Tanzmarathon "Dancing Days" im i-camp

Die sich einen Wolf tanzen

von kulturvollzug

Deutschland sucht den Dauertänzer. Foto: Franz Kimmel

Zwölf Performer und Performerinnen machen die Nacht zum Tag und tanzen 24 Stunden lang durch. Allerdings nicht in irgendeinem hippen Münchner Club, der einen auf Berghain macht, sondern im i-camp. Dort feierte der 24-Stunden-Tanzmarathon „Dancing Days“ von Stefan Dreher vor kurzem Premiere.

Die Regeln sind einfach: Um den 24stündigen Marathon zu bestehen, müssen sich die zwölf professionellen Tänzerinnen und Tänzer 18 Stunden lang auf der Bühne des i-camp bewegen. Wer das schafft und somit das Ziel erreicht, wird von den Zuschauern und vor allem von den anderen Performern so stürmisch gefeiert, als wäre er gerade nach 40 Kilometern Dauerlauf durchs Ziel gestolpert. Auch bei diesem Marathon gibt es Startnummern und Coaches, jedoch hat das hier nichts mit einem Wettkampf zu tun. Bei „Dancing Days“ geht es nicht darum, eine kilometerlange Strecke in möglichst kurzer Zeit stur geradeaus zu laufen. Obwohl der choreografische Leiter und Initiator Stefan Dreher das Gehen als Basis des Tanzens sieht, sind die Teilnehmer in ihren Bewegungen frei. Dabei darf die permanente rhythmische Verlagerung des Gewichts nie aufhören. Beim Marathon als Leichtathletikdisziplin ist die Zielrichtung klar definiert ist. Dagegen ist das Ausweichen nach hinten, zur Seite oder auch nach unten auf den Boden bei Drehers Projekt im i-camp Teil des Konzepts. Die Performer entwickeln im Tanzen, das gleichzeitig Experiment ist, einen künstlerischen Ausdruck.

Immer wieder entstehen Interaktionen. Es kann nur ein kurzer Blick sein, ein Lächeln oder aber ein lauter Ruf, das Anstimmen einer improvisierten Liedzeile, das die Tanzenden dazu veranlasst, aufeinander zuzugehen und ihre Rhythmen und Schritte aufeinander abzustimmen, um gemeinsam kleine Choreografien zu entwickeln. „Die unterschiedlichen Charaktere und künstlerischen Prägungen der einzelnen Performer waren in der gemeinsamen Interaktion sichtbar und spürbar“, erklärt die Tänzerin Johanne Timm, die bei Drehers Projekt zudem als choreografische und organisatorische Mitarbeiterin teilgenommen hat. So schreitet Reinhard Rio Kopp mit der Startnummer 9 am späten Nachmittag des ersten Marathontages unbeirrt von den Vorgängen im Zentrum der Tanzfläche zum Rhythmus der Musik die Seitenlinien der rechteckigen Bühne ab. Er macht zwei große Schritte, bleibt kurz stehen, rollt die Schultern zurück. Wieder zwei Schritte, stehen bleiben, Schultern.

Wiederholung ist – genauso wie das Spiel mit Variation – ein wichtiges Element des Tanzes. Schaut man Kopp oder einem der anderen eine Weile konzentriert zu, kann man im Zuschauerraum des i-camp fast Zeit und Raum vergessen. Das stundenlange Tanzen zu der minimalistischen elektronischen Musik von Christoph Reiserer hat etwas Meditatives. Die Wiederholungen werden zu einem Ritual, das mit der Zeit bei den Zuschauenden so etwas wie einen Trancezustand auslösen kann. Timm beschreibt die Wiederholung als „Meditation des Loslassens“. „Der Körper übernimmt irgendwann und läuft wie von allein. Der Fluss von kompositorischen Entscheidungsfragen wie, was mache ich jetzt oder wie wirke ich nach außen, versiegt nach und nach.“ In ähnliche Sphären gelangen wohl auch die Derwische, die sich bei ihrem ekstatischen Tanz in Windeseile immer um die eigene Achse drehen. In 24 Stunden dreht sich auch die Erde ein Mal um sich selbst. Im i-camp widmen die Tanzenden diese Zeitspanne dem Tanzen. Sie tun dabei immer genau das, was ihnen im jeweiligen Moment sinnvoll erscheint, um Raum und Zeit auszufüllen. Dabei durchleben die Tänzer verschiedene Phasen der Wahrnehmung und der Gemütsstimmung: „Eine Phase ist natürlich die Langeweile, die sich durch die Wiederholung des immer Gleichen einstellt“, sagt Timm, für die gerade diese schwierigen Momente besonders interessant waren. „Wenn man dieses Gefühl der Langeweile aushält und zulässt, wird irgendwann etwas Neues und Unerwartetes entstehen.“

