Interview mit der Kuratorin und Ausstellungsmacherin Alexandra Grimmer

Weltweit unterwegs mit dem LKW des Abstrakten

von Michael Wüst

Alexandra Grimmer am Mikrophon beim Opening "Shuffling the Cards", Hipp Halle Gmunden 2013. Foto: Johannes Kozmann

Anlässlich der Doppelausstellung „It´s Been A Long Time“ mit Papierarbeiten von Mathias Schmied sowie „Under Black Light“ mit Videos und Glasobjekten von Franz Dude und Schablonenbildern/Stencils von Olivier Hölzl im „Headegg“ an der Trogerstraße 19 führten wir ein sehr persönliches Gespräch mit der Kuratorin der Ausstellung Alexandra Grimmer. Die Ausstellung eröffnet am 24. Januar 2014.

Liebe Alexandra, ich kenne Dich von der whiteBOX in der Kultfabrik in erster Linie als fließend chinesisch sprechende Chinaexpertin mit starken Nerven und Erfahrung auf dem offiziellen dortigen Parkett. Nach „Out of Salzburg“ in der whiteBOX und, wie ich gesehen habe, allein acht Ausstellungen seit vergangenem Juni, nun als nächstes wiederum europäische Künstler und München.

Franz Dude, Glasobjekt. Foto: Andrea Nader

Ja, dieses Mal in der Trogerstraße 19 beim Atelier von Hubertus Hamm. In den drei „Headegg“ Kiosken macht der Franzose Mathias Schmied (*1976) eine Installation mit geschnittenem Papier und vor den Kiosken wird der LKW der Wiener Designfirma Lichterloh parken, in dem Franz Dude und Olivier Hölzl eine Installation mit Schablonen, Licht und Sound machen werden. Zwei Ausstellungen sozusagen.

Der LKW dieser Gruppe O.L.F. steht ja leider nur zwei Tage am Anfang der Ausstellung. Außen und innen, mobil und immobil beschäftigt man sich ja mit Ähnlichem. Auch Mathias Schmied in den Häusern des „Headegg“ hat auf seine Art einen textuellen Approach. Zeichensystem, Skriptorales, Tags, Stencils, Palimpseste. Der Körper der Sprache? Der Zeichen? Formuliert sich da ein Thema? Fern der Farb-Erregung?

Die drei Künstler haben tatsächlich einiges gemein. Genauso wie von den beiden Wiener Künstlern Franz Dude und Olivier Hölzl ist die Arbeit von Mathias Schmied enorm vielseitig. Da spielen viele Einflüsse aus der Musik, Bühnengestaltung, Film und Installationskunst mit rein. In der Arbeit von Mathias Schmied generieren sich immer wieder Songtexte; und Franz Dude und Olivier Hölzl haben das Label O.L.F „Original-Low-Fi“ gegründet, in dem nach einer LP 2009 schon zwei CDs gefolgt sind. Dude kommt eigentlich vom Film her, seine Arbeit kann immer als eine Art Gesamtkunstwerk gesehen werden, in dem viele Aspekte mit reinspielen. Und obgleich Mathias Schmied eigentlich immer „nur“ mit dem Skalpell und verschiedenen Formen von Papier arbeitet, deckt er damit ein weites thematisches Feld ab.

Wie kam es zu Deinem Fokus auf China?

