Das "Triadische Ballett" in der Reithalle

Funkelnde Ode an die Form

von Isabel Winklbauer

Florian Sollfrank als der Charakter mit den Kugelhänden. Foto: Charles Tandy

Den Tanz einmal als Diener der Architektur zu sehen, ist erhellend: „Das Triadische Ballett“ des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer beweist, dass die Faszination des 1920er-Stils einem lebendigen Gleichgewicht der Formen entspringt. Für die Junior Company des Bayerischen Staatsballetts waren vor allem die schweren Kostüme eine Herausforderung.

Was soll man machen - in einem hölzernen Tellerrock ist einfach nicht viel Bewegung drin. Ebenso wenig wie in einem tonnenartigen Zylindergewand, oder in einem abstrakten Gebilde aus Keulen, Kugeln und dickem Hühnerbein. Die Choreografie von Gerhard Bohner, der das „Triadische Ballett“ 1977 rekonstruierte, beschränkt sich daher weitgehend auf Verbeugungen oder Schreitpassagen, mal entschlossen, mal kapriziös. Schauspielkunst ist hier gefragt! Das Stück ist eine ideale Spielwiese für die jungen Talente der Junior Company.

Mienenspiel mit Marta Navarrete Villalba im Kugelrock. Foto: Charles Tandy

Die sechs Protagonisten zeigen einwandfreie Füße (sonst gibt es ja kaum etwas zu tun), aber auch majestätische Mienen (Alisa Bartels) und ausgelassenes Fratzenschneiden (Sebastian Goffin). Alisa Scetinina und Nicholas Losada haben die Rollen inne, die in den 70ern Ivan Liska und Colleen Scott tanzten: den weißen Harlekin und das Mädchen im Perlmuttrock. Ursprünglich sieht Schlemmers Idee hier rosa Beleuchtung und festliche Atmosphäre vor. Darauf verzichteten Liska und Scott, die auch neu einstudierten, sondern überließen das Ganze Scetininas und Losadas Mimik. Eine prächtige Entscheidung. Scetinina, aber auch die mädchenhafte Simon haben jetzt schon alle darstellerischen Qualitäten, die sie in Zukunft für eine Aurora oder Medora brauchen. Warum ausgerechnet Simon mit Sebastian Goffin nicht zum Schlussapplaus durfte, zumindest in der 11-Uhr-Vorstellung am Premierentag, bleibt eines der großen Geheimnisse der Menschheit.

Eine andere Frage ist dagegen, ob Gerhard Bohner mit der Musik von Hans-Joachim Hespos dem Stück wirklich einen Gefallen getan hat. Atmosphärisch ist sie dicht und packend, doch ihre avantgardistischen Klangstöße sägen am Hörnerv. "Verknautscht" oder "spuckig" nennt Hespos seine Musik selbst. Das ist nicht unbedingt etwas für junge Hörer, in der Reithalle findet sich aber nun mal ein eher junges Publikum ein. Zum Originalballett 1922 gab es ein ebenso wenig passendes Gemisch aus Debussy, Haydn, Mozart und anderen Komponisten, was Hespos' Neukomposition vor 37 Jahren zumindest rechtfertigt.

Nagisa Hatano im Holzrock mit "Taucher"-Mop Nicholas Losada. Foto: Charles Tandy

Drei Akte hat das „Triadische Ballett“. Schon im zweiten, dem festlichen, führt Alisa Bartels im hochstehenden Scheibenrock vor, wie sensibel der schöne Schein ist, wie leicht alles aus dem Lot gerät, und welche Kunst es ist, mit doch etwas schwierigeren Schritten Herrin der Lage zu bleiben. Eine eindringliche Vorstellung davon, wie das Werk 1922 gedacht war, gibt jedoch der dritte Akt. „Mystisch-phantastisch“ lautete Schlemmers Motto hier. Erneut ist Bartels zu sehen, diesmal im Rock aus feinen Silberreifen, flankiert von zwei glänzend bunten, sich drehenden Scheibenmännern. Auf der Bühne ist kein Licht außer sparsamen Spots, nur die Kostüme erscheinen funkelnd wie aus einer fernen, wilden Zeit. Das Stück ist eine gelungene Ode an die Form, die Rekonstruktion wunderbar gelungen.

Anmerkung der Redaktion (6.6.14, 13.32): Die Namen Villalba, Scetinina und Bartels wurden im Artikel ihres tatsächlichen Auftretens entsprechend korrigiert. Die Besetzung war am Premierentag wegen einer Verletzung Villalbas nicht aktuell kommuniziert.

Veröffentlicht am: 05.06.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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