Interview mit Brigitte von Welser zum Klangfest 2014

"Es gibt hier etwas für alle, auch ohne Eintrittskarte"

von Michael Grill

Brigitte von Welser. Foto: Stefan M. Prager

Und schon ist es eine Institution: Das 5. Klangfest im Gasteig wird wohl trotz Sommerausbruchs am Samstag (7.6.2014) wieder mehr als 10.000 Besucher anziehen. Organisiert vom Produzenten-Verband VUT werden sich rund 30 regionale Bands und Musikfirmen aller Stilrichtungen bei freiem Eintritt in den Sälen, Foyers und auf einer Open-air-Bühne präsentieren. Gastgeberin des bunten Festivals ist Gasteig-Geschäftsführerin Brigitte von Welser. Im Interview erklärt sie, was Imageveranstaltungen sind, wie die Konzertsaal-Debatte des Gasteig beeinflusst, und wie ihre eigene Zukunft aussieht.

 

 

Frau v. Welser, der Gasteig ist ein internationales Kulturzentrum, das Klangfest ein regionales Musik- und Bürgerfest. Wie geht das zusammen?

 

Das Klangfest ist zweifellos eines der räumlich größten Ereignisse, die wir hier im Gasteig haben. Dabei kommt fast alles zum Einsatz, was an Räumen und Technik verfügbar ist, und das Haus wird in seiner ganzen Vielfalt erlebbar. So umfassend ist das nur einige Male im Jahr der Fall – bei der Langen Nacht der Musik oder bei „Der Gasteig brummt“ - und wir haben immer große Erfolge damit. Der Gasteig ist zentral gelegen und hat ein gutes Umfeld - das kommt im Kontext des Klangfestes einem Familienpublikum entgegen. Und für die Musikfans ist es wichtig, dass der Ort als Kulturtempel gut eingeführt und bekannt ist. Ich wüsste auch keinen anderen Platz in München, wo all das in seiner Gesamtheit so leicht herzustellen wäre wie hier.

 

Eine wunderbare Image-Chance für den Gasteig?

 

Natürlich! Wir haben mittlerweile einige feste Posten im Terminkalender, bei denen sich das Haus bewusst für alle öffnet - es freut uns sehr, dass nun schon seit fünf Jahren das Klangfest dazukommt. Ein tolles Format, das die Münchner Szene auch überregional weiterbringt. Es zeigt, welche Künstler und Kreative die Stadt zu bieten hat. Ein Beweis, dass so etwas wie der Gasteig in einer Metropole nicht fehlen darf.

 

Nun war das Klangfest von Anfang an so gut besucht, dass kaum Platz für noch mehr Besucher frei gewesen wäre. Gibt es für die Veranstaltung hier überhaupt Entwicklungsmöglichkeiten?

 

Ich möchte es so sehen: Das Klangfest hat genau die richtige Größe. Einerseits gibt es einen Fachaustausch, einen Treff für die Profis, andererseits ist Raum für Flaneure und Neugierige. Das greift gut ineinander. Eine Massenveranstaltung muss es gar nicht werden. Für mich hat es außerdem einen besonderen Reiz, wenn man sehen kann, wie sich das Publikum mit dem Tagesablauf verändert: Am Anfang besteht es vor allem aus Familien, gegen Abend kommen immer mehr Spezialisten und Freaks.

 

Auf der Gasteig-Webseite liest man, dass die Vermietung der Säle und Foyerflächen eine der Hauptaufgaben der Gasteig GmbH ist. Dabei hätten Sie "einen größeren Gestaltungsspielraum". Was ist darunter zu verstehen?

 

Schon vor Jahren haben wir uns zum Ziel gesetzt, etwas zu unternehmen, um den Bürgern die Scheu vor dem Gasteig zu nehmen. Sicher, wenn man von der Innenstadt auf "ES" zukommt, dann hat mancher vielleicht etwas zu viel Respekt vor diesen hohen Mauern. Vor allem die Jüngeren sagen: Die Veranstaltungen in diesem Kasten sind doch sicher nichts für uns. Deshalb planen wir bewusst sogenannte Imageveranstaltungen. Diese finden vor allem in den Foyers statt, wir verlangen keinen Eintritt, und bedienen das Publikum sozusagen informativ. Den Anfang machte der Einstieg in die Lange Nacht der Musik, dann haben wir mehr und mehr interessante Ausstellungen ins Haus geholt, und jetzt führen wir schon mal 300 kostenfreie Veranstaltungen an einem Wochenende durch.

