Christian Stückls "Sommernachtstraum" in Oberammergau

Am Anfang dröhnt die Motorsäge

von Michael Weiser

Macht und Zufall: Christian Stückl als Theseus, Andrea Hecht als Hippolita. Foto: Andy Stückl.

Shakespeare mag er, der Christian Stückl. Wie sich derzeit im Passionsspieltheater Oberammergau zeigt. Dort inszeniert der Passionsspielleiter und Volkstheater-Intendant gerade einen anspielungsreichen, witzigen und auch abgründigen "Sommernachtstraum". Ein Tipp für schöne Sommerabende.

Beeindruckend ist es ja  öfter, was die Dreifaltigkeit des Oberammergauer Theaters auf die Bühne des Passionsspielhauses stellt.  Dieser "Sommernachtstraum" aber ragt dennoch heraus. Stefan Hageneier hat einen Fichtenwald mit Lichterkette auf die Bühne gestellt, der vor allem im blauen Licht zu einem eigenen, geheimnisvollen Leben zu erwachen scheint; Markus Zwink hat "The Fairy Queen" von Henry Purcell trefflich bearbeitet; und Stückl selbst zaubert einen Abend auf die Bühne, der das Publikum in einem Moment lachen lässt, im nächsten aber sinnieren: Wie war das noch mit der Liebe? Ist das alles nur ein Traum, ein Zufall gar? Und wer führt bei all diesen Irrungen und Wirrungen Regie? Man mag nach diesem Abend gar nicht allzu genau darüber nachdenken.

Stückl und seine Mitstreiter gehen bei dieser Premiere - erstmals eine Komödie im Passionsspielhaus - denkbar unverkrampft an Shakespeare heran. Die Handwerker sind diesmal Waldarbeiter, die erstmal mit der Motorsäge ein Nadelgehölz flachlegen, zur Brotzeit gibt es - Vorsicht, Kalauer! - ein Shakes-Bier.  Das alles kommt ganz natürlich rüber, ist sehr lustig und insgesamt vermutlich näher am Original, als es zunächst scheint. Manche Anspielung bringt Stückl unter, etwa, wenn der Handwerker-Regisseur Squenz auf einmal einen Oberammergauer Hausnamen trägt. Oder Zettel als "Tuchhändler vom Haag" vorgestellt wird: Darsteller Stephan Burkhart leitet eben das gleichnamige Modehaus in Oberammergau.

Das alles wäre witzig. Was den Abend aber richtig schön macht, sind die typischen Oberammerger Stärken. Vom Bühnenbild Hageneiers war bereits die Rede. Was die Mitglieder des Motetten-, Kirchen- und Jugendchors sowie das verstärkte Orchester des Musikvereins unter der Leitung von Markus Zwink spielen,  ist - nicht zum ersten Mal - einfach herausragend. Eine solche Geschlossenheit im Chorklang, solch federnden Swing im Purcell'schen Barockklang bekommt man bei manch eingespielten Profi-Ensembles nicht zu hören.

Die Schauspieler überzeugen durch die Bank. Martin Schuster spielt seine Doppelrolle als Puck und Philostrat als Mischung von Ariel und Brandnerkaspar, ein Diener des kalten Oberon-Theseus, der sich mit einem guten Teil Anarchie Freiraum schafft. Stephan Burkhart gibt einen bemerkenswert polternden und großspurigen Zettel, der - in den Esel verwandelt - in seiner Ausgeliefertheit doch mit Mitgefühl rechnen darf. Diese Ambivalenz erreicht ein Schauspieler, ein Laiendarsteller zumal, wenn er an seine Grenzen geht. Und so ist es auch hier oft witzig und manchmal sehr anrührend.

Den Dreifachregisseur erleben wir in Gestalt von Christian Stückl. Er ist nicht nur der theatrale Strippenzieher des Abends, er ist auch noch für Anton Burkhart eingesprungen, der eigentlich die Doppelrolle des Theseus und des Oberon hätte spielen sollen, der Regisseure des Tages und der Nacht. Stückl wird nicht eben nachgesagt, dass er gerne Darsteller sei.  Wie er die Herrscher Athens und des Waldes spielt, als kalte, durchaus gewaltbereite Patriarchen, lässt einen das Gefühl des Improvisierten allerdings bald vergessen.

Und Puck lacht: Martin Schuster als Zeremonienmeister mit der roten Blüte. Foto: Arno Declair

Ein Ereignis sind neben Zettel auch die Handwerker-Schauspieler. Hubert Schmid gibt einen verzweifelt-grummeligen Squenz, Walter Rutz eine wunderbar wackelige Wand. Komplettiert wird die Truppe von Simon Rutz, Maximilian Burkhart und Rochus Rückel. Schön anzusehen, als verspielt-verschämter Elfenhofstaat: Kilian Clauß, Bibo Farmann und Tobias Tscherney.

Stückl legt im übrigen mit seinen Doppelbesetzungen des Theseus-Oberon, der Hippolita-Titania (Andrea Hecht) und des Puck-Philostrat eine interessante Deutung des Stückes an. Wald und Stadt, Tag und Nacht, Wachzustand und Traum sind nach wie vor Gegensätze - die sich allerdings in jedem Menschen finden. Hippolita wacht, von Theseus-Oberon geweckt, wie aus einem üblen Traum auf, irgendwas war da, mit einem Esel, die undeutliche Erinnerung quält sie wie ein Trauma. Wirklich bewusst sind sich der Macht des Unbewussten nur der Herzog selbst und sein Zeremonienmeister - der Herrscher und sein Diener ziehen wohl aus diesem Wissen ihre Macht. Und um Macht geht es viel in dieser Inszenierung, auch um die im Menschen lauernde Gewalt.

Und was ist am Ende die Liebe? Ein Traumgespinst, ein Spiel des Zufalls. Oder des Pucks. Von ihm erneut verwandelt, stolpern die Akteure in den nächsten Reigen. Lysander (Maximilian Stöger) und Demetrius (Martin Güntner) lassen Hermia (Barbara Dobner) und Helena (Eva Reiser) stehen und nähern sich einander an, Hippolita zieht mit dem vereselten Zettel ab, Theseus selbst schnappt sich den exotischen Pagen. Und Puck lacht - ihm ist's sichtlich schnuppe, wer unter ihm Herrscher ist.

Weitere Termine: 18., 19., 24., 25., 26. Juli 2014. Anmerkung: Besprochen wurde nicht die Premiere, sondern die zweite Aufführung.

 

 

Veröffentlicht am: 12.07.2014

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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