Dafür würden manche bis zum Teufel gehen - zum Tod von Gary Moore die Besprechung seines letzten Münchner Konzerts

von Michael Grill

Gary Moore, wie ihn der Autor im Juni 1986 live bei einem Open air in Mannheim erlebte. Foto: Michael Grill

Gary Moore ist tot - für die Welt der lauten Gitarren von Blues bis Metal eine schockierende Nachricht. Der Ire starb im Alter von nur 58  Jahren während eines Urlaubs in Spanien, wie auf seiner Webseite bestätigt wurde. Die näheren Umstände sind noch nicht bekannt. Zum Gedenken an einen der besten Gitarristen wiederholen wir die Besprechung seines letzten Münchner Konzerts auf dem Sommer-Tollwood von 2009.

Der Text wurde von Kulturvollzugs-Autor Michael Grill für die Münchner Abendzeitung geschrieben und erschien dort am 10. Juli 2009. Im Zelt auf dem Olympiagelände war Moore gemeinsam mit Eric Burdon aufgetreten.

"Zwei Helden im Doppelpack, ein alter und ein ganz alter: Animals-Sänger Eric Burdon und der vom Schwermetaller zum Blues-Prediger konvertierte Supergitarrist Gary Moore kamen ins erstaunlich gut gefüllte Tollwood-Zelt – nicht, wie mancher vielleicht vermutet hatte, gemeinsam, sondern brav nacheinander.

Es wurde ein – mit kleinen Einschränkungen – großer Abend für Blues- und Bluesrock-Freunde, mit allen Standards, die diese traditionellen Genres zu bieten haben. So viele Blue Notes sind selten in drei Stunden von den Saiten gezupft worden, und so viele „Babes“, mit denen man den Blues, die Liebe oder sonst etwas Unanständiges hat, selten besungen worden.

Unschön an dem Auftritt von Burdon war eigentlich nur, dass er mit „When I Was Young“ schon zehn Minuten vor dem angekündigten Konzertbeginn startete, während hunderte Fans noch draußen auf den Einlass warteten. Ansonsten ist der inzwischen komplett weißhaarige Sänger zwar nicht mehr perfekt, aber immer noch sehr gut bei Stimme und legte gleich furios mit den größten seiner Songs los: „Don't Bring Me Down“, „San Francisco Nights“, „Don't Let Me Be Misunderstood“. Das war tränentreibend und gänsehautaufwerfend. Er zelebrierte „Boom Boom“ von John Lee Hooker und gab dem fast totgenudelten „House Of The Rising Sun“ eine frische Note.

Dieses Gitarren-Plektrum flog im November 1985 in hohem Bogen von der Bühne im Mannheimer Musensaal. Es wird heute noch in Ehren gehalten. Foto: Michael Grill

Da war die Frage, ob Gary Moore noch etwas draufsetzen kann, wo doch über seine Konzerte in letzter Zeit viel Schlechtes zu lesen war: Uninspiriert, desinteressiert, einfach nur brutal laut sei er auf der Bühne. Davon konnte bei Tollwood keine Rede sein. Moore spielte sich die Seele aus dem Leib, entlockte seinen diversen Gitarren (Les Paul, Thunderbird, Telecaster) einen glasklaren, absolut umwerfenden, stahlharten Turbo-Sound, für den wohl so manch anderer Saitenzupfer einen Pakt mit dem Teufel einginge, wenn's nur einmal so klingen würde.

Sicher, Moores Begleitband blickte fast immer aus großer Distanz ehrfürchtig, wenn nicht gar verängstigt auf den Meister, was dem Gesamteindruck nicht gut tat. Moores theatralische Animations-Gesten wirkten manchmal arrogant und die Leidens- und Ekstase-Posen einstudiert, gekünstelt. Doch das änderte nichts daran, dass 80 Prozent des Konzerts eine Offenbarung waren, was man im Jahre 2009 mit dem guten alten Blues noch alles so anfangen kann.

Und wo für den begnadeten Techniker Moore sein großes Dilemma liegt, das zeigte er auch noch mal besonders anschaulich bei der letzten Zugabe „Parisienne Walkways“: Er begann diesen Monster-Schmacht-Song in der vielleicht intensivsten, genialsten Version seit Jahrzehnten – und dann zerhackte er alles mit überflüssigen, ellenlangen Hochgeschwindigkeits-Soli. Schade drum, aber gelohnt hat sich der Abend trotzdem."

Veröffentlicht am: 07.02.2011

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