„Situation Rooms“ von Rimini Protokoll bei Spielart

Im Leben der Anderen

von Katrin Kaiser

Ferngesteuerte Zuschauer-Akteure: Öffnen Sie jetzt die Tür! Foto: Pigi Psinemou

Bei Spielart zeigte sich Deutschlands wohl bekanntestes Performance-Kollektiv Rimini Protokoll das letzte Mal 2007. Dem bayrisch-brasilianischen Polizistenprojekt "Soko Sao Paolo" von damals folgt jetzt ein realitätsnahes Multiplayer-Spiel mit Videobotschaften aus aller Welt.

Ein langer, düsterer Korridor. Man kniet auf sandigem Boden. Einige Meter entfernt steht ein Mann, hebt die Waffe und zielt. Einen kurzen Moment lang spürt man tatsächlich die Waffe auf sich gerichtet, fühlt das Unausweichliche der Situation.

Das ist einer der stärksten Momente der Video-Container-Performance „Situation Rooms“. Das Regiekollektiv Rimini Protokoll und sein Bühnenbildner Dominic Huber haben in die Spielhalle der Kammerspiele in liebevollster Kleinarbeit ein komplexes Konstrukt aus 15 miteinander verbundenen Zimmerchen gebaut. Da sind unter anderem ein kongolesisches Klassenzimmer, eine südsudanesische Radiostation, ein mexikanischer Friedhof, ein jordanisches Internetcafé, eine Küche, ein Wohnzimmer und ein Konferenzsaal. In diesem Haus im Haus verbringt man als Zuschauer eineinhalb Stunden, zusammen mit 19 anderen Zuschauern – und keinem Performer.

Die einzigen Menschen, denen man in den „Situation Rooms“ live begegnet, sind die anderen Zuschauer. Jeder einzelne Zuschauer bekommt von Anfang an über iPad und Kopfhörer Anweisungen, wohin er gehen und was er dort tun soll. Diese Anweisungen sind nicht live, aber dafür von echten Menschen aus allen Teilen der Welt. Alle, deren Videobotschaften man da empfängt, haben direkt oder indirekt mit Waffen zu tun: Da sind ein kongolesischer Kindersoldat, ein Arbeiter in einem Schweizer Rüstungsbetrieb, ein Kriegsfotograph, ein Friedensaktivist, eine Kantinenwirtin in einer russischen Munitionsfabrik und ein deutscher Sportschütze. Einige Minuten lang erzählen sie kleine Anekdoten und einschneidende Erlebnisse aus ihrem Leben, nehmen den Besucher des Situation Rooms mit in für sie alltägliche Situationen. Man schlüpft für einige Minuten in die Rolle des Kindersoldaten, des Kriegsfotographen und all der anderen.

Dabei begegnet man immer wieder anderen Zuschauern in anderen Rollen. Das, was man auf dem Display seines ipads sieht, doppelt sich dabei mit dem, was man in Wirklichkeit sieht – mit kleinen, effektvoll gesetzten Differenzen. Anstelle der Zuschauer, die einem im Laufe des Abends über den Weg laufen, sieht man auf dem iPad-Display die realen Charaktere.

In dem langen, sandigen Korridor, den man als Kriegsfotograph vorsichtig überqueren möchte, begegnet man dem Sportschützen. Es steht da in Wirklichkeit nur ein anderer Zuschauer mit erhobenem ipad; auf seinem eigenen Display sieht man dagegen an der gleichen Stelle einen Mann mit schussbereiter Waffe stehen. Und von ganz alleine entsteht im eigenen Gehirn das Bild einer Gefangenenerschießung in der Wüste – man selbst mittendrin.

Manchmal ist man in "Situation Rooms" auch mit sich selbst konfrontiert. Foto: Pigi Psimenou

„Situation Rooms“ funktioniert nach dem Prinzip eines Multiplayer-Videospiels. So etwas im realen, analogen Raum derart schlüssig zu konstruieren und in perfektem Timing zu koordinieren, verdient allein schon großen Respekt. Das besondere künstlerische Gespür und die Professionalität von Helgard Hauk, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll zeigen sich aber vor allem in der Tatsache, dass dieses perfekt umgesetzte Videospiel-Prinzip lediglich den Rahmen bildet zu etwas noch Größerem. Es gelingt diesen drei Künstlern in „Situation Rooms“ einmal mehr,  aus Versatzstücken des Realen subtile und allgemeingültige Metaphern dafür zu erschaffen, wie die Realität als Ganzes funktioniert.

Wenn man nach eineinhalb Stunden „Situation Rooms“ das perfekt ineinandergreifende Miniatur-Räderwerk der zivilen und militärischen Kampfhandlungen wieder verlässt, hat man tatsächlich das Gefühl, dass man etwas gelernt hat, über Krieg und Frieden, über die Gesellschaft und über den Menschen an sich. Das Eintauchen in das Leben der Anderen ist gelungen.

"Situation Rooms" ist noch bis Samstag, 30. November 2013, täglich um 17, 19 und 21 Uhr in der Spielhalle der Kammerspiele zu sehen.  Alle Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

 

Veröffentlicht am: 19.11.2013

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