"Die Filmwelten des Alois Brummer" in der Pasinger Fabrik

Nach 45 Jahren wird der Porno-Papst aus Pasing zur Kultfigur

von Karl Stankiewitz

Die Pasinger Fabrik wird zum Eros-Center. Foto: Maximilian Ott

1968 war bekanntlich die Revolution ausgebrochen. Auch die „sexuelle Revolution“. Auch und gerade in München. In der noch heimlichen Hauptstadt wurde sie in jenem und im folgenden Jahr begeistert und intensiv erlebt. Zum Beispiel: Im Stadtmuseum erzielte eine Akt-Ausstellung mit kleinem Porno-Kabinett einen Besucherrekord. Im neuen Erotik-Theater spielten Damen mit freiem Oberkörper. Im Musical „Hair“ standen 30 Schauspieler plötzlich nackt auf der Bühne. In der Kunstakademie wurde, wie sich ein Abgeordneter erregte, „das Obszönste“ an die Wände gepinselt. In der Katholischen Akademie wurde eine offene Sexualerziehung diskutiert. Im Buchhandel und auf dem Boulevard erschienen die ersten Sexbücher für Kinder und allerlei Lustblätter. Sexläden machten auf und eine „Liebesakademie“. Und Oswalt Kolle, der Chefaufklärer der Nation, testete mit seinem jüngsten Film über Ehebruch die Grenzen der Toleranz.

Den Höhepunkt – vielleicht besser: den Tiefpunkt – erreichte diese Sexwelle Ende 1968 mit der ersten „volkstümlichen“ Pornofilmserie. Sie wurde vorwiegend in einer bescheidenen Villa in Pasing gedreht. Jetzt widmet ihr die Pasinger Fabrik bis Ende November 2013 eine Veranstaltungsreihe mit dem etwas rätselhaften Titel „Sex X Pasing“. Originalfilme und filmische und andere Dokumentationen, eine Ausstellung im Keller, Zeitzeugen, Sachkundige, und damalige Darsteller sollen vor allem eines Mannes gedenken, dessen Werke in einem gewissen Sinn – so der Filmpublizist Georg Seeßlen - „ehrlicher das kulturelle Klima der sonderbaren 70er Jahre wiedergaben, als es die zeitgenössische Kritik sehen konnte oder wollte“.

Der Mann hieß Alois Brummer. Er war eine durchaus sonderbare Erscheinung. Als seinerzeit Deutschlands erfolgreichster Filmemacher scheute er die Öffentlichkeit, sprach nicht mit Journalisten und ließ sie nicht bei der Arbeit zuschauen. 1957 hatte der Bauernbub aus Niederbayern „wegen einer Sache“, über die er nie reden wollte, seine Spedition verkauft und dafür einige Kinos eingehandelt. Frühzeitig erkannte er die Chancen des neuen Geschäfts mit dem Sex, wobei er sich erst heißer Ware aus den USA bediente.

Mit Hilfe des aus Sachsen zugewanderten Regisseurs und Drehbuchschreibers Günter Hendel und eines schlecht bezahlten Kameramanns produzierte er schnell hintereinander zwei Filmchen, deren Held ein vertrottelter, jedoch lüsterner Graf war. Er übernahm die „künstlerische Gesamtleitung“ und eine Nebenrolle als Pfarrer auf Abwegen. Mit „Graf Porno und seine Mädchen“, der in 55 Kopien lief und lief und lief, lockte er rasch über drei Millionen Besucher an. Auf die „Goldene Leinwand“, die ihm nun zustand, verzichtete er lieber. Aber von den 4,5 Millionen eingespielten Mark kaufte er sich das Häuschen in Pasing, das er bis in den Hobby-Keller hinunter als Studio einrichten ließ.