 

Und die Botschaft ist?

 

Die Botschaft ist: Es gibt hier etwas für alle. Selbst für die, die sich nicht gleich eine Eintrittskarte kaufen wollen. Diese Saat ist, denke ich, aufgegangen in den letzten Jahren. Überall sind jetzt Flaneure zu finden, und junges Publikum gibt es nicht nur in der Bibliothek.

 

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt erklärt, der Gasteig müsse ein echter Knotenpunkt in der Stadt sein und haben Ihre Arbeit danach ausgerichtet. Befürchten Sie, dass die Debatte um einen neuen Konzertsaal für München Ihnen Ihre Ergebnisse wieder kaputtmacht?

 

Kaputt wird sie diese nicht gleich machen, aber lästig ist die oft sehr emotional und auch aggressiv geführte Debatte schon. Unsere Inhalte und Angebote bleiben ja verlässlich und konstant, gerade was die Philharmonie angeht. Zwar ist dort schon durch die Präsenz unserer Münchner Philharmoniker der Klassikanteil sehr hoch - mit mehr als 90 Konzerten im Jahr - aber wir hatten schon auch immer eine Mischung mit Jazz und „gehobener U-Musik“. Sicher sind wir kein Haus für Heavy Metal, das muss jetzt auch nicht unbedingt sein...

 

Oh! Robert Fripp vor Jahren, das war sozusagen purer Metal!

 

Die Kunst schlägt immer aus. Wir haben uns jedenfalls an vielen Stellen geöffnet - und das ist auch gut so. Auch die ganz neuen Formate wie Kino mit Live-Musik finden Sie hier. Wer genau hinschaut, sieht, dass der Gasteig kein reiner Klassikschuppen ist - aber leider werden wir in dieser aktuellen Diskussion immer wieder so dargestellt. Das finde ich schon schade.

 

Sie erinnern sich sicher an die Zeit, als die Münchner ums Olympiastadion stritten? - Es wurde hochgeschätzt als Bauwerk, als historischer Ort, aber die Stimmen, dass es damit keine Zukunft im aktuellen Fußballzirkus geben kann, wurden immer lauter. Und schließlich kam man um eine neue Arena nicht herum. Ist der Gasteig das Olympiastadion der Münchner Musikkultur?

 

Ich will jetzt mal nicht so ganz pessimistisch sein, auch mit Rücksicht auf die Kollegen im Olympiapark. Die haben es schon schwer, nach dem Auszug des alten Hauptnutzers, also dem Fußball, neue Formate zu finden, die für diese Stadion-Dimension überhaupt geeignet sind. Da tun wir uns leichter: Wenn es einen zweiten Konzertsaal gibt, dann spielen eben die einen dort und die anderen spielen hier, und der Rest muss so klug wie möglich aufgeteilt werden. Und ich füge hinzu: Trotzdem ist es für uns ganz klar, dass auch in der Philharmonie der Fokus auf einer guten Akustik liegen muss.

 

Sie hätten kein Problem mit der Auslastung, wenn es in München einen neuen Konzertsaal geben würde?

 

Nein, gar nicht. Haben Sie das Interview mit dem Konzertveranstalter Schessl vor kurzem in der Abendzeitung gelesen? Er sagte, zwei Säle würden sich sehr sinnvoll ergänzen, wenn der neue Saal mit 1800 Plätzen etwas kleiner wäre. Denn für bestimmte Produktionen braucht er auch in Zukunft die Größe der Philharmonie mit mehr als 2300 Plätzen.

 

Schessl sagte, er würde letztlich nicht weniger in der Philharmonie veranstalten, auch wenn es einen neuen Saal in der Stadt gebe. Glauben Sie ihm das wirklich?

