Johan Simons inszeniert Kipphardts "März" in den Kammerspielen

Bad in der Molke, bis an die Grenzen der Wahrnehmung

von Michael Weiser

Sandra Hüller, Thomas Schmauser. Foto: Julian Röder

Nicht gerade leichte Kost: In einer klinisch weißen Arena lässt Johan Simons den "März" von Heinar Kipphardt ins Wasser gehen. Ein etwas sperriger Abend in der Spielhalle der Kammerspiele mit drei herausragenden Darstellern.

Es ist möglicherweise nur ein Zufall, dass Johan Simons seine Geschichte des Alexander März zum hundertsten Todesjahr von Georg Trakl präsentiert. Aber ein passender Zufall: Auch das reale Künstlerleben des Georg Trakl war voll von Wahnsinn und Abirrungen. Vor allem zeugte auch dieses Leben davon, wie einen Sensiblen die Welt zerstören kann. Beider Leben, das des fiktiven Alexander März wie des realen Georg Trakl, endet in der Selbstzerstörung. Trakl starb wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs an einer Überdosis Kokain, Kipphardt hingegen lässt seinen März in einer Flammenlohe sterben, ein Gekreuzigter, der sich selber mit Benzin übergossen und angesteckt hat. Die Hasenscharte, die er hinter seinen Händen und einem Bart versteckt, steht für die Verletzungen aus der Kindheit, auch für das Mal, das ihn heraushebt.

Sylvana Krappatsch, Sandra Hüller und Thomas Schmauser. Foto: Julian Röder

Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, bleibt im Stilmittel der Montage nah beim Vorbild, dem Roman von Heinar Kipphardt, nicht dem ursprünglich zu Grunde liegenden Bühnenstück. Schon das beeindruckende Bühnenbild von Bettina Pommer lädt dazu ein, immer wieder die Perspektive zu wechseln: eine Arena in strahlendem, klinischen Weiß, mit einem Becken in ihrem Grund. Sandra Hüller als Hanna und Thomas Schmauser als März nutzen die volle Höhe und drei Seiten dieser Arena, wer den Akteuren mit dem Blick folgen will, gewinnt gezwungenermaßen immer wieder einen neuen Blickwinkel. Das Wasserbecken ganz unten steht vielleicht für das Unbewusste, in das sich die beiden Hauptakteure mit mehr oder minder großer Hingabe begeben. Dass es am Ende aussieht wie Molkewasser, in dem ein Käselaib geformt wird, haben wir vermutlich der Almerzählung von Hanna zu verdanken.

Simons und sein Dramaturg Jeroen Versteele dampfen den Roman zwar bis auf die Essenz ein - traumatische Erfahrungen der beiden, das Zillertal als Ziel, Märzens Selbstsicht als Künstler -, doch die intensive Phase des Zusammenlebens von Hanna und März bekommen die Zuschauer gleich zweifach mit: Simons lässt diesen Part zweimal sprechen, aber unterschiedlich spielen. Am Anfang hat eher März das Sagen, bei der Wiederholung aber hat Hanna das Heft in der Hand. Da war er wieder, der Perspektivwechsel, diese Montage von Scherben, aus denen sich die Weltsicht von Schizophrenen und wohl auch Nichtschizophrenen zusammensetzt. Da führt uns Simons an die Grenzen der Wahrnehmung: Wie wir unsere Scherben und Ausschnitte zusammenfügen, sagt aus, wie nah wir uns an irgendeiner Norm befinden.

Das Licht am Ende der Treppe: Sandra Hüller und Sylvana Krappatsch. Foto: Julian Röder

Der Applaus fiel kräftig aus, man hat aber auch schon lauteren Jubel gehört. Die 150 Zuschauer in der Spielhalle - in die Sitzreihen mit Lücken eingebaut sind, gleich, als befände man sich in einem nicht vollständig ausverkauften Fußballstadion - hatten auch danach noch mit diesem nicht eben leicht zugänglichen Abend zu tun. Was den Abend bei aller Arbeit spannend machte, waren die furiosen Schauspieler. Sandra Hüller als Hanna etwa, oder Sylvana Krappatsch als freundlich interessierter Psychiater Dr. Kofler, vor allem aber Thomas Schmauser, der sich mit seiner Rolle mit gewohntem Mut und Verve hingab, aber auch mit ganz nuancemreichen Spiel. Wie er da auftrumpft, krude Thesen verbreitet, im nächsten Augenblick sich aber total in sich zurückzieht, als das Kind, das er immer noch ist - das zog einen in den Bann. Fazit: Der Abend braucht Bewältigung. Könnte aber immerhin sein, dass er lange genug nachwirkt.

 

Veröffentlicht am: 02.03.2014

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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