Peter Brötzmann und ICI Ensemble im Ampere

Eine Stahlsuppe, in der man hätte sterben mögen

von Michael Wüst

Der große Rhapsode Peter Brötzmann. Foto: Michael Wüst

Abseits seiner gewohnten Wege auf der Stahlstraße seines "Industrial" Free Jazz hat Peter Brötzmann in München, im Ampere haltgemacht. Wie immer hatte er schreiende Hochöfen, knirschende Kräne, rotflüssige Cluster und den Geruch von Kohlenstoff dabei. Mit ihm auf der Bühne war das Beste an Erzen, die das schöne Voralpenland zu bieten hat, um selbst die abartigsten Klang-Legierungen herzustellen: das ICI Ensemble.

Leo Gmelch (Tuba, Bassposaune) hatte sich gerade bei Kulturreferat, Unterfahrt und dem Bayerischen Rundfunk, der dieses außergewöhnliche Konzert mitschnitt, bedankt, und ein Konzert improvisierter Musik angekündigt, da ging es schon mit einem Unisono-Schlag von Meister Brötzmann (Saxofon) und Christopher Warner (Posaune) los. Eingezählt hatte niemand, im Gegenteil, die Musiker waren eher leicht zerstreut noch damit beschäftigt gewesen, Trichter, Bleche, Stöpsel, Stecker hin und her zu bewegen, was aber vielleicht ja auch eine Form des Einzählens sein könnte.

Christofer Varner, David Jäger, Leo Gmelch. Foto: Michael Wüst

Brötzmann greift ein paar Töne auf, um sich gleich darauf wieder von ihnen zu verabschieden. Ganz rhapsodischer Verantwortung verpflichtet, verbläst, verbrennt er das Häufchen Töne und befeuert und vergattert nun mit der entstanden Alarm-Phrase die Truppe. Er bläst das Feuer als erster an, das steht ihm zu.

Aber bevor gekocht werden kann, und sei es eine Eisen- oder Stahlsuppe, muss erst einmal der Kessel richtig heiß werden, der Druck steigen. Das ist Free Jazz-Standard, das ist immer so beim Free Jazz. Die einzelnen Bläser tragen stoßweise, telegrafische Meldungen bei, in magisch beschwörender Affirmation angesichts der vermeintlich anstehenden heiligen Hochzeitssuppe. Nicht Standard war allerdings, was Christofer Varner (Posaune) plötzlich dann vom Stapel ließ. Indem er beim Wort nahm, was im Gestus des Free Jazz oft als Understatement untergeht: Dass der Free Jazz Musiker spricht, nicht singt, im wahrsten Sinne des Wortes phrasiert, mehr textet als tönt. Dafür eignen sich die vokalen Blasinstrumente am besten. Christofer Varner hielt also jetzt wahnwitzige Brandreden, er argumentierte, wetterte, schrie wie ein Agitator, keifte wie ein Diktator und ein Waschweib zusammen.

Und genauso plötzlich wie diese Posse hervorgebrochen war, so verschwand der Spuk auch wieder. Wie ertappt wand er sich dann ab, um mit den Klagelauten einer Riesenkatze, der man auf den Schwanz getreten war, zu verschwinden. Seiner wunderbaren Performance, seiner reichen, witzigen und aberwitzigen Eloquenz ist es zu verdanken, dass all die lyrischen, aufgehaltenen Momente entstehen können, in denen es David Jäger (Saxofon) am Sopransax, zusammen mit Martin Wolfrum (Klavier) und Gunnar Geise (Laptop-Gitarre) gelang, feine surreale Momente anzubieten.

Matrix-Türen für den Zuhörer zu öffnen. Zum Entspannungs-Bade im eigenen Liquor. Dort hätte hätte man auch sterben mögen. Aber da nahte Brötzmann schon mit der Fackel der Auferstehung und seinem Alarm-Signal. Ein ungebrochen vitaler Störenfried. Ein großartiges Konzert.

Besetzung: Peter Brötzmann (saxophones), David Jäger (soprano & tenor saxophones), Roger Jannotta (flute, clarinet, oboe, alto saxophone), Markus Heinze (baritone & tenor saxophones), Christofer Varner (trombone), Leo Gmelch (tuba, bass trombone), Martin Wolfrum (piano), Gunnar Geisse (laptop guitar), Georg Janker (bass, electronics), Sunk Pöschl (drums)

Veröffentlicht am: 22.02.2014

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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