 

Bis zum Beweis des Gegenteils auf jeden Fall. Aber generell gibt es natürlich auch hier  keine Glaskugel für den Blick in die Zukunft: Niemand weiß, wo sich die reinen Klassikkonzerte hinbewegen. Es gibt Anzeichen, dokumentiert etwa in Studien vom Bühnenverein, die sagen, dass wir so oder so ein größeres Problem bekommen werden, dann wenn die heute 70jährigen aus Altersgründen nicht mehr ins Konzert gehen und unter Umständen nicht ausreichend Publikum nachwächst. Andere Stimmen warnen, man müsse die Rezeptionspflege dringend verstärken, also die jetzt etwa 50jährigen wieder aktiv an das Livekonzert-Erlebnis heranführen. Hier sind wir wirklich stark gefordert. Und es wird einem manchmal schon ein bisschen bange, ob das alles gelingen wird.

 

Sie sind besorgt?

 

Nein, aber wachsam. Auf der anderen Seite gibt es einen kräftigen Zuzug nach München, wohl auch schon in den nächsten Jahren. Das sind vor allem Gutverdiener, die kommen nicht nur weil für sie der Arbeitsplatz passt, sondern auch weil ihnen das Umfeld und die Kultur in München gefällt. Die müssen wir alle ins Boot holen.

 

Sie haben schon früher drauf hingewiesen, dass eine umfassende Sanierung des Gasteig so oder so kommen muss, spätestens ab 2018. Was würde das für das Klangfest bedeuten? Könnte das hier überhaupt weiterhin stattfinden?

 

Wenn wir die fällige Sanierung und dazu die notwendige Modernisierung umsetzen, dann wird es sich kaum vermeiden lassen, das Haus für bis zu anderthalb Jahre komplett zu schließen. Dann wird hier leider nichts stattfinden können, weder ein Klangfest noch ein Filmfest noch eine Lange Nacht der Musik, und auch nicht die Konzerte der Philharmoniker. Für Veranstaltungen ausschließlich in kleineren Sälen können wir für  Ersatz sorgen. Aber für die richtig wuchtigen Veranstaltungen wird es sicher schwierig einen anderen Ort zu finden. Da wird das Münchner Kulturleben für eine Weile auf einige Angebote verzichten müssen.

 

Und was wird hier dann besser?

 

Bei der Sanierung geht es zunächst um handfeste technische Erfordernisse. Aber klar ist auch, dass wir unsere Renovierung so ausrichten, dass Veranstaltungen wie das Klangfest in Zukunft noch besser funktionieren können. Wir schwärmen ja schon vor lauter Ideen und Visionen. Zum Beispiel könnte man die Glashalle nicht nur entrümpeln, sondern auch erweitern... Dann hätten wir mehr Luft in den Foyers. Die Modernisierung hat neue mehrteilige Formate wie das Klangfest absolut im Blick.

 

Sie feierten vor kurzem Ihren 65. Geburtstag...

 

Ich hatte einen Geburtstag, ja.

 

Und im Gegensatz zu unserem Ex-Oberbürgermeister sind Sie nicht gezwungen, daraus berufliche Konsequenzen zu ziehen, Sie können erstmal weitermachen als Gasteig-Chefin. Helmut Friedel hat die Stadt ja extra noch sein Lenbachhaus zu Ende sanieren lassen, damit er es fertig übergeben kann. Ein Modell für Sie?

 

Das würde nun für mich doch etwas sehr weit in die Zukunft gehen. Ich hoffe, dass ich noch ein paar Weichen mitstellen kann für die Zukunft, dass jetzt sehr bald die Entscheidung für die Modernisierung so fällt, wie wir sie jahrelang vorbereitet haben. Das ist mein größter Wunsch.

 

Und zur Wiedereröffnung kommen Sie als Ehrengast?

Das fänd' ich schon gut!

 

Klangfest München, Gasteig, heute (7.6.2014) ab 13 Uhr (Livemusik ab 15 Uhr).

Veröffentlicht am: 07.06.2014

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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