Gärtnerplatz-Ballett mit "Berlin 1920 - eine Burleske" im Cuvilliéstheater

Mit Eva in die Roaring Twenties, so kühn wie unentschlossen

von Isabel Winklbauer

Geht auch ohne Bananengürtel. Foto: Lioba Schöneck

Die Kunstform der Burleske feiert seit einigen Jahren ein erstaunliches Revival. Kein Wunder, sie entstand als Flucht vom Alltag in den Krisenzeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und in Krisenzeiten stecken wir wieder. Auch Karl Alfred Schreiner, Ballettchef des Gärtnerplatztheaters, nimmt sich also der Burleske an. „Berlin 1920 – eine Burleske“ heißt die seine, die sich nicht an die klassische Definition hält: Sie ist weder derbe Komödie noch heiteres Instrumentalstück, und auch Erotiktänzerinnen mit Boas und Zigarettenspitzen fehlen.

Stattdessen sieht das Publikum eine merkwürdige Mischung aus Tanztheater und Revue, die nie richtig fröhlich, aber auch nie richtig ernst wird. Doch der Gattungsmix bringt auch einige fantasievolle Ideen.

Die Geschichte: Mädchen Eva aus gutem Hause verliebt sich in Arbeiter Hans, vergisst ihn und wird Showtänzerin, doch Drogen und weibliche Konkurrenz stürzen sie ins Unglück. Schon dass die Charaktere hemmungslos rauchen und Opium konsumieren, ist sympathisch. Piefige Political Correctness hat auf der Bühne nichts zu suchen, schon gar nicht in einem Stück über die Zwanziger. Hemmungslosigkeit spiegelt sich aber auch in Schreiners wenigen Tanzsequenzen wieder. Wenn zum Beispiel der schnöselige Richard von Stetten bei Evas Eltern vorspricht, windet und kriecht er in überkandidelten Posen um den Tisch herum, die sein perfektes Styling völlig zerstören. Schreiner scheut sich in dieser und auch anderen Männerszenen nicht, Elemente aus dem Vogueing einzusetzen, dem Schwulentanz der 90er Jahre. Die Liebesszene zwischen Hans (Alessio Attanasio) und Eva (Sandra Salietti), ihrerseits, ist direkt und offenherzig, mit geöffneten Schenkeln, gebogenem Rücken und Stellungswechseln, aber dennoch ästhetisch. In den Revueszenen tanzen Männer und Frauen kurzerhand im selben, weißen Federkleid. Schreiner schert sich nicht um Konventionen und das ist gut.

Leider sind solche Szenen aber viel zu selten, denn „Berlin 1920“ ist weitgehend tänzerisch angehauchtes Schauspiel. Das ist vor allem dann schade, wenn die Protagonisten in Opiumträume verfallen. Hier werden die altbekannten Lieder aufgegriffen, die jeder kennt: „Das gab‘s nur einmal, das kommt nie wieder“ oder „Du bist als Kind zu heiß gebadet worden“. Sie sind musikalisch arrangiert als große Revuestücke, anschließend werden sie noch einmal traurig und monoton von Chansonette Nadine Zeintl vorgetragen. Da springen regenbogenfarbene Pompons durch die Gegend, rosa Pudel feiern eine Orgie mit Evas Mutter, mit Goldpailletten geschmückte Showtänzer umgarnen Hans und Eva im Pierrot- und Pierrettekostüm (Kostüme: Jan Meier). Wo die wachen Szenen stets in Grau, Schwarz und Weiß gehalten sind, ist hier plötzlich alles so bunt, wie wir die Roaring Twenties so gerne sehen wollen. Besäßen diese Szenen nun auch noch nennenswerte Choreografien, hätte das Stück viel gewonnen.

Dann ist da noch die große Showszene vor der Pause. Eva feiert ihren ersten großen Auftritt in von Stettens Revuetheater, und hier fließt nun alles zusammen, was „Berlin 1920“ ausmacht. Zeitgenössischer Tanz vermengt sich mit locker leichten Showposen, Esther-Williams-Erotik mit modernem Drag-Queen-Gestus, strahlend schöner Schein mit Sarkasmus. Und über allem tobt Georg Antheils „Jazz Symphony“. Liefert Eva da eine gute oder eine schlechte Show? Es wird nicht klar. Und das ist symptomatisch für das ganze Stück: „Berlin 1920“ ist kühn gedacht, aber unentschlossen ausgeführt. Tanztheater oder Burleske, trauern oder lachen? So heißt die Frage. Denn beides auf einmal funktioniert nicht. Was hiermit bewiesen ist.

Veröffentlicht am: 24.11.2013

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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