"On the Path of Death and Life" im Maximiliansforum

Das Rauschen der Bilder

von kulturvollzug

Japan im Schnelldurchlauf der Überblendung. Foto: Nobuyoshi Araki

Im November, dem Monat des Totengedenkens, lädt Klangregisseur Stefan Winter in den Münchner Untergrund. Bei der audiovisuellen Installation „On the Path of Death and Life. Drei Klangschaften im roten Raum“ verbindet er in Japan gesammelte "Klang- und Krachstücke" mit dem Werk des Komponisten Fumio Yasuda sowie mit Fotografien von Nobuyoshi Araki. Eine entscheidende Rolle spielt dabei – in Erinnerung an Fukushima – das Wasser, dessen Kraft zerstört und Neues schafft.

Ein Bild jagt das nächste. Der japanische Fotograf Nobuyoshi Araki setzt für seine Aufnahmen Puppen mit weit aufgerissenen toten Augen und Miniatur-Drachen aus Plastik in farbenprächtige überdimensionale Blütenarrangements. Jeder Abschnitt der dreigeteilten Filmleinwand, die sich über die gesamte Längsseite des Raumes erstreckt, zeigt im schnellen Wechsel eine andere Fotografie. Die Motive kehren wieder, aber sie treten in immer neuen skurrilen Verbindungen auf. Es wird gezoomt und überblendet was das Zeug hält. Der Zuschauer ist im Maximiliansforum unter Münchens gleichnamiger Prachtstraße mit diesem Farb- und Bildfeuer einer dauernden Reizüberflutung ausgesetzt. Den Sound zu diesem surrealen Spektakel liefern der Klangregisseur Stefan Winter hinter dem DJ-Pult und Fumio Yasuda am Klavier. Winter kombiniert Klang- und Krachstücke, die er bei Reisen durch Japan gesammelt hat, mit der Musik des Pianisten Yasuda.

Da ist das fröhliche Stimmengewirr, das der Klangkünstler bei einer japanischen Tauf- beziehungsweise Reinigungszeremonie aufgenommen hat, Meeresrauschen von der Küste und das Geräusch eines fahrenden Zuges, hinter dem sich eine tragische Geschichte verbirgt. Winter erklärt vor der Performance, dass er diese Klangprobe an einem Gleisstück nahe Tokio aufgenommen hat, das von außen nicht einsehbar ist und daher häufig von Selbstmördern aufgesucht wird.

Die Betrachter erleben das alles so, wie man sich einen LSD-Trip vorstellen mag. Sie sind gebannt von den berauschenden Farben und den irren Montagen, die durch das harmonische Klavierspiel Yasudas, in das Winter seine Klang- und Krachfunde mischt, begleitet werden. Doch es fehlt nicht viel, um sich in dem Raum im Münchner Untergrund, der komplett mit rotem Teppich ausgelegt ist, in einen Film von David Lynch versetzt zu fühlen. Behaglichkeit kommt nicht auf, alles ist zu laut, zu bunt, zu nah, zu verstörend. Hier stimmt etwas nicht. Als dann plötzlich nur noch das laute Getöse des einrauschenden Zugs zu hören ist, läuft einem endgültig der Schauer über den Rücken.

Fast 16.000 Menschen starben im März 2011 in Japan. Das Land war einer dreifachen Katastrophe ausgesetzt, als ein Erdbeben eine gewaltige Tsunami-Welle auslöste, die zum Auslöser der Atomkatastrophe von Fukushima wurde. Dieses Ereignis wirkt sich auf die Arbeit der drei im Maximiliansforum vertretenen Künstler aus. So kommt vor allem dem Geräuschelement Wasser bei „On the Path of Death and Life“ eine zentrale Rolle zu. Winter findet nach Fukushima in Japan das, was nach einer Katastrophe übrig bleibt. Die Klangfundstücke zeugen von schrecklichen Ereignissen, von Tod, aber auch von glücklichen Zeiten und Lebendigkeit. Auch die Puppen auf Arakis Fotografien wirken wie Strandgut, das nicht von der vernichtenden Welle mitgerissen wurde. Es sind Dinge, die zurückgelassen wurden, um dann gefunden zu werden und als Teil eines Kunstwerks eine völlig neue Funktion zu erhalten.

