Das Bohren in der Wunde - Joseph Zoderers Roman "Die Farben der Grausamkeit"

von kulturvollzug

Bild: Haymon

Eine außergewöhnliche Dreiecksbeziehung: Eindringlich und verstörend beschreibt Joseph Zoderer in dem Roman „Die Farben der Grausamkeit“ das Doppelleben seines Protagonisten Richard. Dieser giert nach den einmaligen Augenblicken des Liebesglücks und bleibt sich doch stets fremd.

Richard baut sich eine Heimat. Am Rande eines kleinen Dorfes renoviert er für sich, seine Frau Selma und die Söhne Rik und Tommy ein altes Haus. Er reißt das Unkraut aus dem Feld, er schleppt Mörtel auf den Berghang und zimmert aus alten Brettern ein „hartes Liebesbett“. Doch sein „Bollwerk der Geborgenheit“ schließt nicht die Risse seiner eigenen Fassade. Das Haus am Berg entpuppt sich als Luftschloss. Glück und Ruhe – nichts als eine Chimäre.

Er kann Ursula nicht vergessen, das Mädchen aus der Stadt, Praktikantin beim Radio und seine Geliebte. Als sie sich trennte, hinterließ sie in ihm eine klaffende Wunde. Doppelleben und Versteckspiel setzen sich in seinem Kopf fort.

Erschütternd schildert Joseph Zoderer die innere Zerrissenheit des Protagonisten. So zweifelnd und zermürbend Richards Gedanken sind, so ambivalent zeichnet Zoderer die Landschaft, in der sich Richard bewegt. In Bergnähe fühlt Richard, wie „seine Füße wieder Boden unter die Sohlen“ bekommen. Doch vom Wald als Ort innerer Einkehr bleibt an anderer Stelle nur die „Kahlheit der Laubbäume“ und es zieht Richard hin zum „Frühling im Tal“ und den „Parkanlagen der Stadt“.

Joseph Zoderer Foto: Max Lautenschläger

Der Kontrast zwischen Heimat und Fremde, zwischen hier und dort, die Abgründe der Beziehung zwischen Mann und Frau – das sind Zoderers Lebensthemen. Berühmt wurde er, als der Münchner Carl Hanser Verlag seinen Roman „Die Walsche“ 1982 veröffentlichte. Oft reduzierte man den Autor darauf, dass er die Geschichte Südtirols zum zentralen Topos seiner Literatur machte, dass er den Konflikt zwischen deutschsprachigen Südtirolern und Italienern zum Roman verwob.

Politische Veränderungen nimmt Richard nur am Rande wahr. Er wird als Korrespondent 1989 nach Berlin geschickt. Doch sein Blick richtet sich selbst inmitten feiernder Menschenmengen auf sein Inneres. Der „Wind of Change“ reißt die Berliner Mauer ein und legt sich in der deutschen Einheit. Richards Leben wirbelt er aber aufs Neue durcheinander: Zufällig trifft er auf Ursula und wieder beginnt das Doppelleben.

Als Leser muss man Richard bisweilen verachten, vor allem für seine Schwäche, sich nicht entscheiden zu können. Und doch wird man ihm weiter folgen – auf seiner unglücklichen Glückssuche. Sein Leiden unter der eigenen Unentschiedenheit steht im Zentrum des Romans. Nur selten, dann aber umso erschütternder, werden die Folgen für seine Ehefrau Selma gezeigt: „Vor zwei Tagen hatte sie sich in die Badewanne gelegt und eine halbe Flasche Grappa ausgetrunken. Sie wollte untergehen, absaufen in der Flut, im rinnenden, alles überschwemmenden Badewasser ihres Hauses am Waldrand, trotz dieser zwei Buben, die ihr Trost hätten sein können.“

Richard kann dem selbstzerstörerischen Reiz nicht widerstehen: „Irgendwann war er an den Rand getreten, an den Rand der Klippe, um einmal in den Abgrund zu sehen. Dann war er zurückgetreten. Er wollte nicht abstürzen. Und doch konnte er nicht aufhören, diesen Blick (hinunter) zu wiederholen, im Kopf zu haben.“ Kein Kaviar ist ihm zu teuer, kein Flug zu weit – Richard macht alles nur der Liebe wegen und sucht den magischen Moment. Doch Richard weiß, dass er ein „Glückshenker“ ist, ein „Grausamkeitsspezialist“.

Salvan Joachim

„Die Farben der Grausamkeit“ (336 Seiten) von Joseph Zoderer ist im Haymon Verlag erschienen. Das Buch kostet 19,90 Euro.

Veröffentlicht am: 09.02.2011

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