Choreograf Russell Maliphant über seine Pläne für die Ballettfestwoche

"In München hatten wir mehr Freiheit"

von Isabel Winklbauer

 

Russell Maliphant. Foto: Wilfried Hösl

Russell Maliphant (52) ist einer der gefragtesten Choreografen unserer Zeit. Der freischaffende Brite residiert am Londoner Saddler’s Wells Theater und arbeitet regelmäßig für große Kompanien und mit Stars wie Sylvie Guillem. Derzeit kreiert er mit dem Bayerischen Staatsballett ein neues Stück, das am 4. April 2014 die Ballettfestwoche eröffnet. Der Kulturvollzug traf den Laptop-Junkie nach der Probe im Starbucks am Münchner Platzl – seinem liebsten Aufenthaltsort, „wegen dem W-Lan“.

Herr Maliphant, verraten Sie uns etwas über Ihre Uraufführung für München?

Russell Malipahnt: Es wird ein Stück für zwölf Tänzer, davon vier Paare. Die Musik ist von Mukul Patel, einem indischen Musiker aus London. Mit ihm arbeite ich schon seit über zehn Jahren zusammen.

Das in Ihren Stücken so wichtige Licht macht sicher wieder Michael Hulls?

Ja, wir kennen uns seit 20 Jahren. Hier in München haben wir nicht lange, um die Beleuchtung einzurichten. Nur ein paar Tage. Da ist es nützlich, wenn man auf gemeinsame Erfahrungen zurückgreifen kann.

Was wäre denn Ihre Wunschzeit fürs Lichteinrichten?

Oh, wenn wir richtig Zeit hätten, würden wir sicher sechs, sieben Wochen dafür brauchen. Ideal ist es, abwechselnd zwei Wochen im Probensaal zu choreografieren, dann einige Lichtproben auf der Bühne zu absolvieren. Dann wieder in den Probensaal, und so weiter.

Ob „Afterlight“ oder „Broken Fall“, der Erfolg Ihrer Stücke ist zum großen Teil der Beleuchtung zu verdanken. Wie stark regiert das Licht Ihre Arbeit?

Am Anfang stehen natürlich die Musik und die Choreografie. Erst danach kommt die Beleuchtung. Allerdings denke ich stets darüber nach, wie eine Choreografie im Licht aussieht. Insofern gibt es einen indirekten Einfluss, auch wenn die Lampen nicht angeschaltet sind. Da Michael Hulls und ich uns ohne Worte verstehen, ist dieser unsichtbare, stumme Einfluss vermutlich umso stärker.

Seit wann choreografieren Sie mit Licht? Gab es in Ihrem Leben ein Schlüsselerlebnis?

Als ich 27 war, tanzte ich in einem Stück namens „Special Decay“. Der Choreograf Laurie Booth brachte uns Tänzern Improvisation bei, Michael Hulls improvisierte das Licht dazu. Wir mussten mit Hochspannung darauf achten, ob das, was wir gerade taten, mit dem harmonierte, was Michael machte. Wo treffen sich Licht und Tanz, wo trennen sie sich wieder? Darum ging es damals. Es war als wäre die Bühne eine Leinwand, auf der wir malten. Nur eben im Raum. Aus dieser Arbeit folgte mein erstes Lichtduett mit meiner Partnerin und Assistentin Dana Fouras.

Die ausgetüftelte Beleuchtung wirkt hochemotional und rückt die Tänzerpersönlichkeiten in den Mittelpunkt. Was bedeuten Ihnen die Darsteller?

Claudia Ortiz Arraize, Giuliana Bottino, Russell Maliphant. Foto: Wilfried Hösl

Sie sind ganz besonders wichtig. Für „Rodin“ am Sadler’s Wells zum Beispiel gingen wir mit vielen Vorrecherchen zur Figur Auguste Rodin in die ersten Proben. Wir waren ganz gezielt auf der Suche nach geerdeten, gewichtigen, ja skulpturalen Tänzern. Hier in München, wo wir ein abstraktes Stück kreieren, hatten wir mehr Freiheit. Wir haben bei einem einwöchigen Proben-Workshop unter anderem Lucia Lacarra und Marlon Dino ausgesucht. Die beiden haben für eine Gala bereits mein Stück „Two times Two“ einstudiert.

Staatsballett-Solistin Ekaterina Petina brach sich bei den Proben zu den atemberaubenden Fallszenen in „Broken Fall“ eine Rippe an. Was müssen Tänzer können, die mit Ihnen arbeiten?

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit Rolfing, einer Technik, die sich mit den großen Geweben im Körper beschäftigt, die alles zusammen halten, und damit, wie Bewegung durch den Körper hindurchfließt. Man kommt ins Staunen, was es da alles für immobile Stellen gibt, die man trainieren kann! So ein funktionierender Bewegungsfluss ist ein Vorteil für einen Tänzer. Jemand der steif ist, kann nicht zeigen, wie er vom Wind fortgeblasen wird, oder wie er in einer Wäscheschleuder herumkugelt. „Broken Fall“ ist jedoch eine besondere Herausforderung, weil alle Beteiligten hundertprozentig dabei sein und das Geschehen im Auge behalten müssen. Aber tanzen ist ja immer gefährlich. Wer Double-Tours dreht, kann sich auch den Fuß brechen.

Starke Tänzer, gutes Licht – was ist bei alledem die Aufgabe des Tanzes?

Wenn es um die Körpersprache geht, so bevorzuge ich nichts. Jugendliche Virtuosität ist ebenso schön wie Stillstand. Ein Discotänzer in Trance kann schön sein, oder die Weichheit von Martial Arts oder die männlichen Bewegungen im Breakdance. Ich würde nur immer gerne eine Beziehung sehen. Zärtlichkeit, Vetrauen, Intimität, Gefahr oder Bedrohung ... eine unterschwellige, emotionale Ebene.

Sie sind eher bekannt für Solos, Duette und Trios. Ist es neu für Sie, mit zwölf Leuten auf einmal zu arbeiten?

Wenn ich für meine eigene Kompanie choreografiere, ist der Etat meistens nicht so hoch. Da investiere ich das Geld ehrlich gesagt lieber ins Licht als in viele Tänzer. Wir kriegen in England ja immer nur projektweise Geld, haben keine ständige Förderung. Lieber habe ich Wenige auf der Bühne und zeige etwas Tiefgründiges als etwas Oberflächliches mit Vielen. Aber wenn das Budget da ist, probe ich gerne mit zwölf oder mehr Tänzern! Hauptsache, wir können mindestens drei Wochen proben. Ich habe bereits ein 20-Personen-Stück für das English National Ballet gemacht.

Wovon träumen Sie?

Davon, keine Schmerzen mehr zu haben. Ich habe ein Problem mit der Lendenwirbelsäule, und da ist der Spagat zwischen Choreograf und Tänzer, den ich derzeit lebe, ausgesprochen schlecht. Wochenlang choreografiere ich, dann tanze ich wieder kurze Zeit selbst. Das viele Zuschauen macht unbeweglich. Demnächst tanze ich ein Duett mit Nicolas LeRiche [Étoile am Pariser Opernballett, I.W.], darauf freue ich mich. Das ist besser, als am PC Sachen zu arrangieren.

Veröffentlicht am: 19.02.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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