Black Sabbath auf dem Münchner Königsplatz

Die Auferstehung kommt vor dem Sterben

von Michael Grill

Wie schön, eine Stadt verfällt dem Bösen. Foto: Michael Grill

Warum geht man auf ein Konzert? - In diesem Fall, um nicht den historischen Moment zu verpassen, um also beim höchstmutmaßlich letzten Mal dabeigewesen zu sein. Der Königsplatz ist (trotz aller funktionaler Mängel) eine würdige Kulisse, um mit Black Sabbath Wiedersehen und Auf Wiedersehen zu feiern: Die Urform der rockmusikalischen Neugotik vor Klenzes Klassiktempeln, das sah gut aus. Eingedenk des geriatrischen Hintergrunds war es auch insgesamt okay .

 

Vor einigen Tagen berichtete die Süddeutsche Zeitung über den Auftritt der Rolling Stones auf der Berliner Waldbühne: „Ohren und Magengrube“ meinten, dass das so klingt, wie es zu klingen habe, das Hirn aber meldete, dass man auf einem „Feierabendritual für spektakelgeile Kirmes-Trottel wie uns alle“ sei, „die alt genug sind, um sich wieder jung fühlen zu wollen“. So kann man es sicher auch für einen guten Teil des geschätzt knapp 20.000 Köpfe (interessanterweise berichten in ihren Printausgaben vom 16.6.14 die SZ von 10.000 und die AZ von 22.000 Besuchern...) zählenden Münchner Black-Sabbath-Publikums behaupten, wenn auch nicht für eine übergroße Mehrheit, denn die Jugend hat ein auffallendes Interesse an diesen Urvätern.

Die Stones haben für ihre Tour angeblich 60 Songs eingeübt und spielen live dann zirka 20. Black Sabbath haben an diesem Münchner Abend 16 Lieder gespielt, und zumindest das Gefühl sagt, dass es genau diese 16 sind, die sie drauf haben. Sie spielten sie in exakt gleicher Folge wie am Tourneeabend davor und davor und davor. Und im Grunde ist es sogar fast noch die gleiche Setlist wie auf der berühmten Reunion-Tour, die die Band (damals im Gegensatz zu heute komplett reunioniert mit Schlagzeuger Bill Ward) 1999 ins Münchner Zenith führte. Damals war es eine fantastische Demonstration ihrer Kreativität und Wucht, ein Hochamt des Metal: Mit einem diabolischen Grinsen entrissen Ozzy und Co. den Grunge-Bubis des Fin de Siècle das Zepter des schweren Rock.

Schon damals hielt man es für ein Wunder, dass die Herrschaften tatsächlich noch aufrecht auf der Bühne stehen und rocken, denn echter Rock'n'Roll über Jahrzehnte ist der Gesundheit noch abträglicher als gespielter Satanismus. Und nun? 2014 IST es ein Wunder, dass sie noch aufrecht auf der Bühne stehen und rocken. Zwar geht hier erfreulicherweise niemand (wie es so viele Altrock-Kollegen/innen tun) mit der Farewell-Keule hausieren, dafür ist allen umso klarer, dass die Lage in diesem Sinne ernst ist (auch wenn Mr. Osbourne aktuell das Gegenteil behauptet).

Zunächst jedoch, an diesem angenehm windig-warmen Münchner Frühsommerabend, kamen Soundgarden, Grunge-Bubis des Fin de Siècle. Es wurde jedoch lediglich ein vom Wind verwehter, extrem schlecht ausgesteuerter Klangwall, über dem wie seit Jahr und Tag die Sirenenstimme von Chris Cornell kreist. Eine Ohrenfolter, heruntergeschrammelter Lärm, eine Frechheit. „Black Hole Sun“ war halbwegs vernünftig zu hören, immerhin, dann wieder Ohrenfolter. Da hat jemand auch nach 20 Jahren nicht verstanden, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Exzess, der hier ohnehin nur behauptet wird, und faktischem Klangmüll, wie er hier die Nerven strapaziert. Keine Zugabe, auch keine Rufe danach.

