Dieter Meier präsentiert seine CD "Out of Chaos" in der Freiheiz Halle

Solo für die schillernde Künstlichkeit

von Michael Wüst

Könner der Künstlichkeit: Dieter Meier. Foto: Targetconcerts

Was hat der rosarote Panther und das Todesjahr des britischen Schauspielers David Niven mit dem Emporkommen des Schweizer Musiker-Duos „Yello“, Anfang der 80er Jahre, und Dieter Meiers erster Solo-CD, 30 Jahre später, zu tun? Wir wissen es nicht, und den bedeutendsten Medienphilosophen seiner Zeit, Marshall McLuhan, können wir dazu nicht befragen, denn der starb bereits drei Jahre vor David Niven.

Worum geht es? Dieter Meier, der in der Tat dem Filmstar David Niven ziemlich ähnlich sieht, hat nach fünf Jahren „Yello“-Pause eine Solo-CD mit dem Namen „Out of Chaos“, beim Label „Staatsakt“ unter Mithilfe von den Berlinern Electros T. Raumschmiere und NACKT (Apparat), herausgebracht. Doioing! Leichter Schwindel befällt. Leiden des werten jungen Lesers! Wortbrocken, verschiedenster Typenmüll kreist, Satzbruch schwebt schwerelos im semantischen Raum! Für kampferfahrene Electro-Exegeten sicher kein Problem. Aber für harmlose Normalpopper, und damit ist nicht die Missionarsstellung gemeint, eben schon.

Sei´s drum, nur Mut, weiter! Der 69jährige bewegt sich, so ähnlich heißt es, durch seine Songs wie durch nächtliche, einsame Straßenschluchten. Er ist in einem Zustand gelassener Freiheit, über Enttäuschung in Zusammenhang mit beispielsweise schönen Frauen, einer verlorenen Pokerpartie oder ähnlichem ist er weit hinaus. Er ist der grau melierte Dandy mit Weltenekel, poetisch und mit langem weißgewellten, zurückgekämmtem Haar, wie es auch international bekannte Barchefs tragen. Die tiefe Stimme erinnere an Tom Waits, heißt es.

Auf dem Promofoto hält der Mann dieser Stimme mit dem spöttisch-treuen Blick des David Niven etwas in der Hand, wovon wir nicht sicher sind, ob er weiß, um was es sich handelt, ein Mikrophon. Überhaupt könnte er vom Typ her alles sein, nur kein Musiker! Was? Also, Moment mal, was soll denn das für ein Klischee sein, wie sieht denn ein Musiker aus? Auch wieder wahr. Und da fragen wir uns, warum bringt einen gerade dieser Herr Meier auf diesen bescheuerten Gedanken? Das ist doch ein Vexierspiel! Das ist perfide! Nein, um die Wahrheit geht es bei „Out of Chaos“ keine Nano-Sekunde, auf dieser Party der Wiedergänger.

Und überhaupt. Warum haben wir noch kein Wort über die Musik verloren? Weil wir mit den normalen Mitteln scheitern würden. Gib mir nur ein bisschen Electro, ein bisschen Post-Punk und ein Stäubchen Dub! Blubb, da säuft er ab. Nein, hier geht es um ein Gesamtkunstwerk. Irgendwie. Selbst Wahrheiten der Biografie verblenden sich mit den multiplen Täuschungen des Banalen zu dieser schillernden Künstlichkeit! Autor, Schweizer, Winzer, Rinderzüchter. An Nick Cave soll er auch erinnern.

Und ein Taugenichts sei er, wie er von sich selber sagt. Der nicht singen kann (wie er selber sagt). Und Millionär (wovon er als Kavalier schweigt). Und einer, der eigentlich nicht gerne ins Studio geht.

Aber wenn, dann aber richtig. Ein halbes Jahr hat man in den Berliner „Chez Cherie Studios“ an zwölf Songs gearbeitet, die zwischen Argentinien, Amerika und der Schweiz entstanden sind. Zwischen züchten und Süchten und Winzern! Der Apparat-Produzent NACKT und der T. Raumschmiere haben da auf höchstem Niveau angenehm unmenschliche Amalgam-Sounds zwischen Anorganischem und Organischem Zeugs erzeugt. Eine Musik, maschinell und prothetisch verbunden mit altem Human-Knochengewebe. Schau mir in die LED-Augen. Ich sing' dir ein Lied, als wär's ein Lied von vergangener Liebe.

Zwölf Songs, zwölf Fälschungen. Perfekt daneben. Perfekte Irrwege. Absolut gepflegte Irrwege und Lügewiesen. Das Ganze von einer Konsequenz, von der man nicht weiß, wem oder was sie folgt. Das aber unbeirrt. Respekt!

Dieter Meier "Out of Chaos" (Staatsakt). Live in der Freiheiz Halle, Mittwoch 28. Mai 2014, Telefon 089 / 51242949

Veröffentlicht am: 26.05.2014

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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