Im Januar 2009 hätte ich als Interimsdirektor die Leitung einer New Yorker Galerie in Shanghai übernehmen sollen. Der Kontakt war über die Vize-Präsidentin der Galerie Lelong New York zustande gekommen. Ich arbeitete damals in der Zürcher Lelong Galerie. Das war nach dem Einbruch der Wirtschaft Ende 2008. Als ich in Shanghai ankam stellte ich fest, dass die Galerie vorübergehend geschlossen war. Ich hab mich die ersten Monate dann darauf konzentriert die Sprache zu lernen und bin eigentlich fast automatisch in die Szene hineingekommen. Die meisten Kontakte verdanke ich den beiden Schriftstellern Bei Dao und Ouyang Jianghe, die ich 2006 in Chicago kennen gelernt habe. Ich lebte dort ein Jahr bei Chinesen und die beiden waren regelmäßig zu Gast. Vor allem Bei Dao hatte mir viel über die Kunstszene und über den chinesischen zeitgenössischen Film erzählt, und mit seinem Namen wurde ich überall mit offenen Türen empfangen. Ich hatte von Anfang an die meisten Freunde in Peking. Lernte ich dort einen Künstler kennen, nahm er mich zu einem Abendessen mit und stellte mir gleich zehn Kollegen vor. Dafür war das Chinesisch dann recht hilfreich – diese Sprache lernt man überhaupt am besten beim Essen und Trinken. So ist das eigentlich nach wie vor, jedes Mal wenn ich dort bin werden mir wieder neue spannende Leute vorgestellt.

 

"Rite of passage" von Olivier Hölzl, Schablonenbild 470cm x 275cm. Foto: Andreas Nader
Wenn man mit Chinesen in einer öffentlichen relevanten Situation zu tun hat, ist alles eisern bis eisig formell. Wenn das Zeremoniell – welcher Art auch immer – vorbei ist, erlebt man eine herausplatzende Heiterkeit.

Ja, da gibt es zwei völlig verschiedene Bahnen: Die offizielle muss in dem politischen System gesehen werden und da gibt es für die Menschen nicht allzu viel Möglichkeiten persönlicher Entfaltung. Weder im Gespräch noch in ihrem Auftreten. Mein Hauptinteresse und sagen wir 99 Prozent meines Tätigkeitsfeldes spielen sich allerdings nicht in offiziellen Gefügen ab. Das habe ich selbst so gewählt. Ich lebe seit 1998 im Ausland, hatte jedoch nirgends so ein gutes Netzwerk wie in China. Das ist einzigartig. Wenn man in einer Situation wie meiner in China lebt, ist man dauernd auf Hilfe angewiesen und ich habe nirgends anders so eine Bereitschaft dazu erfahren. Natürlich kommen mich meine Freunde in Europa besuchen, das ist dann meine Art, um Ihnen meine Dankbarkeit zu erweisen. Ich stelle sie in Europa aus. Seit 2009 habe ich zudem einigen chinesischen Künstlern dabei geholfen, Residencies in Österreich und Deutschland zu bekommen. Da kann ich sie als Gegenzug dann meinen China-interessierten Freunden vorstellen.

Du hast in China dann begonnen selbständig zu arbeiten?

Dazwischen waren noch eineinhalb Jahre, die ich für eine Kunststiftung in Peking gearbeitet habe. Auch diesen Job verdanke ich chinesischen Freunden, die mich meinem damaligen Big Boss vorgestellt haben. Ouyang Jianghe war einer davon und Zhao Ye, den ich auch bald kennen gelernt hatte und der mir nach wie vor die Schriftstellerszene erschließt. Auch er ist Dichter und seine Frau Guan Jingjing Malerin. Diese Zeit war sehr spannend, da ich in einem völlig chinesischen Arbeitsumfeld war. Meine Assistentin war die einzige, die Englisch sprach und auch Deutsch, was natürlich ein Luxus war. Ein Teil dieses Jobs war die Leitung der Bloom Gallery, ein zweiter die Organisation von Museumsausstellungen der Künstler aus der Stiftung und der dritte war das Aufsetzen eines Art Funds, was zu dem Zeitpunkt in China gerade spannend war. Der Fund sollte mit zirka 80 Prozent chinesischer zeitgenössischer Kunst- und mit zirka 20 Prozent großer Namen westlicher Kunst aufbereitet sein. Die Organisation und Verteilung der Entscheidungsträger war allerdings kompliziert und der Fund wurde niemals am Markt eingeführt.

