Zu welchem Wolf mutieren wir, im fahlen Schein des Vollmonds?

von kulturvollzug

So ein Horror: In der Performance „Wer ist dein Wolf?“ machen sich „Hunger & Seide“ im Schwere Reiter auf die Suche nach dem Tier in uns.

Rainer Haustein heißt Ray und trägt Ray Ban, Judith al Bakri spielt sich selber und sieht so hinreißend aus wie eine eine All American Beauty. Neben den beiden sitzen die anderen Akteure, so wie man das halt von Bonus-Tracks auf DVDs kennt.

Da sitzen die Schauspieler noch mal vor Kamera und Mikrophon eines Interviewers und berichten, warum der Film so etwas besonderes ist: Mit diesem Regisseur zusammenzuarbeiten ist ein Wahnsinn, man ist ja quasi mit ihm aufgewachsen, dann die tolle Story, und dann erst die ganze Truppe, mit der zusammen drehen zu dürfen – erst recht ein Waaaahnsinn!

Judith al Bakri, Jochen Strodthoff, Philipp Bergmann, Thomas Meadowcraft und Rainer Haustein geben mehr oder weniger gereimte Statements von sich, besser gesagt: Sie reden aneinander vorbei jene selbstverliebten Nichtigkeiten, mit denen heutzutage die meisten neuen Filme garniert werden. Schließlich ist „Wer ist dein Wolf?“ auch eine Persiflage auf den Horrorfilm, der das Bild vom Werwolf geprägt hat. Jenes unheimliche und starke Wesen, in das sich manche Menschen ja angeblich ab und an verwandeln. In diese Persiflage verwoben ist die Betrachtung, wie wir mit unseren Ängsten und unseren Schattenseiten umgehen: Wann brechen sie aus uns hervor und umschleichen nächtens als Dämonen unser Bett, nach unserem Blut dürstend? Wer ist dein Wolf, in den du im fahlen Schein des Vollmonds mutierst?

Das Problem ist, dass sich der Text von Judith al Bakkri und auch die Regie Jochen Strodthoffs nicht so wirklich entscheiden können: Persiflage oder ironisch geschilderte Suche nach dem Tier in uns? Der wirklich starken Eingangsszene folgt daher ein nicht ganz so starkes Stück, in dem die Akteure eher Monologe sprechen als miteinander zu reden. Jede Szene reißt etwas Großes an, es geht um unsere Angst vor der Zukunft, vom Leben auf der Überholspur, unsere Schwächen, Träume, unser Scheitern, unsere hirnlose Zielstrebigkeit, mit der wir andere unterbuttern – wie sie vor allem Philipp Bergmann als Phil verkörpert. Vieles also, über das sich das Reden lohnte, aber das kommt zu kurz: Es bleibt beim Anreißen, beim Klamauk.

Dabei liefert Thomas Meadowcroft mit seiner Musik einen atmosphärischen Hintergrund, auf dem sich der Boulevard of broken Dreams trefflich malen ließe. Dieses Bild aber bleibt unklar, bis zur Schlussszene, als die Videos von Karnik Gregorian in den Trockeneisnebel flimmern (Bühne und Licht: Michael Bischoff). Auf Rays Bauch zeichnet sich etwas ab; ein Gesicht, mit seltsam glühenden Augen – ein Wolf. Da war sie, die Klarheit, die man vorher nicht immer hatte.

Jan Stöpel

Weitere Vorstellung 22-26 Februar, jeweils um 20:30 im Schwere Reiter in der Dachauer Straße 114. Der Eintritt kostet 15, ermäßigt 10 Euro.

Mehr Informationen finden Sie auf www.pathosmuenchen.de

Veröffentlicht am: 21.02.2011

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