eh nie gemacht. Es wird wieder eine Berg- und Talfahrt.“ Kennengelernt haben sich Jamaram und die Acoustic Night Allstars 2012 beim Haifa-Festival in Harare. Die Zimbabwer sind eigentlich alle Solokünstler, doch mit Jamaram spielten sie damals zusammen. Später funktionierte die Teamarbeit auch bei Konzerten in Uganda gut. Und zuletzt eben in Deutschland.

Die fast vollständige "Zoo"-Crew. Foto: I. Winklbauer

Sängerin Tariro Negitare, die letztes Jahr die Tournee mitmachte und neben den Stipendiaten ebenfalls am neuen Album mitwirkt, sagt:“Die Tour war meine erste Auslandserfahrung überhaupt. Sie hat mir die Augen geöffnet und mich in meiner Arbeit bestätigt. Einfach toll, wie viel Begeisterung uns das Publikum entgegen gebracht hat, obwohl es uns nicht versteht, wenn wir auf Shona singen.“  Tariros Beitrag „Uripi“ dreht sich um einen Kerl, der seine Freundin alleine zuhause warten lässt – ein Thema, das Frauen auf der ganzen Welt verstehen. Die Sängerin, deren tiefe, warme, leicht rauchige Stimme denen ihrer Vorbilder Lauryn Hill und Tracy Chapman ebenbürtig ist, ist deshalb noch lange nicht umpolitisch. „Musik ist uns in Zimbabwe unheimlich wichtig für unsere Identität. Klar übernehmen wir westliche Einflüsse, um einen internationalen Appeal zu bekommen. Aber wir bleiben gleichzeitig immer bei uns."

Munya Nyamarebvu dagegen sieht die Zusammenarbeit mit Jamaram vor allem praktisch. „Hier gibt es so viele Möglichkeiten“, freut er sich. „In Zimbabwe ist alles nicht so professionell. Man kriegt dort als Anfänger kein Geld für Musik, und Profis spielen nicht mit dir, außer du bezahlst sie gut. Sogar wenn die Leute in Zimbabwe uns unterstützen wollten, könnten sie es nicht. Die Einkommen sind einfach zu gering.“ In Zimbabwe fälscht Diktator Robert Mugabe seit Jahrzehnten eine Wahl nach der anderen, Enteignungen sind eines seiner liebsten politischen Mittel. "Damals vor zwei Jahren hatten wir überlegt, ob wir in Zimbabwe überhaupt auftreten sollen", sagt Murxen Alberti. "Die politische Lage ist dort ja völlig indiskutabel. Aber wir haben uns dafür entschieden. Denn wie überall auf der Welt lieben auch dort die Menschen Musik. Und wir machen Musik für Menschen, nicht für Politiker."

Zwei Mbiras warten auf ihren Einsatz. Foto: I. Winklbauer

Während ihres zweiten Retour-Besuchs haben die Zimbabwer nun die Möglichkeit, ihre Kompositionen mit Jamaram in allen gewünschten Instrumentierungen und technischen Möglichkeiten aufzunehmen. Entsprechend sorgfältig gehen alle zu Werke. Einen einzigen, fast unhörbaren Ton hat Sam Hopf in einem Shona-Chor falsch eingesungen, schon wird er nervös. "Also das nehmen wir nochmal auf", murmelt er, "sonst kann ich nicht schlafen". Auch an Munyas Lied „Rumurika“ wird bis zur Perfektion gefeilt. Sein Stück ist eine Aufforderung an alle Menschen, miteinander zu teilen, so wie Mütter mit ihren Babys. Im Juli präsentierte er es bereits auf dem Tollwood.

Dass es die afrikanischen "Zoo"-Songs teils schon länger gibt, ist ein kleiner Haken. Tariro Negitares "Uripi" läuft beispielsweise schon in einer fix und fertigen Fassung auf Youtube. Doch es entstehen auch fünf völlig neue Stücke von Jamaram. "Sam und ich haben sie komponiert", erzählt Murxen Alberti. "Dabei habe ich wie immer meine Cuatro-Gitarre verwendet. Sie hat nur vier Saiten. Deshalb entstehen auf ihr immer so plakative Riffs." Er lächelt und lehnt sich zurück. Ein paar Akkorde anspielen - dann muss er wieder den Aufnahmeplan im Flur ins Auge fassen.

Eine Besonderheit des Albums „Zoo“ ist, dass Jamaram es per Crowdfunding finanzieren. Auf der Website www.startnext.de/jamaram können Interessierte jetzt schon den CD-Download kaufen (12 Euro) oder, am oberen Ende der möglichen Funding-Stufen, auch ein Wohnzimmerkonzert in großer Besetzung samt CD bestellen (3500 Euro). Eine echte Chance ist das Ganze für weibliche Fans von Murxen Alberti: Für 100 Euro gibt der Drummer von Jamaram eine Stunde Schlagzeugunterricht.

Das Abschlusskonzert des Projekts „Zoo“ mit Jamaram und den Acoustic Night Allstars findet am 17.9.2014 im Theater Heppel+Ettlich statt, Beginn 19 Uhr.

 

Veröffentlicht am: 26.08.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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