Für uns in Europa, die wir mit der Moderne schon alt geworden sind, ist es faszinierend zu sehen, wie unmöglich es den Chinesen scheinbar ist, den Weg der Abstraktion zu gehen. Die Kalligrafie wird wohl in solchen Fragen mit der Malerei gar nicht in Verbindung gebracht? Während im Islam das Schriftzeichen zum alles überwölbenden Element wird... Das Firmament selbst scheint wie eine innen beschriftete Kuppel.

Mathias Schmied, "Crash". Foto:Alexandra Grimmer

Ich kenne einige hervorragende abstrakte Maler in China, Feng Lianghong (*1962) beispielsweise, mit dem ich schon in mehreren Ausstellungen gearbeitet habe. Aber, um genau zu sein, hat er 16 Jahre in New York gelebt – er ist daher nicht mehr 100 Prozent chinesisch. Es macht überhaupt einen großen Unterschied in der Mentalität, ob chinesische Künstler nach 1989 ins Ausland gegangen sind oder ob sie immer in China gelebt haben. (Kurzes Nachdenken.) Zugegebenermaßen kenne ich keine Abstrakten, die immer in China gelebt haben. Die Kalligraphie ist hier etwas ganz anderes. Sie ist den meisten Künstlern wie ein Teil des Lebens. So wie man bei uns im Westen an der Akademie zuerst Aktzeichnen lernt, lernt man in China zu kalligraphieren. In der Arbeit der chinesischen Künstler ist da entweder die Malerei auf Leinwand oder die Kalligraphie auf Papier. Eine Ausnahme fällt mir allerdings ein: der 1974 in Sichuan geborene Maler Yang Liming. Er arbeitet seit über zehn Jahren abstrakt und Grundlage seiner Bilder sind immer Linien und Strichwerke, die als Kalligraphie oder auch Musiklinien gesehen werden. Von ihm weiß ich, dass er jeden Tag mindestens zwei Stunden im Atelier kalligraphiert. Es ist quasi seine Fingerübung.

Am Schluss, ein Ausblick?

Für 2014 gibt es bereits jede Menge zu tun: weitere Ausstellungen im Werkraum Ranitz Ottensheim und in Headegg München – wie viele ist unklar, da das gesamte Haus abgerissen werden soll. Ansonsten einige Projekte mit Hubertus Hamm im Zephyr Fotomuseum Mannheim, in der Münchner Oper sowie noch einiges Inoffizielle und ein Projekt für die Sammlung einer größeren Firma. Im Herbst eine Gruppenausstellung in Treviso, auf die ich mich sehr freue und ein Katalog mit dem chinesischen Maler Cui Guotai. Parallel dazu, am 9. Mai 2014 im Museum in Peking eine Einzelausstellung von Wang Ai und die Übernahme zweier Ausstellungen von Europa nach China. Dazu wollen sich meine Sammler betreut wissen und natürlich allem voran meine Helden: die Künstler. Ich werde phasenweise eine Assistentin brauchen.

 

Alexandra Grimmer, geboren 1976 in Österreich, studierte Musikwissenschaften und Kunstgeschichte in Wien und Paris. Von 1998 bis 2002 leitete sie die Galerie Ernst Hilger in Paris. 2006 arbeitete sie als Kuratorin am ZhouB Art Center in Chicago. 2007/08 war sie als stellvertretende Direktorin in der Galerie Lelong in Zürich tätig. Von 2009 bis 2012 verantwortete sie die Lingsheng Art Foundation in Peking als Direktorin. Seit 2013 arbeitet Alexandra Grimmer als freie Kuratorin und Publizistin für diverse Projekte in China, Österreich und Deutschland.

Headegg, Trogerstraße 19, 81675 München. Eine Initiative von Hubertus Hamm, www.headegg.com

Veröffentlicht am: 20.01.2014

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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