Wehrlosigkeit als Ausdruck von Ekstase. Foto: Nobuyoshi Araki

Insgesamt besteht die audiovisuelle Installation aus drei Teilen, die je 22 Minuten dauern. Der zweite, den Winter als „Odyssee“ bezeichnet, setzt sich durch seine in Schwarz-Weiß gehaltenen Fotografien von den beiden rahmenden Teilen ab. „Der zweite Teil ist eine Reise, ein Umherirren, ein Suchen, die Suche nach sich selbst“, sagt der Klangkünstler. Durch die zerkratzten Bilder geht ein Riss. Aktfotografien wechseln sich mit Familienfotos, die freundlich lächelnde Menschen zeigen, und Bildern von gefesselten Frauen ab. „Kinbaku“ nennt sich die japanische Fesselkunst, die an Bondage erinnert. Die fotografierten Frauen sind unbeweglich, sie sind den Blicken der Besucher wehrlos ausgeliefert. Für Winter drücken die gefesselten Frauen Ekstase aus. Doch nicht umsonst ist der bekannte japanische Fotograf Araki, der schon Lady Gaga und Björk vor der Linse hatte, umstritten. Die Frage bleibt: Ist das Kunst oder Pornografie? Beklemmend ist es auf jeden Fall.

Bei den Bildern der nicht oder nur spärlich bekleideten Frauen fühlt man sich an ein Gemälde des französischen Malers Gustave Courbet aus dem 19. Jahrhundert erinnert. Es zeigt einen liegenden Frauenkörper mit geöffneten Beinen, der auf Höhe der Brust abgeschnitten ist. Der Titel: „Der Ursprung der Welt“. „Der Mensch wird von der großen Welle überflutet und aus dem Meerschaum neu geboren“ lautet in diesem Sinne das letzte Motto der dreiteiligen Installation. Begleitet von Meeresrauschen sind erneut farbintensive Blumenarrangements auf der Leinwand zu sehen, doch in der Nahaufnahme verschwimmen die Motive, die Blütenblätter werden zu Wellenformationen. „Wasser spielt in der erotischen Schöpfungsgeschichte mit Izanagi und Izanami, die mich vollkommen fasziniert, eine herausragende Rolle“, erklärt Winter. Die beiden Ursprungsgötter erschaffen dem Mythos nach die japanischen Inseln, indem sie einen himmlischen Speer in den Urozean tauchen. Aus dem Salz, das von der Spitze des Speers herabtropft, entsteht das Festland.

Der letzte Teil von „On the Path of Death and Life“ verweist nicht nur auf den japanischen Weltentstehungsmythos: „Die Klänge der Wellen im Blütenmeer sind Symbol der Sintflut und der Geburt“, sagt Winter und spielt damit auf die Geschichte von Venus, der Schaumgeborenen, an. Kronos schneidet seinem Vater Uranos die Geschlechtsteile ab, um sie dann ins Meer zu werfen. Der Samen vermischt sich mit dem Wasser, dem weiblichen Element. Aus dem Meerschaum geht Venus hervor. Im Mythos entsteht nach dem Gewaltakt der Kastration mit der Geburt der Venus aus dem Meerschaum etwas Neues.

Die Katastrophe gebiert Kunst, die erinnert. Nach Fukushima schaffen auch die Künstler Winter, Yasuda und Araki Neues, indem sie Bild- und Tonmaterial auf ungewöhnliche Weise kombinieren und arrangieren. „Fukushima bedeutet Aufbruch. So wie ein Vulkanausbruch zerstört, um neues Leben zu bringen, so zerstört die Kraft des Wasser und birgt in sich das Leben“, sagt Winter. Das entstandene Zusammenspiel aus Bild und Sound ist auf gewisse Weise schön und berauschend. Es schlägt den Betrachter, der zu wilden Assoziationen eingeladen wird, in seinen Bann, aber gleichzeitig verstört es. Zurück bleibt das Gefühl des Unbehagens, mit dem der Besucher die Treppe aus dem Münchner Untergrund zur Oberfläche wieder emporsteigt.

Die audiovisuelle Installation „On the Path of Death and Life“ ist noch bis zum 24. November 2013 an den Wochenenden im Maximiliansforum zu sehen und zu hören. Die Termine können unter www.maximiliansforum.de abgerufen werden.

Ana Maria Michel

 

Veröffentlicht am: 13.11.2013

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