Zum Tod des großen Rolf Boysen

"Die Sprache ist das Einzige, woran ich überhaupt glaube!"

von Michael Grill

Rolf Boysen. Foto: Deutsches Theatermuseum, © Oda Sternberg

Rolf Boysen starb am 16. Mai 2014 im Alter von 94 Jahren in München. Er war einer der größten deutschen Schauspieler und für München schon zu Lebzeiten eine Theater-Legende. Münchens neuer Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) würdigte Boysen wie folgt (SZ-Anzeige vom 21. Mai 2014): "Der Münchner Theatergemeinde hat er mit seiner Darstellungskunst viele unvergessliche Stunden geschenkt." Der Kulturvollzug erinnert daran, was für ein faszinierender Mensch von Kultur und Geist Boysen auch jenseits der großen Schauspielrollen gewesen ist. Äußerst beliebt beim Publikum waren seine Lesungen großer literarischer Stoffe. Wir veröffentlichen im Gedenken an Rolf Boysen ein Interview, das erstmals am 6. November 2008 in der Münchner Abendzeitung erschienen war, vor Boysens Lesung aus Vergils "Aeneis" im Prinzregententheater.

 

Herr Boysen, was sagen uns diese alten Geschichten?

Ich würde umgekehrt fragen: Was sagen uns die neuen Geschichten nicht? Alles das erzählen uns die alten. Klar, das ist eine frivole Behauptung. Aber was wir wirklich von den antiken Geistesgrössen lernen können, das ist diese äußerste Nähe. Der Mensch hat sich ja in 2000 Jahren überhaupt nicht verändert. Sehen Sie nur das Streben nach Macht - bei unserer bayerischen Regierung kann man das momentan sehr gut beobachten.

Und die Finanzkrise, die Gier!

Diese Instinkte gab es damals genauso! Deshalb staunen die Menschen, wenn sie das hören und sitzen mit offenem Mund da. Ich glaube, dass wir das Wesentliche von unserem Wesen vom Gewesenen haben. Deshalb meine Freude an den Figuren in der antiken Literatur. Sie sind mir ganz nah. Nichts von ihnen ist uns fremd. Alles was wir heute denken und fühlen, kommt aus dieser Zeit. Unglaublich!

Es gibt sogar einen Latein-Boom an den Schulen. Steht dahinter eine Sehnsucht, die Werte dieser Kultur wieder zu entdecken?

Das ist so, ganz fraglos. Ich selbst bin Realschüler gewesen, habe dann 1938 noch Abitur gemacht, war aber kein Lateinschüler. Jetzt habe ich mir ein Lateinbuch gekauft.

Können Sie schon ein paar Brocken?

Nein, leider kaum. Wenn ich mich anstrenge, kann ich das Lateinische ein bisschen lesen. Mir geht es darum, zu erfahren, wie die Welt war, aus der wir kommen, und was davon heute immer noch ist.

Sie lesen aus "Aeneis" von Vergil. Steckt nicht auch etwas Furchtbares in dem Stoff - die Verherrlichung von Macht, Staat, starkem Herrscher?

Wissen Sie, furchtbarer als das heute ist, kann es gar nicht gewesen sein... Aber heute haben wir ja einen ganz anderen Blick auf den Staat als Ordnungsmacht. Damals stand der Staat für etwas anderes. Er hatte fast schon eine Art Zauber, für alle die ihm angehörten.

Und was sagt uns der alte Text mit der Gestalt der Göttin Hera über die Frauen? Alles fiese Biester?

Nun, das ist ein wirklich kompliziertes Thema. Die Emanzipation der Frauen hatte damals noch nicht so richtig stattgefunden.

Dafür wussten sie sich auf ihre Art und Weise zu wehren: Fallen stellen, Kriege verursachen.

Rolf Boysen. Foto: Deutsches Theatermuseum, © Oda Sternberg

Das ist wahr und beim Lesen schon manchmal befremdlich. Aber das darf man nicht direkt mit heute vergleichen. Es geht um den Humus, auf dem wir immer noch stehen. Die Defizite sind heute

viel grösser als damals.

Menschlich gesehen?

Ja!

Dafür hat man sich damals regelmässig auf offener Strasse bekriegt und

erschlagen...

Das macht gar nichts. Was heute passiert, ist doch viel schrecklicher. Keine Bindung mehr an irgendetwas! Es zerfleddert alles.

Wie viel wollen Sie Ihrem Publikum zumuten an Botschaft und Aufforderung?

Die Botschaft muss von selber kommen. Ich möchte die Texte so lesen, dass die Zuhörer sich ihre eigenen Gedanken

machen.

Sie standen noch vor vier Jahren auf der Bühne in der Bakchen von Euripides. Würden Sie für die Antike nochmal Theater spielen?

Mein Gott, da soll man ja nie nein sagen. Momentan eher nicht. Aber wenn plötzlich ein interessanter Mensch kommt und mir was Interessantes zum Lesen gibt - mal sehen...

Bei der Bakchen hat die Kritikerin der Münchner Abendzeitung über Sie geschrieben: "Sein Alter verleiht ihm eine archaische Wucht." Ist das Alter ein Vorteil?

Nein. Diese Stoffe haben diese Wucht. Nicht der Alte da auf der Bühne.

Aber ist der Alte denen besser gewachsen als der Junge?

Das kann schon sein. Im Alter hat man Erfahrungen und es nicht mehr nötig, irgendwelche draufhauerischen Gesten zu machen. Die Leute glauben es einem auch so.

Sie reden sehr kritisch über den Zustand von Kultur und Gesellschaft. Glauben Sie noch an die Macht der Sprachkunst?

Das ist das Einzige, woran ich überhaupt glaube!

 

Veröffentlicht am: 21.05.2014

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

Weitere Artikel von Michael Grill:
Andere Artikel aus der Kategorie

Artikel kommentieren...






Reload Image