„Dancing Days“ zitiert nicht nur die Konventionen des Marathons als Sportereignis, um mit ihnen zu brechen. Für Timm besitzt diese Performance eine besondere Faszination, weil sie sich jenseits der gängigen Theaterkonvention mit der ihr eigenen starken zeitlichen Begrenztheit bewegt. „Der Marathon, so wie wir ihn konzipiert haben, stellt für mich einen Rahmen dar, um in der Bewegung sein Bewusstsein erforschen zu können“, sagt die Tänzerin. Eine solche intensive Erfahrung wäre während einer kurzen Aufführung nicht möglich. Ein 24-stündiger Tanzmarathon ist allerdings auch für das Publikum eine Herausforderung. „Als um 3 Uhr nachts gar keine Zuschauer mehr da waren, wurde es schwierig“, sagt Timm. „Es ist nicht zu unterschätzen, wie viel Energie ein anwesender Zuschauer dem Performer gibt.“

 

Selbst ist der Tänzer. Foto: Franz Kimmel

Dreher hat das Projekt „Dancing Days“ zwar in Anlehnung an die Tanzmarathons in den USA der 1920er und 30er Jahre konzipiert, aber mit diesen kommerziellen Wettbewerben hat die Performance im i-camp nicht viel zu tun. Der Film „They Shoot Horses, Don‘t They?“ mit Jane Fonda von Sydney Pollack, der auf dem gleichnamigen Roman von Horace McCoy beruht, liefert eine Vorstellung davon, wie ein solcher Marathon während der Weltwirtschaftskrise in den USA ausgesehen haben muss: Für ein lächerliches Preisgeld von 1500 Dollar und regelmäßige Mahlzeiten tanzen die teilnehmenden Paare bis zur absoluten Erschöpfung hunderte Stunden durch.

An den drögen Standardtanz, der bei den Wettbewerben in den USA an der Tagesordnung war, sind die Performer im i-camp nicht gebunden. Trotz des gleichförmigen, ruhigen Rhythmus, der an das Ticken einer Uhr oder an das Schlagen eines Herzens denken lässt, fällt ihnen immer wieder etwas Neues ein. „Einige begaben sich bewusster in die minimalistische Wiederholung und damit in einen tranceähnlichen Zustand, andere versuchten, immer wieder neue Aktionen auf die Bühne zu bringen. Wieder eine andere Strategie war tänzerisches Material weiterzuentwickeln und dadurch eine langsame Metamorphose zu initiieren“, erzählt Timm.

Am nächsten Morgen liegen noch ein paar Schlafsäcke im Zuschauerraum verstreut, obwohl das Tageslicht schon seit geraumer Zeit durch die Hintertür in den Raum dringt. Ein paar Performer haben das Frühstück auf die Bühne verlegt und tanzen mit Müslischüsseln in der Hand. Die Müdigkeit ist in manchen Gesichtern nicht zu übersehen. Eine gute halbe Stunde später hat sich der Zuschauerraum gefüllt – das Publikum hat die 24 Stunden nicht durchgehalten, aber den Zieleinlauf will niemand verpassen. 15 Minuten vor Schluss ist nur noch Aurélien Desclozeaux mit der Startnummer 4 auf der Tanzfläche. Doch für den Endspurt ziehen sich alle noch ein letztes Mal ihre Startnummern über und kommen auf die Bühne. Eine Minute vor Ende hat dann auch Desclozeaux die 18-Stunden-Marke geknackt. Wieder brechen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Jubel aus. Kurz darauf zeigt die Digitalanzeige an der Wand 12 Uhr mittags an. Die Zeit ist abgelaufen, der 24-Stunden-Tanzmarathon ist vorbei. Die Tanzenden, die nun endgültig stehen bleiben dürfen, scheinen das kaum glauben zu können. Der Initiator des Tanzmarathons Dreher denkt bereits daran, das Projekt das nächste Mal auf fünf Tage auszuweiten.

Ana Maria Michel

 

Veröffentlicht am: 18.11.2013

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