25 Jahre politische Satire in München

Wilde 80er abseits der Comedy

von Karl Stankiewitz

Helmut Schleich als FJS. Foto: Volker Derlath

1988 war für München ein großes Jahr der Kleinkunst. „Hiebe in die Saiten der Kohl-Ära“ hieß eines der vielen Programme, ein anderes schaltete auf „Blackout“. Aus einem Schülerkabarett hervorgegangen war eine neue Formation, die sich „Fernrohr“ nannte und in jenem Jahr „Schwarzgeräuchertes“ servierte. Christian Springer und Helmut Schleich waren die Protagonisten. Rückblick auf ein vergessenes Jubiläum.

„Kabarett war damals noch nicht im Überschneidungsbereich zur Comedy und folkloregeschwächt wie heute, sondern es war den Oberen wirklich ein Dorn im Auge“, erinnert sich Schleich ein Vierteljahrhundert später in einem Interview mit der Zeitschrift "Muh". Der gebürtige Schongauer war gerade 21 Jahre alt, als im Oktober jenes Jahres der Oberste der Oberen bei einem Jagdausflug ums Leben kam. Dass er einmal die satirische Reinkarnation des Franz Josef Strauß dauerhaft spielen würde, konnte Schleich damals nicht ahnen. Zu Strauß-Zeiten, erinnert er sich, sei politisches Kabarett im Bayerischen Fernsehen noch nicht vorstellbar gewesen.

Aber auch der Bayerische Rundfunk ließ der Kleinkunst, die er immer wieder mal unterdrücken musste, plötzlich ziemlich freien Lauf, der sich freilich im Umkreis des Glockenbachviertels bewegte: Franz Josef Bogner drehte die Fernsehserie „Zur Freiheit“ mit Ruth Drexel, Toni Berger, Gert Anthoff, Nikolaus Paryla, Hans Brenner, Udo Wachtveitl, Willy Michl und Ottfried Fischer. Die heißen politischen Themen blieben beim BR weiterhin ausgespart, beispielsweise die vom Ministerpräsidenten Strauß forcierten Großprojekte Staatskanzlei, WAA oder Rhein-Main-Donau-Kanal; 1982 war eine Folge des „Scheibenwischer“, die finanzielle Interessen bayerischer Politiker am großen Kanalbau aufs Korn nahm, in Bayern nicht zu sehen. Blackout.

Christian Springer heute. Foto: www.christianspringer.de

Für den Bayernfunk spielten Ottfried Fischer und Richard Rogler 1988 in zwei anderen Mehrteilern: „Mitternachtsspitzen“ und „Extratour“. Helmut Ruge, die „Wellküren“ und das „Crüppel Cabaret“ machten sich den Münchnern bekannt. Gabi Lodermeir und Maria Peschek begeisterten mit Solo-Programmen. Das besonders bissige „Rationaltheater“ des rechtskundigen Reiner Uthoff, der mit dem Thema „Das Kabarett als Mittel der öffentlichen Meinungsbildung“ promoviert hatte, provozierte mit „Tatort Vatikan“, wobei es um das akut gewordene Thema Kirche und organisierte Kriminalität ging. „Schuld sind immer die anderen“ hieß das aktuelle Programm der mit neuer, jüngerer Besetzung  angetretenen „Lach- und Schießgesellschaft“. Der einstige Cheftexter Klaus Peter Schreiner gab indes seine „Meistersatiren“ solo zum Besten.

Das beste politische Kabarett des Jahres aber wurde nicht etwa auf einer der zahlreichen Kleinkunstbühnen geboten, sondern im großen Schauspielhaus. Das Stück hieß „Diridari“, monatelang war es Stadtgespräch. Hanns-Christian Müller hatte das „szenische Kabarett“  für die Münchner Kammerspiele geschrieben. Fast „wie im richtigen Leben“ brachten Gerhard Polt, Dieter Hildebrandt, Gisela Schneeberger, Otto Grünmandl und die „Biermösl Blos’n“ eine Affäre auf die städtische Bühne, bei der es um viel Geld ging. „Diridari“ heißt im Münchner Vorstadtdialekt nichts anderes als Geld. Um zwanzig Millionen Mark sei die Stadt München beim Verkauf von Bauerwartungsland an den Baulöwen Josef Schörghuber geschädigt worden durch die frühere CSU-Mehrheit unter Oberbürgermeister Erich Kiesl (1978 bis 1984).

Das wurde diesem jedenfalls von seinem Amtsnachfolger Georg Kronawitter und der SPD vorgeworfen. Bereinigt wurde dieser „Baulandskandal“ erst 1995 durch eine Stiftung Schörghubers an die Stadt in Höhe von drei Millionen Mark.

Veröffentlicht am: 03.11.2013

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