"Le Sacre du Printemps" in der Reithalle

Menschlich schön in den Tod

von Isabel Winklbauer

Tigran Mikayalyan (links) und Lukas Slawicky klären vor der Opferung ihren Rang im Männerchor. Foto: W. Hösl

Die Reithalle ist für den Tanz eingeweiht! Zum zweiten Mal nach dem "Triadischen Ballett" zeigte das Bayerische Staatsballett nun ein Stück deutsche Tanzgeschichte, das ideal in den hohen, dunklen Raum passt: Mary Wigmans "Le Sacre du Printemps" geht mit dem Thema Menschenopfer ein wenig zu begeistert um, ist aber ein Meilenstein des Ausdruckstanzes. Zum Glück wiegt die Rekonstruktion von Henrietta Horn das Zweifelhafte mit Psychologischem auf.

Mary Wigman legte ihren "Sacre", uraufgeführt 1957 in Berlin, streng geometrisch an. Genau so zeigen ihn nun die Münchner Tänzer: Auf einer schrägen Rundbühne treffen sich der Mädchen- und Männerchor einer vorzivilisatorischen Gesellschaft zur Sommersonnwende, angeleitet von Priesterinnen und einem Weisen. Mit großen Schritten fließen die Feiernden zu Igor Srawinskys Klängen im perfekten Kreis dahin. Die Oberkörper biegen sich in schöner Einigkeit, mit den Oberen in grauen Kutten gibt es respektvolles Einverständnis - der Zuschauer sieht eine utopische Gesellschaft, die gelernt hat, den Lauf der Welt würdig hinzunehmen.

Die Erwählte (hier: Ilana Werner) ist von Gefühlen zerrissen. Foto: W. Hösl

Der Preis für diesen paradiesischen Zustand ist freilich hoch. Ein Menschenopfer ist fällig, und deshalb wird ein Mädchen auserwählt, das erst gefesselt und gekrönt, dann vom Strick befreit den Tod finden soll. Tatsächlich geht es aber nicht um die vordergründige Gewalt, sondern darum, das Schicksal des Einzelnen einer größeren, gemeinnützigen Idee zu unterstellen. Auch die Münchner Auserwählte (am Premierentag abends: Stephanie Hancox) weiß schon länger Bescheid und hat es angenommen, welche Rolle sie zum Fest spielt. Anträge eines Jünglings weist sie geraden Rückens und eckigen Arms von sich. Auch sie würde nie rebellieren und damit den sozialen Zusammenhalt gefährden. Kommunismus war 1957 in Berlin und Dresden, wo Wigman wirkte, offenbar eine ausgesprochen lebendige Idee.

Der Weise (Norbert Graf) lenkt seine Schäfchen. Foto: W. Hösl

Doch Henriette Horn bleibt nicht bei der Soziologie stehen. Im entscheidenden Moment der Opferung erlebt das Publikum eine phänomenale psychologische Studie dessen, was in der Erwählten vorgeht. Hancox' starre Miene verrät unbedingte Hingabe an das Ritual, doch auch panische Angst. Ihre weit ausholenden, verdrehten Bewegungen suchen die körperliche Freiheit, wollen der todbringenden Situation entkommen - verraten aber auch die stählerne Überzeugung, die zugewiesene Sonderrolle bis zum letzten Atemzug ausfüllen zu wollen. In einem rauschenden inneren Monolog aus Blicken, Torsodrehungen, wilden Blicken und fliehenden Armen, getanzt angesichts der eigenen Angst, der Priester, des Kreises der Freunde und Familienangehörigen, wägt die Erwählte den endlosen Augenblick ab. Sie geht bei vollem Bewusstsein in den Tod, menschlich schön wie Schillers Maria Stuart. Dass das nicht jedem Opfer diktatorisch-kommunistischer Regimes vergönnt ist, wird bei all dem aber auch deutlich.

Wie wirkt das Ganze nächste Spielzeit wohl auf der großen Bühne? In der Reithalle dringt das Drama bis in den letzten Winkel, was nicht zuletzt auch Myron Romanul und Simon Muray zu verdanken ist. Die beiden spielen Strawinskys Jahrhundertwerk unprätentiös, aber temporeich auf dem Piano.

Clown (Matej Urban) und Messerwerfer (Nikita Korotkov) tanzen vor dem Mädchen (Emma Barrowman). Foto: W. Hösl

Schon vor der Pause war zu beobachen, wie viel ein Stück gewinnt, wenn der Raum stimmt: Simone Sandronis "Mädchen und der Messerwerfer", letztes Jahr im Prinzregententheater uraufgeführt, wirkte an diesem Abend wie neu geboren. Sandroni hat das Werk nach Wolf Wondratschek gekürzt, das tat ihm gut. Auch der nähere Blick von oben (die Zuschauer sitzen in der Reithalle auf einer Tribühne) auf die Zirkuscharaktere, vor allem das emotionale Titelpaar Emma Barrowman und Nikita Korotkov, schafft einen bleibenden Eindruck.

Es bleibt zu hoffen, dass der künftige Ballettdirektor Igor Zelensky sich als offen für alternative Spielstätten erweist. Die Reithalle ist ein unkompliziertes, sommerliches Podium für die eineoder andere Spezialität des Staatsballetts.

Veröffentlicht am: 17.06.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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