Bei der Produktion der Graf-Porno-Serie – ihr folgte „Gräfin Porno von Ekstasien“ - tauchte 1969 ein anderer Filmemacher auf, Hans-Jürgen Syberberg. Er durfte eine Dokumentation unter dem Titel „Sex-Business made in Pasing“ drehen. Sechs Tage lang beobachtete er das Treiben seines 53jährigen Kollegen im trauten Heim, in oberbayerischen Kuhställen, in abgelegenen Kiesgruben und auf idyllischen Almen, Brummers favorisierter Bühne. Syberberg wollte einen „Beitrag zur Filmsoziologie“ leisten; er gewann mit dieser Motivation das ZDF, das aber nach Ansicht einiger Szenen einen Rückzieher machte. Das Bayerische Fernsehen brachte dann ein paar Ausschnitte im Nachtprogramm. Eine Frauengruppe der CSU stürmte das Funkhaus.

Juckt´s schon? Foto: Maximilian Ott

Immerhin konnte der komplette Film über den sonderbaren Filmemacher im Januar 1970 in einem Schwabinger Kunstkino, unter schallendem Gelächter, uraufgeführt werden. Brummer selbst fehlte bei der Premiere. Nur über die Bild-Zeitung erfuhr Syberberg, dass der Protagonist sein Produkt  für eine „Schweinerei“ halte und deshalb eine Klage erwäge. Immerhin wurden Leben und Wirken des öffentlichkeitsscheuen Alois Brummer nun besser bekannt. Man lernte ein wahres Unikum kennen.

Brummer machte alles selbst. Vom oft improvisierten Exposé bis zum Plakatentwurf (er schnitt Bildchen aus dem „Playboy“). Als Supermann engagierte er für wenig Gage den italienischen Kellner Rinaldo Talamonti. Anfangs war gar noch der Ufa-Star Carola Höhn dabei. Als Nachwuchstalente wurden die Steeger und die Volkmann entdeckt. Passende Mädchen suchte Brummer nicht etwa nach schauspielerischen Qualitäten, er urteilte etwa: „Das Weib hat keinen guten Sex“ oder „Die ist Kassengift“. Das Wenige, das sie zu plappern hatten, wurde synchronisiert. Südländische Typen lehnte er ab, die passten nicht zu „Heimatfilmen“ wie „Beim Jodeln juckt die Lederhose“ oder „Auf ins weiß-blaue Himmelbett“. Der Altbayer wollte es halt „volkstümlich und sauber“. Und vor allem „lustig“, wie er den ernsthafteren Kollegen Syberberg wissen ließ.

Plakate mit Playboyausschnitten, selber zusammengeklebt. Foto: Maximilian Ott

Lachen sollten die Leute allein schon bei – ebenfalls vom Chef ausgedachten - Titeln wie „Bis dass es aus der Hose qualmt“ (der Vorgang wurde trickreich veranschaulicht), „Mei Hos is in Heidelberg geblieben“ oder „Dr. Fummels Gespielinnen“. Beim Drehen fummelte Brumer gern mal mit. „Ich dirigier' alles, kann nicht mit dem Holzhammer, geht net.“ Wenn seine nackten Stars im Schlamm tändeln mussten, spritzte er sie mit dem Gartenschlauch sauber. Und er legte großen Wert darauf, dass sich im Team „nichts anbahnt“, sauber sollte es jedenfalls zugehen in Pasing. Nebenher drehte er lustige Filme über die Bundeswehr.

Mit Hinweis auf Syberbergs Dokumentationsfilm, den Brummer für eine Schweinerei hielt, konnte er seine Sex-Gaudi bestens verkaufen. Nicht nur in der Bundesrepublik, wo sie bei insgesamt 30 Millionen Besuchern mindestens 22 Millionen Mark erlöst haben sollen, sondern auch in Griechenland, Israel, Japan und sogar im Ostblock. Die Produktionskosten spielten fortan keine Rolle mehr. Brummer, sonst extrem sparsam, flog eigens nach Rom, um die Skandalnudel Maria Schneider zu gewinnen. Er kaufte eine Yacht, um seine Nackerten bei einer Kreuzfahrt im Mittelmeer zu filmen.

