Nina Sahm und ihr Debütroman "Das letzte Polaroid"

In ein fremdes Leben schlüpfen

von Katrin Kaiser

In "Das letzte Polaroid" erzählt die junge Autorin Nina Sahm, die seit letztem Jahr in München lebt, von einer ungewöhnlichen Freundschaft und den Sehnsüchten einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst - ein lesenswertes Debüt!

Eine, die gesucht und gefunden hat: Autorin Nina Sahm. Foto: Stephan Sahm

 

Wen die eigene Familie mehr belastet als unterstützt, der ist froh, wenn er eine andere Familie findet, die ihn liebevoll aufnimmt. In Nina Sahms Debütroman „Das letzte Polaroid“ lernt die Protagonistin Anna diese andere Familie, in der alles besser ist, mit 14 im Ungarn-Urlaub kennen. Die Eltern Èva und Csaba sind herzlich, tolerant und großzügig. Ihre Tochter Kinga ist genauso alt wie Anna und ein wahrer Wildfang. Anna spielt mit ihren gestresst-zwanghaften Eltern Brettspiele, Kinga organisiert Alkohol, einen heimlichen Diskobesuch und ein Date mit dem Sohn des Bootsverleihers. Nach den gemeinsamen Tagen am Balaton bleiben die Mädchen in Kontakt. Kinga ist für Anna immer wie eine große Schwester, die genau weiß, was sie will und in allem ein paar Schritte weiter ist.

Jahre nach der Begegnung am Balaton reist Anna zu Kingas Familie nach Budapest. Kinga liegt nach einem Autounfall im Koma, und Anna möchte unbedingt in ihrer Nähe sein. Statt am Krankenbett zu sitzen, taucht Anna nun immer mehr in Kingas Budapester Umfeld ein: Sie wohnt bei Èva und Csaba, hilft im Café von Kingas bester Freundin aus und lässt sich mit Kingas Freund Tibor durch die Stadt treiben. Man spürt, wie der Schmerz über die Abwesenheit der Freundin Stück für Stück überlagert wird von der tröstlichen Erfahrung, in einer Familie im fremden Land herzlicher aufgenommen zu werden als vom eigenen Umfeld in Deutschland.

Die junge Autorin Nina Sahm fand die Vorstellung immer faszinierend, von heute auf morgen in einem anderen Land in ein fremdes Leben zu schlüpfen. Als Studentin war sie 2005 ein halbes Jahr in Budapest und hat sich in diese Stadt mit all ihren schönen und rauen Seiten verliebt. Sie hat die traditionellen Cafés und Badehäuser kennengelernt und an einer deutsch-ungarischen Kulturzeitschrift mitgearbeitet. An vielen Stellen des Romans spürt man die lebhafte, sehnsuchtsvolle, aber nie verklärte Erinnerung.

Was Sahm in „Das letzte Polaroid“ über die Proteste gegen die Orbán-Regierung schreibt, die 2011 einen Höhepunkt fanden, als sie nicht mehr in Budapest war, weiß sie aus Erzählungen, Zeitungsartikeln und Blogeinträgen – ihr gelingt es, auch diesen Schilderungen Leben einzuhauchen.

"Das letzte Polaroid": Nina Sahms erste Idee für den Titel ihres Romans hat sich in allen Instanzen durchgesetzt. Abbildung: Aufbau Verlag

Wenn die Autorin heute im Interview über den Entstehungsprozess ihres Romanes spricht, klingt alles ganz einfach und mühelos: Nach vier Jahren als Dramaturgin in Aalen und in Gießen hat sie 2011 die aufreibende Theaterarbeit an den Nagel gehängt, sich als Texterin selbstständig gemacht und so endlich Zeit zum Schreiben gefunden. 2012 nahm sie mit den ersten Entwürfen zu ihrem Roman an einer Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung teil, über die auch der erste Kontakt zum Aufbau-Verlag zustande kam. Gleichzeitig wurde ihr Prosablog von einer Agentin entdeckt, die sie heute vertritt. „Wahrscheinlich war die Zeit einfach reif dafür“, sagt die Autorin, die vor einem knappen Jahr von Berlin nach München gezogen ist.

Nina Sahm strahlt heute genau die Ruhe und Selbstsicherheit aus, die ihrer Protagonistin in „Das letzte Polaroid“ fehlen. Man hat das Gefühl, da sitzt eine junge Frau, die genau das Leben gefunden hat, das zur ihr passt, und so gänzlich unaufgeregt einen sehr poetischen und bewegenden Roman über Sinnsuche und Freundschaft schreiben konnte. Ein Gewinn für die junge deutsche Literaturszene!

Nina Sahm: "Das letzte Polaroid" (Aufbau Verlag, 239 Seiten, 17,99 Euro)

Veröffentlicht am: 05.03.2014

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