The Stranglers in der Theaterfabrik

In der Sonne platzt der Punk-Knoten

von Michael Grill

Die Stranglers, hier noch mit dem regulären Schlagzeuger Jet Black. Foto: David Boni

Sie sind Punkrocker der ersten Stunde, aber seit jeher unberechenbar: Die Stranglers verunsicherten schon in den 70ern ihr Stammpublikum durch heftige musikalische Flirts mit dem Pop-Genre. Texte und Attitüde waren stets komplexer als es der Lederjackenfraktion recht war. Und als nun in der Münchner Theaterfabrik endlich zur Eröffnung die Kirmesorgel von Dave Greenfield erklingt, wirkt es bei "Toiler On The Sea" zunächst so, als wolle man in einen Brecht-Weill-Liederabend einsteigen.

Ein erwartungsfrohes, freundliches Publikum in mäßig bis passabel gefüllter Halle erträgt gelassen einen rumpelnden Einstieg, bei dem noch dazu an zweiter Stelle der größte Hit "No More Heroes" verballert wird. Drummer Jet Black lässt sich derzeit gesundheitsbedingt von dem jungen Jim Macaulay vertreten, dieser wird an dem Abend seine Sache ordentlich machen; Bassist Jean-Jaques Burnel hat sehr dekorativ Ärmel hochgekrempelt und Bizeps freigelegt - da weiß man, wie die tiefe Töne knallen werden. Sänger Baz Warne müht sich, und bleibt doch nach über einer Dekade irgendwie immer "der Neue". Und Keyboarder Greefield greift während des Solos mit der freien Hand nach dem vollen Bierglas. So läuft das erstmal eine halbe Stunde: Ist ja recht cool, aber klingt eher nicht so gut.

Doch dann platzt der Knoten so plötzlich wie gründlich: Bei "Always the Sun" liegen sich Band und Publikum geradezu in den Armen vor Ergriffenheit, nachdem man zuvor noch schnell "Peaches" und "Golden Brown" verfeuert hatte. Überhaupt wird dieses Konzert zu einer Art Lehrstunde, was diese eigentlich nie ganz groß herausgekommene Band in den 40 Jahren ihres Bestehens faktisch für eine Riesensammlung an überragenden Songs hervorgebracht hat: Lebensbegleiter für mehrere Generationen.

"Nuclear Device" schließt gut an, selbst das seifige "Skin Deep" wird plötzlich ein richtiger Rocksong. Das bekiffte "Nice 'N' Sleazy" macht seinem Titel alle Ehre; Dionne Warwicks "Walk On By" verdreht sich zur Psychedelic-Session. Da schafft es diese so begabte wie dann doch wieder hölzerne Band, dass der ganze Saal swingt. Warum sich dann nach anderthalb letztlich erfreulichen Stunden eine der relevantesten Punkbands mit dem Kinks-Cover "All Day And All Of The Night" aus den 60ern verabschiedet, bleibt ihr Geheimnis. Oder hat das jetzt historischen Bezug? Egal, es sind ja alle so glücklich und entspannt, denn die Helden sind Helden, weil sie keine mehr sind.

Veröffentlicht am: 17.04.2014

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