Stromae in der Muffathalle

Der neue Jacques Brel weiß, was er im Leben will

von Isabel Winklbauer

Stromae, hyperrealistisch. Foto: Universal

Die Belgier feiern den Ausnahmemusiker Stromae bereits als neuen Jacques Brel. Zu recht! Der Mann hat Themen, Texte und eine gewaltige Stimme. Beim Konzert in der Muffathalle zeigt er, dass er auch alleine fasziniert.

Stromae ist das Verlan des Wortes "Maestro" (bei dem französischen Slang werden die Wortsilben vertauscht). Eigentlich heißt der Halb-Belgier-Halb-Ruander mit der Statur eines zu schlanken Masai und einer bergeversetzenden Stimme Paul Van Haver. Ob der Autor des Hits "Alors on danse" aber Rapper, House-Produzent oder Chansonnier ist, ist kaum einzugrenzen. Seine Themen sind schwer (Scheidung, Drogen, Krebs, Verlassensein, Geschlechterkampf), seine Texte französisch und komplex, aber seine Beats entflammen die Tanzflächen. Seine Videos sind von A bis Z durchgestylt und bewegen sich zwischen Hyperrealismus und Surrealismus.

Wie wirkt so eine Kunstfigur also nun auf der Livebühne?

Edith Piafs "Accordéoniste" ist als Intro zunächst mal nicht zu hoch gegriffen: Stromae erscheint in Hemd, Fliege und Pullover und lässt keinen Zweifel daran, dass er zum Singen eigentlich keine Elektronik braucht. "Je suis, j'étais et resterai moi", beginnt er mit "Bâtard": "Ich bin, war und bleibe ich". Die Tiefen sind samtig und fest, die nicht sehr hohen Höhen haben eine appellative und gleichzeitig liebenswürdige Kraft, um die ihn jeder Politiker beneiden dürfte. Stromaes Gesang kennt keine Unsicherheit - der 28-Jährige muss schon seit langer Zeit wissen, was er im Leben will.

In München will er zunächst einmal das Publikum testen. Wie steht man zum Peace-Zeichen, verstehen die Französisch? Aber sicher doch. Außerdem verdeutlichen Comics auf der Videoleinwand hinter ihm, was gerade Sache ist. Also geht es schnell an die schwierigen Sachen: Etwa "Tous les mêmes", ein Stück über die berechtigte Frustration von Frauen, in dem Stromae beide Parts singt und spielt, mit der rechten Körperhälfte die grazil schmollende Frau, mit der linken den ruppig flüchtenden Mann. Im Video funktioniert das natürlich leicht durch Kostüm, Makeup und Kameraperspektiven. Jetzt aber stemmt er das Spiel nur mit Lippenstift und Mimik - ebenso wie übrigens später "Papaoutai" (Wo bist du Papa?) die Vater- und die Sohnrolle allein durch einen veränderten Gesichtsausdruck. Bravourös!

Immer wieder verneigt der Sänger sich während des Abends vor der anderen großen Kunst, dem Tanz. "Ta fête", ruft er die Zuschauer gleich zu Beginn zum Abrocken auf (was diese in der rappelvollen Halle allerdings kaum befolgen können). Den eigenen, stark vom Locking geprägten Stil zeigt er mit Vergnügen in "Carmen". In "Alors on danse" wiederum baut er mit Rhythmen von Snap und Faithless einen Ausflug in die 90er Jahre ein. Nur die Technonummer "Humain à l'eau" kommt nicht gut an. Militärische Kommandos, und seien sie nur Aufforderung zum Tanz, verpuffen in der Bundesrepublik zwischen gerunzelten Stirnen.

"Meine Texte muss man nicht verstehen", sagte Stromae in Interviews, "es reicht, meine Musik zu fühlen". Doch das stimmt natürlich nicht. Der Belgier ist vor allem deshalb so erfolgreich, weil sein klarer Akzent viel leichter zu verstehen ist als das verwaschene Französisch der Île de France, und weil seine Texte auf einfache Art fesseln. "Formidable. Tu étais formidable, j'étais fort minable. Nous étions formidables" (Wundervoll. Du warst wundervoll, ich war ziemlich armselig. Wir waren wundervoll) - dieses Klagelied eines stockbesoffenen Pöblers singen die Münchner sofort im Chor. Plötzlich klappt es mit der zweiten Fremdsprache.

Recht kurz ist der Abend allerdings. Und viel zu oft singt Stromae im Sitzen, was ihn den meisten Blicken entzieht. Auch fehlt manches Juwel, etwa "Allez vous faire" (F... euch) oder "Bienvenue chez moi". Dafür gibt es als Zugabe ein trancehaftes Tanzstück, in dem Stromae sich einfach in den Schatten ans Schlagwerk stellt und still ist. "C'est ton corps, c'est pas le ciel" - du steckst in deinem Körper, nicht im Himmel. Also tanzt! So lautet schließlich seine übergreifende Botschaft. Alors on danse.

Veröffentlicht am: 10.02.2014

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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