Kurz vor 21 Uhr eine Stimme aus dem Off, die man in jeder Lage aus Millionen anderen Stimmen herauserkennen würde: „Let Me Hear You“, fordert Ozzy Osbourne, und die „War Pigs“ fangen an zu stampfen. Das Publikum ist noch etwas überrascht und sonnenmüde. Im Hintergrund der Bühne befindet sich nun ein Live-Screen, immerhin einer, meist mit Live-Bildern, Historischem und Animierendem, unterteilt wie ein Tryptichon. Die Seitenplane rechts am Bühnengehäuse hat man allerdings vergessen abzunehmen – wer dadurch in den folgenden knapp zwei Stunden ein eingeschränktes Bild sieht – etwa ein Viertel des Publikums: Pech gehabt.

Es folgt „Into The Void“. Gitarrist Tony Iommi stakst herum wie ein Storch der Finsternis, Osbourne singt sehr passabel, Bassist Geezer Butler spielt und steht souverän, alles cool. Nur Tommy Clufetos, der „junge wilde Aushilfsschlagzeuger, der aussieht wie ein Gotteskrieger“ (Die Welt), macht ein fürchterliches Gewese um seinen Beitrag zum Gelingen des Abends. Manche werden zwar sein späteres Schlagzeugsolo (bei „Rat Salad) nicht ganz zu Unrecht für einen der Höhepunkte des Konzert halten, aber er ist er ein ironiefreier, streberhafter Kraftmeier, hart strampelnd und rudernd wie ein Bodybuilder, der sich als Aerobictrainer versucht.

Die Stars sind hingegen zu 150 Prozent Saitenmeister Iommi und der extrem schnarrende Dunkelsound seiner Gibson SGs, für uns präsentiert und auch beklatscht von dem lustigen Metal-Maskotchen namens Ozzy. Sympathieträger Osbourne zeigt uns übrigens hin und wieder den wahren Schrecken der Nacht: Wenn er seine drollig herumwedelnden Ärmchen zum Himmel streckt, sehen alle sein vom hochrutschenden schwarzen Pulli freigelegtes leichenblasses Speckbäuchlein. Das ist sinnig-sinnlich zu „Under The Sun“, bei dem uns in Wort und Bild ein bisschen Sex & Satanismus vorgeführt wird (mehr Nacktes dann gegen Ende noch bei „Dirty Women“), und mit „Snowblind“ runden Black Sabbath sozusagen den Auftakt ab: Da sind sie tatsächlich wieder, Respekt.

Im Folgenden wird der Sack dann wohlüberlegt zugemacht, wobei zwischenzeitlich so manche Großaufnahme den besorgniserregenden Eindruck erzeugt, dass insbesondere Mr. Osbourne mit zumindest kleineren Kreislaufproblemen kämpft. „Age Of Reason“ zeigt (wie auch die späteren „End Of The Beginning“ und „God Is Dead“), dass die Songs vom jüngst erschienenen Album „13“ durchgängig in Stil, Power und Leidenschaft an die der frühen Jahre anknüpfen können, was fürwahr eine zu würdigende Leistung ist. Der Song „Black Sabbath“, wiederum ein Ur-Werk, besticht durch die sämige Zähigkeit, mit der hier seit mehr als 40 Jahren die Schwarze Messe gelesen wird, „N.I.B“ kracht herrlich. Sehr groovy und überzeugend „Fairies Wear Boots“, einer ihrer auch kompositorisch komplexesten Songs, allerdings sieht man hier nun Iommi besorgniserregend nach Luft schnappen.

Inzwischen ist es dunkel und der Bühnenkasten vor den Propyläen wird zum dritten klassizistischen Tempel, die die mittlerweile gepflegt-erfreute Menge an drei Seiten umschließen. „Iron Man“ steigert Druck und Stimmung nochmal erheblich, außerdem wird hier besonders offensichtlich, was Bass und Butler für die Band wirklich wert sind: Mehr als man denkt und mehr als die Bühnenpräsenz nahelegt.

Um 22.45 Uhr ruft Ozzy gleich selbst die Zugabe aus: „One more Song!“, und es ist sowas von dämonisch klar, dass das nichts anderes als „Paranoid“ sein kann, zum dem wir natürlich und gerne „all fuckin' crazy“ werden. Vorhang zu und keine Fragen offen.

So richtig kann man es noch nicht glauben, dass diese Band jetzt also zum Sterben geht. Immerhin, man war nochmal dabei.

 

 

Veröffentlicht am: 16.06.2014

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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