Jetzt aber kam er ins Schlingern. Für eine Dokumentation über seinen Geburtsort Mainburg bekam er keine Drehgenehmigung. Eines seiner Werke wurde als „Skandalfilm“ beschlagnahmt, eine Anzeige wegen Körperverletzung folgte, hatte aber keine Folgen. Ärger gab es auch immer wieder mit der FFK, der Freiwilligen Filmselbstkontrolle. Um seinen Ruf aufzubessern, wandte sich der Porno-Papst aus Pasing dem aufwändigen Kostümfilm zu, ohne ganz vom gewohnten Thema und vom Lederhosen-Niveau abzulassen. „Katharina, die nackte Zarin“ und „Rasputin, Orgien am Zarenhof“ - derlei Schinken brachten viel Geld, kosteten aber auch viel Geld. Das letzte Projekt „Pussy, lasst mich zuschauen“ wurde nichts mehr. Und ein paar 35-mm-Hardcore-Filmchen konnten nur in Clubs gezeigt werden.

Irgendwann war die Luft raus aus der Filmfabrik in der Vorstadt, wo ein Unikum der Kinematografie jahrlang die Sau raus gelassen hatte. Brummer, nun obendrein geschieden, entwickelte sich zum Einsiedler. Er starb am 4. Mai 1984  in München. Alle seine Filme und einige Materialien mehr lagern heute im Keller eines verarmten Klosters in Halberstadt, Sachsen-Anhalt.

Jetzt plötzlich also ist der Alois Brummer samt seinem Grafen Porno zur Kultfigur erhoben worden. Bei der Vernissage in der Pasinger Fabrik, dem heutigen Stadtteilkulturzentrum, erinnerten sich einige alte Mitarbeiter an viele erheiternde Szenen. Als beispielsweise die bloßhäutige, blonde Sissy Engel von Brummer durch einen verschmutzten Kuhstall getrieben wurde, erschien die Bäuerin mit der Mistgabel und schimpfte: „Raus, ihr Drecksäu.“  Sissy heute: „Ich wollte mich hinter einer Kuh verstecken. Die haben mich reingelegt mit dem angeblichen Filmtitel 'Gelegenheit macht Triebe'. Brummer erzählte mir auch, er habe vorher katholische Filme gemacht. Wir waren jung und dumm, wir brauchten das Geld und glaubten an eine Karriere.“ Immerhin spielte Sissy noch viele Jahre in Filmen und Musicals - ganz normale Rollen.

„Es hat Spaß gemacht und ich stehe dazu“, bekannte der männliche Porno-Star Rinaldo Talamonti, den Brummer „mein kleiner Italiener“ nannte. Für seine Paraderolle musste er fest trainieren. „Immer auf und ab, bis mir der Rücken weh tat.“ Vor kurzem noch betrieb der frühere Kellner in der Münchner City ein feines Restaurant. Und für den Regisseur Hendel war diese ganze Sexfilmerei nur „hundertprozentige Parodie“. Tatsächlich sei ja nichts „Schweinisches“ geschehen oder direkt gezeigt worden, behaupteten alle damals Beteiligten. Im Vergleich mit dem heutigen, allen zugänglichen Angebot seien die Brummer-Filme, bis auf die Titel, völlig harmlos gewesen.

Vom Autor erschien 2007 das „Münchner Sittenbuch“ im Schiermeier Verlag, mit einem Vorwort  von Oswalt Kolle.

Bis Ende November 2013 zeigt die Pasinger Fabrik "Die Filmwelten des Alois Brummer". In diesem Rahmen gibt es am Dienstag (5.11.13, 19.30 Uhr) dort "Graf Porno bläst zum Zapfenstreich" aus dem Jahre 1970 "in voller Länge" (!). In Anwesenheit des Hauptdarstellers Rinaldo Talamonti. Und Obacht: Einlass ist allen Ernstes erst "ab 16 Jahren"!

Veröffentlicht am: 04.11.2013

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Karl Stankiewitz

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