Stefan Hunsteins großartige Installation "Gegenwart...!" in der Paulskirche

An der Grenze, auf der Schnittstelle

von Michael Grill

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man etwas. Foto: Stefan Hunstein

In der Paulskirche, wo die katholische Kirche der modernen Kunst gegenüber auffallend aufgeschlossen ist, gibt es jetzt eine Arbeit des Schauspielers und Fotokünstlers Stefan Hunstein zu erleben, die vor Jahren in Freising fast schon ein bisschen berühmt geworden war, und die nun möglicherweise die Chance auf einen festen Platz in München hat. Die Installation zeigt sieben Gesichter. Sie hat eine Intensität, der sich kaum ein Betrachter entziehen kann und die den riesigen neugotischen Kirchenraum erfüllt, obwohl sie im rechten Seitenschiff steht.

Die sieben Bilder sind, wie es Hunstein ausdrückt, nicht mehr Fotografie und noch nicht Film, sie befinden sich genau auf der Grenze. Denn: Auf den ersten Blick sieht der Betrachter eine Porträtgalerie mit Männerköpfen - darunter auch bekannte wie Alt-Abt Odilo Lechner oder der inzwischen verstorbene Schauspieler Thomas Holzmann -, still und dunkel wie aus einer anderen Zeit. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, teils erschrocken, dass sich die Gesichter bewegen, mal gibt es ein Zwickern, mal ein Zucken, aber nicht mehr.

Es sind also Loops, Endlos-Schleifen von Filmaufnahmen, bei denen Hunstein zusätzlich zur stillen Szenerie die unvermeidbaren Körperbewegungen reduziert hat, so dass die Gesichter nun in einer Art lebendigen Unendlichkeit verharren und dabei den Betrachter unentwegt aus ihrer Schattenwelt heraus fixieren. Es sind Bilder, die zurückschauen - ein Aspekt, an den man sich erstmal gewöhnen muss.

Der schwarze Spiegel. Foto: Stefan Hunstein

Daneben steht, in der Achse zweier Heiligenstatuen links und rechts der Bilderreihe, ein doppelter schwarzer Spiegel, in dem der Betrachter logischerweise selbst auftaucht. Unter dem großen Kirchenfester, das selbst fast so breit ist wie die Galerie, zugleich zwischen Madonna und Paulus in der Horizontalen, hat Hunsteins Installation ihren idealen Ort gefunden. Ob es den schwarzen Ich-Spiegel wirklich gebraucht hat, ist eine Geschmacksfrage; die Anregung zur Selbstreflexion ist mit ihm natürlich noch etwas deutlicher als ohne, vielleicht zu deutlich. (Generell ist ja die dunkle Bespiegelung von Betrachtern in Mode, siehe beispielsweise auch Hubertus Hamms kürzliche Neuauflage der "Molded Mirrors" in der Staatsoper).

Aber die Art, wie hier das menschliche Gesicht sozusagen als Schnittstelle zur Welt des Geistes und der Kultur präpariert wird, ist im Wortsinne fantastisch: Es behält individuelle Singularität und wird doch überpersönlich und zeitlos. Es gibt ein Bild vom Leben des zu ihm gehörenden Menschen und fordert doch zu Fragen heraus: Nach dem Menschen, nach der Menschlichkeit, also nach dem Ganzen und dem, was die Sache im Innersten zusammenhält. Hunstein nennt es "eine archaische Begegnung mit dem Antlitz". Dem kann man zustimmen.

Es ist ein Glücksfall, dass dieses beeindruckende Werk von der Pfarrei St. Paul zusammen mit dem Erzbischöflichen Ordinariat noch einmal an die Öffentlichkeit gebracht wird, und dass die Kirche den Mut hat, einem Kunstwerk diesen Raum zu geben. Ob dieser Glücksfall eine Dauerlösung sein könnte, darüber schweigen sich die Beteiligten derzeit noch aus. Aber es wird offenkundig nachgedacht.

Paulskirche am St.-Pauls-Platz 10, bis 17.2.2015, täglich von 8.30 Uhr bis 17 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen.

Veröffentlicht am: 03.07.2014

Über den Autor
Andere Artikel aus der Kategorie

Artikel kommentieren...






Reload Image