Oper "Vastation-Wüstung" von Samy Moussa bei der Biennale

Milizen, Miezen und Matritzen

von Alexander Strauch

Vergangenheitsgesten. Foto: Adrienne Meister

„Eine Melodie soll dein Führer sein“, gab am Mittwoch (7.5.2014) anlässlich der Eröffnungs-Oper der 13. Musiktheater-Biennale ein Zen-Meister noch in Marko Nikodijevics Oper der Titelfigur Claude Vivier mit auf den Weg. Und in der Tat beherzigte dies auch Nikodijevic, fand im eigenem Herzen und in Vorbildern Anregungen, wie er zwischen Worten und Sound seinen persönlichen Weg finden würde. Denn seit Opern-Urvater Monteverdi finden so die Protagonisten wie der Komponist zu sich selbst.

Ob nun tonal, atonal, spektral oder geräuschhaft, das Erfüllen und Abarbeiten an Harmonik oder reinem Klang durch den Gesang zieht sich wie ein roter Faden von damals bis heute durch die Musik, egal ob Kunstmusik oder Entertainment: Ob nun in der Geräuschwelt eines Helmut Lachenmanns ein Sänger oder Sprecher mit dem Ensemble oder gegen dieses japst, oder eine Soulröhre mit oder gegen das Playback singen darf, das macht gesamtzivilisatorisch betrachtet keinen Unterschied.

Samy Moussa fällt aus diesem kulturellen Kontext nicht heraus, wenn im zweiten Akt seiner Oper „Vastation - Wüstung“, einer Koproduktion mit dem Stadttheater Regensburg, die Präsidentin Anna, gespielt im Carl-Orff-Saal des Gasteig von der herausragenden Vera Egorova am Sterbebett ihres angeschossenen Mannes (Jongmin Yoon) jammert. Er lässt hier ein paar Töne der Gesangsstimme zu, die sich gegen den regelrechten „Mollsound“ des Orchesters stellen dürfen, das sich formidabel unter der Leitung des Komponisten schlägt. Im Umfeld dieses dritten Aktes darf auch die Präsidentinnentochter Lola (bezaubernd, Anna Pisareva) wenige Koloraturenansätze von sich geben.

Das stärkste Moment der Musik ist zuvor die Einleitung zu diesem Akt, aus der man das Moussa-Vorbild Gerard Grisey vernimmt, wie es sich durch alle seine Orchesterstücke zieht. Aber man muss was daraus machen. Wo das Vorbild differenziert mit extremen Mikrotönen arbeitet und trotz deren drohender harmonischer Katatonie aberwitzige Linien sich abringt, wird es bei Samy Moussa zur Erfüllung der Tradition. Um so mehr verwundert es, dass für manchen Kritiker tonale Anflüge und daraus nicht herauskommender Gesang genügen, um die Tradition dräuend oder begeistert am Horizont aufziehen zu sehen. Sind diese Beobachter nicht in der Lage, ihre überbordenden Repertoireerfahrungen mit den Mängeln der tonalen Arbeit dieses Stückes abzugleichen?

So bleibt der wunderbare, hochzynische Ansatz der Geschichte des Autors Toby Litt von einer Präsidentin und ihrer Familie, die in einer orwellartigen Demokratie per todsicherem Kriegsgewinn die anstehenden Wahlen gewinnen möchte. Dazu lässt sie den Feind mit einer Klangwaffe besiegen, die Moussa nicht vertont, die zwar kaum jemand hinrafft, dafür aber viel zu viele wahnsinnig werden lässt. Das erinnert an die physisch spurenlose, psychisch um so krasseren Folterungen der USA im Krieg gegen den Terror oder die Schallwaffen der Containerschiffe gegen somalische Piraten, die denen das Gehör rauben.

Die Regisseurin Christine Mielitz lässt dazu Milizen, Zivilmiezen und Bürgermänner aufmarschieren, die ihre Vorbilder in den Filmen zu Gattaca, Tribute of Panem, Thor und Star Trek haben. Der Lover der Präsidentin (Cameron Becker) sieht aus wie der Elf Legolas aus Herr der Ringe oder Loge aus den unzähligen Nibelungeninszenierungen des Wagnerjahres 2013. Als nach dem Familien- und Kriegsdesaster das Militär, vorneweg Seymour Karimov als Colonel, den übertechnisierten „situation room“ verlässt und mit Laserwaffen putscht, beenden immer größer werdende Zahlenkolonnenprojektionen (Bühnenbild, Dorit Lievenbrück) aus dem Anfang des ersten Matrix-Filmes die neunzig langen Wüstungsminuten.

Veröffentlicht am: 11.05.2014

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